Thomas Petersen / 14.02.2014 / 22:28 / 2 / Seite ausdrucken

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (Folge 32)

„Was schert mich die Realität?“

Percy Tannenbaum (1927-2009) war einer der großen alten Haudegen der Sozialwissenschaften, die ich das Glück hatte kennen zu lernen. Er war spezialisiert auf Sozialpsychologie, hatte an der Annenberg School for Communication an der Universität von Pennsylvania gelehrt und war nun, als ich ihn in den 1990er Jahren besuchte,  emeritierter Direktor des Survey Research Center an der Universität von California-Berkeley. Beides waren mit die besten Adressen, die es in der Sozialwissenschaft gab. So hatte Tannenbaum guten Grund, selbstbewusst zu sein, und das war er auch. Ich habe wahrscheinlich nie einen selbstbewussteren Menschen erlebt. Kaum war ich an seinem Haus in Berkeley angekommen, schubste er mich praktisch direkt zurück ins Auto, stieg ebenfalls ein (ich staunte darüber, wie flink und gewandt er das tat trotz seines enorm stark verkrümmten Rückens) und dirigierte mich zu einem nahe gelegenen Restaurant, nicht ohne mir fortwährend zu erklären, wie ich Auto zu fahren hätte. Im Restaurant bestellte er dann kurzerhand und ohne mich zu fragen alle Speisen für mich mit und erzählte mir, was ich in welcher Reihenfolge essen sollte. Ich habe den Besuch als äußerst angenehm in Erinnerung - man durfte nur nicht auf den Gedanken kommen, bei irgendetwas zu widersprechen.

Man kann sich diesen Mann kaum kleinlaut vorstellen, doch eben davon berichtete er wenige Jahre später bei einem Besuch an der Universität Mainz. Er war an jemanden geraten, der noch selbstbewusster schien als er selbst, nämlich Umberto Eco. Eco hatte, so erzählte Tannenbaum, in Berkeley einen Vortrag zu einem gesellschaftspolitischen Thema gehalten. Weit ausholend, sicher die Akzente setzend, habe Eco seine Gesellschaftstheorie entwickelt. Stimmig, überzeugend, einfach brillant. Tosender, lang anhaltender Applaus, dann, bei der anschließenden Diskussion, andächtiges Schweigen. Eco hatte, wie es schien, alles gesagt. Es gab nichts hinzuzufügen.

Da habe schließlich Tannenbaum sich zu Wort gemeldet. Vorsichtig habe er sich zu seiner bescheidenen Frage vorgearbeitet: Eco möge ihn bitte nicht missverstehen, er, Tannenbaum, sei sehr beeindruckt von dem Vortrag gewesen und völlig davon überzeugt, dass Eco mit allem, was er dort präsentiert habe, recht habe. Dennoch dränge sich ihm die Frage auf, ob es irgendwelche überprüfbaren Hinweise darauf gebe, dass das, was Eco dort ausgebreitet habe, auch tatsächlich stimme. Es müssten ja keine endgültigen Beweise sein, aber irgendetwas: Beobachtungen, statistische Daten,  Umfragen, historische Ereignisse, Fallbeispiele, die darauf hinwiesen, dass Ecos Thesen nicht nur schöne Theorie seien, sondern tatsächlich die Wirklichkeit spiegelten.

Daraufhin soll Eco in den Saal gedonnert haben: „Was interessiert mich die Realität?!“ Entscheidend seien die zwingende Logik der Beweisführung und die Schönheit der Argumentation. Das akademische Argument als vollendetes Gesamtkunstwerk, das sei es, was der Forscher anstreben müsse. Die Realität sei dagegen vollkommen uninteressant.

Später erzählten mir Leute, die Umberto Eco und seine Werke besser kennen als ich, dass solche Reaktionen für ihn typisch seien und er wohl der Gelegenheit nicht habe widerstehen können, durch eine provozierende, dem allgemeinen Verständnis zuwiderlaufende Behauptung eine anregende intellektuelle Diskussion in Gang zu setzen. Der Gedanke hat einigen Charme. Dennoch lohnt es sich, ein wenig über Ecos These nachzudenken. Er selbst mag sie vielleicht nicht ganz ernst gemeint haben, doch es gibt nicht wenige Wissenschaftler, die tatsächlich so zu denken scheinen. Es mag auch mit den spezifischen akademischen Traditionen und Eitelkeiten zu tun haben, dass vor allem in vielen Geisteswissenschaften die Form Vorrang vor dem Inhalt hat. Messende und beobachtende Forscher lauschen dann oft etwas eingeschüchtert der geschliffenen Prosa und vergessen, sich die Frage zu stellen, ob die Argumentation nicht nur kunstvoll sondern auch richtig ist.

Vor einigen Jahren gab ich ein Buch mit kommunikationswissenschaftlichen Aufsätzen heraus, eine jener typischen Sammlungen mit Konferenzbeiträgen, die fast nur von den Autoren selbst gelesen werden.  Ein Teilnehmer der Tagung, die dem Band zugrunde lag, hatte einen sehr schönen und klaren Vortrag gehalten, so dass ich ihn einlud, einen Beitrag für den Sammelband zu schreiben. Als sein Aufsatz dann eintraf, war ich schockiert, denn er war praktisch unlesbar. Er wimmelte von gespreizten Formulierungen, verdrehten Sätzen und geschmäcklerischen und vor allem überflüssigen Fremdwörtern. Man verstand gar nicht, wie es früher im Deutschunterricht immer so schön hieß, was uns der Autor mit seinem Text sagen wollte.

Ich machte mich daran, mit unendlicher Mühe den Aufsatz in lesbares Deutsch regelrecht zu übersetzen. Als ich mein Ergebnis dem Autor zur Freigabe präsentierte, war er ganz zerknirscht. Es täte ihm leid, dass er mir so viel Mühe gemacht habe. Er habe mein Anliegen missverstanden und dachte,  er sollte einen möglichst eleganten Text abliefern, der vor allem besonders geistreiche neue Wortschöpfungen enthält. Davon, dass er vom Leser auch verstanden werden sollte, hätte ich nichts gesagt.

Ich finde solche Erfahrungen sehr aufschlussreich, denn sie lehren einen, dass Erkenntnisgewinn keineswegs immer das Hauptziel wissenschaftlicher Tätigkeit ist. Das ist auch legitim, denn man kann die Entwicklung einer Kultur der kunstvollen gelehrten Argumentation um ihrer selbst willen, durchaus als Wert an sich ansehen. Für denjenigen aber, der, wie ich, NUR den Erkenntnisgewinn als das Ziel seiner Forschertätigkeit ansieht und der sich letztlich NUR für die Realität interessiert, ist es wichtig, die Produkte der beiden Wissenschaftskulturen unterscheiden zu lernen. Insofern war Percy Tannenbaums Erzählung über das Erlebnis mit Umberto Eco für mich sehr nützlich: Ich wusste sofort, dass ich Umberto Eco nicht lesen muss - Kriminalromane natürlich ausgenommen.

Dr. Thomas Petersen ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach

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Martin Lahnstein / 15.02.2014

Übrigens, was auch nicht so recht mit der Realität übereinstimmen will, ist unsere Sprache. Übrigens, daß & wo Worte nicht ganz zur Realität passen - das bringen wir in genau dieser Sprache ebenfalls zur Sprache. So kann Theorie auch einfach eine Sprache sein, mit deren Hilfe man sich verständigt. Astrologie ist z.B. auch eine Art Sozialwissenschaft. Wenn jemand behauptet, ich sei eine typische Jungfrau, dann mag das einerseits nicht stimmen, andrerseits weiß ich genau, was er gemeint hat.

Waldemar Undig / 15.02.2014

Heißt das, wir geben Geld für Forschung aus, die sich zum Ziel gesetzt hat, bar jeder Erkenntnis zu sein?

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