Thomas Petersen / 29.01.2014 / 15:02 / 0 / Seite ausdrucken

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (Folge 31)

Demoskopie als Erfolgskontrolle

Aus aktuellem Anlass fühlte ich mich an ein Erlebnis aus dem vergangenen Jahr erinnert, das das Spannungsverhältnis beleuchtet, das zwischen Umfrageforschern auf der einen Seite und ihren Auftraggebern oder anderen an einem bestimmten Thema interessierten Personen und Organisationen auf der anderen Seite bestehen kann: Ein großer, in der Öffentlichkeit sehr bekannter Verband schrieb mir einen Brief, in der er mich aufforderte, ein Angebot zu einer Untersuchung abzugeben. Die Untersuchung sollte ein Thema betreffen, das dem Verband und seinen Mitgliedern sehr am Herzen liegen musste. Um sicherzugehen, dass keine Missverständnisse über die Zielsetzung der Untersuchung entstehen, enthielt das Schreiben auch gleich Informationen darüber, was bei der Untersuchung denn herauskommen sollte: „Ziel der Studie ist es aufzuzeigen, dass eine Akzeptanz (der zu untersuchenden gesellschaftspolitischen Forderung) im Wesentlichen auf der Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse beruht und dass bei ausreichender Information (...) die Ablehnung (...) deutlich zunimmt.“

Nun klingeln bei einem Sozialforscher sofort alle Alarmglocken, wenn er den Satz liest „Ziel der Studie ist es aufzuzeigen, dass…“Ich rief also bei der zuständigen Sachbearbeiterin an und erklärte ihr den Unterschied zwischen „erkenntnisorientierter“ und „ergebnisorientierter“ Forschung, der auch schon an dieser Stelle (http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/klopfzeichen_aus_der_welt_der_sozialwissenschaften_folge_18) behandelt worden ist. Ich wies darauf hin, dass ich es zwar durchaus für wahrscheinlich hielte, dass die Untersuchung das gewünschte Ergebnis erbringen würde, denn die Argumentation des Instruktionsschreibens sei plausibel, dass aber es bei mir aber im Übrigen keine ergebnis-, sondern nur erkenntnisorientierte Forschung gebe und man damit nicht im Voraus festlegen könne, was bei einer Untersuchung herauskomme.

Die Sachbearbeiterin lachte und versicherte, dass sie selbstverständlich wisse, dass Forschung ergebnisoffen sei. Sie wollte noch mal mit dem Vorstand Rücksprache halten. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.

De Fall ist, wie ich finde, aufschlussreich, und er ist auch nicht mit den plumpen Fällen zu verwechseln, in denen jemand glaubt, Wunschergebnisse bei Umfragen bestellen zu können, die ihn oder seine Organisation in einem guten Licht erscheinen lassen. Die Motivation des Verbandes war komplexer und aus seiner Sicht verständlich. Es handelte sich um ein für ihn bedeutsames Thema. Die Umfrage hätte Argumente für das legitime eigene Anliegen erbringen sollen (und hätte sie wahrscheinlich auch erbracht). Gleichzeitig hätte sie die Wirkung der eigenen Lobbyarbeit erkennbar werden lassen.

Damit hätte die Studie im Prinzip eine typische Kernaufgabe der Umfrageforschung wahrgenommen: die Erfolgskontrolle. Es ist absolut legitim, wenn beispielsweise eine PR-Agentur die Wirkung ihrer Werbekampagne, ein Dienstleistungsunternehmen die Zufriedenheit seiner Kunden, eine Stiftung die Resonanz auf ihre Öffentlichkeitsarbeit prüfen will. Problematisch wird es erst, wenn versucht wird, dem erfolgreichen Resultat etwas nachzuhelfen. Dann hilft nur der Abbruch der Geschäftsbeziehungen. Vor Jahrzehnten versuchte ein mächtiger Großverlag das Allensbacher Institut dazu zu zwingen, bei der Ermittlung der Zeitschriftenleserzahlen Frageformulierungen zu verwenden, die für die Titel des eigenen Hauses besonders begünstigen mussten. „Können Sie uns denn nicht verstehen?“ fragte der Verlagsmanager die Institutsleitung treuherzig. Natürlich konnte man ihn am Institut verstehen. Gerade deswegen fiel die Entscheidung, aus dem Projekt auszusteigen.

Wesentlich ärgerlicher für den Forscher sind aber die Fälle, in denen er zur Erfolgskontrolle bei einer öffentlichen Diffamierungskampagne genutzt und seine Ergebnisse als Instrument zur Fortsetzung der Kampagne missbraucht werden sollen. Beobachten kann man dieses Spielchen bei vielen politischen Skandalen: Erst trampelt man wochenlang auf einer Person des öffentlichen Lebens herum, dann gibt man eine Umfrage in Auftrag, die - wer hätte das gedacht - ergibt, dass das Ansehen der betreffenden Person unter dem Eindruck der Pressekampagne gelitten hat. Diese Umfrage kann man dann wieder in eine Schlagzeile verwandeln: „Umfrage ergibt: Politiker XY steht immer mehr in der Kritik.“ Auf diese Weise kann man den Imageschaden, den man durch die Kampagne herbeigeführt hat, dem Betroffenen auch noch selbst in die Schuhe schieben. Als Umfrageforscher kann man sich solchen Missbrauchsversuchen kaum erwehren, denn es sind ja nicht die Daten, die manipuliert werden, sondern die öffentliche Meinung vor Beginn der Umfrage. Das einzige, was dagegen hilft, ist gegenzyklisches Arbeiten: Wenn alle die Sau durchs Dorf jagen, muss man es als Forscher nicht auch noch tun.

Dr. Thomas Petersen ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach

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