Was soll die Aufregung?
Einer der Vorteile, die es mit sich bringt, wenn man einige Grundkenntnisse auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften hat, ist, dass einem manche Aufregungen erspart bleiben. Dazu zwei aktuelle Beispiele:
Vor rund zwanzig Jahren blieb ich an einem Freitagabend mit meinem altersschwachen VW-Bus auf der Autobahn liegen. Der ADAC-Mechaniker, der mir zur Hilfe kam, stellte fest, dass die Benzinpumpe kaputt gegangen war. Der 24-Stunden-Ersatzteilservice von VW hatte natürlich schon längst Feierabend. Der Mechaniker betrachtete ein paar Minuten lang sinnend meine kaputte Benzinpumpe, dann sagte er entschlossen: „Aus Scheiße mach Bonbons“ und modellierte das zu Bruch gegangene Schräubchen aus Lötzinn nach. Es funktionierte. Das war ein großartiger Mann. Sein Motto und sein Handeln habe ich nie vergessen.
Seit diesem Tag bin ich vollauf überzeugtes ADAC-Mitglied, erhalte regelmäßig die Mitgliederzeitschrift und weiß deswegen seit zwanzig Jahren, dass sie voll ist von statistischen Daten, die das Papier nicht wert sind, auf das sie gedruckt werden. Ich kenne keine andere Publikation, die so viel offensichtlichen statistischen Unsinn enthält. Anfangs waren es meistens „TED-Umfragen“, bei denen Teilnehmer nach Belieben anriefen und ihre Meinung sagten, heute sind es Internet-Abstimmungen, die als angebliche Bevölkerungsmeinung präsentiert werden. Beide Methoden sind zur Messung der Bevölkerungsmeinung völlig ungeeignet, die Ergebnisse dementsprechend auch nicht selten geradezu unfreiwillig komisch. Gestern las ich in der FAZ, es herrsche große Aufregung darüber, dass der ADAC nicht nur die Befragtenzahlen, sondern auch die Ergebnisse der Internet-Abstimmung zum „Lieblingsauto der Deutschen“ manipuliert habe. Als langjähriger Leser der ADAC-Motorwelt frage ich mich: Na und? Falscher konnten die Zahlen dadurch doch ohnehin nicht werden. Der eigentliche Skandal liegt in der Bezeichnung „Lieblingsauto der Deutschen“, die durch die Methode niemals auch nur annähernd gerechtfertigt war, selbst wenn die Zahlen nicht verändert worden wären. Doch darüber regt sich niemand auf.
Das zweite Beispiel: Auf der Internet-Seite der „Welt“ fand sich gestern ein Artikel mit der dramatischen Überschrift „’Grafik des Untergangs’ prophezeit Börsen-Crash.“ Die dazugehörige Grafik zeigt die Entwicklung des Dow-Jones-Indexes in den Jahren 1928 bis 1930 und 2012 bis 2014 im Vergleich. Die Übereinstimmung ist geradezu faszinierend: Die Linie, die die Entwicklung des Börsenindexes in den vergangenen zwei Jahren zeigt, liegt praktisch deckungsgleich auf der Linie, die die Daten von 1928 bis 1929 bis kurz vor dem Börsencrash zeigt. Demnach müsste, so suggeriert die Grafik, morgen der Zusammenbruch folgen.
Diese Grafik ist ein Musterbeispiel dafür, wie man mit einfachen statistischen Tricks unbedarfte Leser und offenbar auch naive Journalisten in die Irre führen kann. Die beiden Linien sind nämlich nur deswegen deckungsgleich, weil für sie verschiedene Maßstäbe gewählt worden sind. Ich habe mir die Mühe gemacht, die Daten aus der Grafik - grob näherungsweise, es geht nur um die Proportionen - abzuschreiben und in die richtige Relation zu bringen. Legt man für beide Datenreihen den gleichen Maßstab zugrunde, sieht man erst einmal gar nichts, weil sich die absoluten Werte der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts dramatisch von den heutigen unterscheiden. Damals bewegte sich der Index auf einem Niveau um 200 bis 350 Punkte, heute liegt er bei über 13.000, wie man auf dieser Grafik gut erkennt.
Sinnvoller ist es deswegen, die RELATIVE Entwicklung des Indexes zu beiden Zeitpunkten zu betrachten. Das kann man tun, indem man den Ausgangswert gleich hundert und die nachfolgenden Werte dazu in Beziehung setzt. Das Ergebnis dieser kleinen Rechenprozedur zeigt die zweite Grafik.
Man sieht, dass sich der Index ab 1928 in knapp zwei Jahren fast verdoppelte, bevor er mit dem Börsenzusammenbruch 1929 wieder auf das alte Niveau zurückfiel. In der Zeit ab 2012 hat sich der Index dagegen nur um etwa ein Fünftel erhöht. Investoren, die Grafiken zu lesen verstehen, können sich also die Panik sparen.
Ich will ja nicht behaupten, dass ein baldiger Börsen-Crash unmöglich ist. Dafür verstehe ich davon viel zu wenig. Es mag gute Gründe für eine solche Annahme geben. Aber aus dem Vergleich der derzeitigen Entwicklung des Dow Jones mit der der Jahre 1928 bis 1930 kann man eine solche Prognose nicht ableiten. Die beiden Zeitspannen haben nur gemeinsam, dass der Index zu beiden Zeitpunkten stieg, wenn auch mit sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit. Mit der geschickten Wahl zweier unterschiedlicher Maßstäbe kann ich die Entwicklung JEDER Zwei-Jahres-Zeitspanne, in der der Index stieg, mit jener der Jahre 1928-1930 scheinbar in Deckung bringen. Die in der „Welt“ wiedergegebene Grafik ist das Resultat eines plumpen statistischen Taschenspielertricks. Sucht Walter Krämer eigentlich noch Kandidaten für die „Unstatistik des Monats?“