Thomas Petersen / 12.01.2014 / 12:47 / 2 / Seite ausdrucken

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (Folge 30)

Warum man in die Vergangenheit schauen muss, um etwas über die Zukunft zu erfahren

In der Öffentlichkeit ist die Annahme weit verbreitet, Umfrageforscher seien gut darin, die Zukunft vorauszusagen. Vermutlich ist diese Vorstellung auch der Grund dafür, dass oft politische Umfragen aller Art durchgängig als Prognosen bezeichnet werden, selbst wenn sie weitab von jedem Wahltermin stattfinden.

Doch die Vermutung, Sozialforscher seien gute Gesellschaftsprognostiker, ist ein großer Irrtum. Man kann jedem nur dringend davon abraten. Gesellschaftswissenschaftler und überhaupt die meisten Intellektuellen nach der Zukunft zu fragen. Zumindest meine persönliche Trefferquote bei der Vorhersage längerfristiger gesellschaftlicher Entwicklungen dürfte kaum über dem blanken Zufall liegen. Mein Trost ist, dass es auch klügeren Menschen so geht. Ich kenne einen namhaften Journalisten und einen renommierten Historiker, beide ausnehmend kluge, informierte und scharfsinnige Analytiker, deren Unfähigkeit, künftige Entwicklungen vorherzusehen, so verlässlich ist, dass man daraus schon wieder Erkenntnisse ziehen kann. Wenn diese Personen einen Satz beginnen mit: „Wir werden erleben, dass…“, lohnt es sich, gut zuzuhören, denn man kann sich darauf verlassen, dass das Gegenteil eintreffen wird.

Der Umstand, dass Umfrageforscher keine guten Propheten sind, scheint auf den ersten Blick ein Problem zu sein, denn der Blick in die Zukunft ist ja gerade das, was gemeinhin von der Umfragforschung erwartet wird: Sehr viele Forschungsfragen sind „Was-Wäre-Wenn“-Fragen: Würde ein Produkt gekauft werden, wenn es auf den Markt käme? Wie würden die Menschen auf ein Gesetzesvorhaben reagieren? Würde eine bestimmte Werbekampagne das Image eines Produktes verbessern usw. Alles Fragen, die gedanklich auf die Zukunft zielen: Was wird geschehen?

Nun hindert die Unfähigkeit zur allgemeinen Zukunftsvoraussage die Sozialforscher nicht daran, solche Fragen zu beantworten, und zwar mit Recht. Denn es geht bei diesen Forschungsfragen ja nicht darum, große utopistische Zukunftsszenarien zu entwickeln, sondern um die Analyse eines kleinen Lebensbereichs in kurzfristiger Perspektive unter der Voraussetzung, dass sich nicht zufällig gleichzeitig mit der Einführung einer neu zu testenden Schokoladenmarke die sonstigen Lebensbedingungen der Menschen fundamental verändern. In diesem Sinne ist dann ein vorsichtiger Blick in die nahe Zukunft doch durchaus möglich. Allerdings darf man nicht den Fehler machen, die Frage nach der Zukunft direkt an die Befragten weiterzureichen.

Der Grund dafür ist, dass die meisten Menschen nicht gut über hypothetische Situationen und damit auch über ihr eigenes etwaiges Verhalten in der Zukunft Auskunft geben können, wenn die betreffende Zeitspanne einen sehr überschaubaren Rahmen von wenigen Tagen oder Wochen überschreitet. Dementsprechend ist die Geschichte der Sozialwissenschaften gepflastert mit gescheiterten Versuchen, die Befragten als Wahrsager zu engagieren. Im Jahr 1954 fragte das Institut für Demoskopie Allensbach westdeutsche Hausfrauen, ob sie sich vorstellen könnten, eine elektrische Heizdecke zu kaufen. Ein Drittel der Befragten zeigte sich interessiert. Das Produkt wurde auf den Markt gebracht - und selbst zehn Jahre später hatte noch nicht ein Prozent der Deutschen eine Heizdecke angeschafft.

Aussagen der Bevölkerung über die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft sind in der Regel noch unbrauchbarer. Bereits nach wenigen Jahren wird in der Regel deutlich, dass sie ganz der Gegenwart verhaftet sind. Im Jahr 2005 stellte das Allensbacher Institut in einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage die Frage „Wie wird es wohl in 10 bis 15 Jahren sein?“ Dazu wurde eine Liste überreicht, auf der 20 verschiedene Zukunftsszenarien zur Auswahl standen. Unter den am häufigsten ausgewählten Antworten waren „Es wird bei uns noch mehr Arbeitslose geben“, genannt von 55 Prozent, und „Viele deutsche Unternehmen werden ins Ausland abwandern“ (65 Prozent). Heute sind die in der Frage angesprochenen zehn Jahre fast vergangen und beide Voraussagen sind nicht eingetreten.

Wie schwer es ist, auch mit großem wissenschaftlichem Aufwand Aussagen über zukünftige Entwicklungen zu treffen, belegen regelmäßig die Analysen der großen Wirtschaftsforschungsinstitute. Der Hamburger Sozialwissenschaftler Birger Antholz hat einmal deren Prognosekraft über Jahrzehnte hinweg mit jener der, wie er es nannte, „naiven Fortschreibung“ verglichen. Damit war gemeint, dass man die Wachstumsrate des vorangegangenen Jahres als „Prognose“ für das jeweils kommende Jahr verwendete. Das Ergebnis: Die „naive Fortschreibung“ bot alles in allem einen verlässlicheren Anhaltspunkt für die Wirtschaftsentwicklung der darauffolgenden Jahre als die aufwendigen Herbstgutachten der Experten.

Am ehesten erhält man noch verlässliche Aussagen über die Zukunft, wenn man gegenwärtiges und vergangenes Verhalten analysiert: Die wahrscheinlichsten Käufer eines neuen Produktes findet man meist unter denen, die bereits ähnliche Produkte besitzen, die neuen Wähler unter denen, die der betreffenden Partei früher schon einmal ihre Stimme gegeben haben. Trendentwicklungen der Vergangenheit können zwar nicht kritiklos in die Zukunft fortgeschrieben werden (welche Folgen das haben kann, ist an anderer Stelle beschrieben worden), bieten aber doch oft Anhaltspunkte, die die Wahrscheinlichkeit künftiger Entwicklungen einschätzen lassen. So gibt es also in der Umfrageforschung ein wenig bekanntes aber wichtiges Paradox: Fragt man die Bevölkerung nach der Zukunft, erfährt man etwas über die Gegenwart. Will man dagegen etwas über die Zukunft lernen, fragt man besser nach der Gegenwart oder der Vergangenheit.

Dr. Thomas Petersen ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach

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Rupert Reiger / 12.01.2014

Affen schlagen Profis Chja nun, sehen wir das ganze doch mal so: Die meisten Zukunftsprognosen haben, und wenn mal auch nur über zwei Ecken, einen Bezug zur Wirtschaft. Da fällt auch das folgende Zitat darunter: „Wie wird es wohl in 10 bis 15 Jahren sein?“ Dazu wurde eine Liste überreicht, auf der 20 verschiedene Zukunftsszenarien zur Auswahl standen. Unter den am häufigsten ausgewählten Antworten waren „Es wird bei uns noch mehr Arbeitslose geben“, genannt von 55 Prozent, und „Viele deutsche Unternehmen werden ins Ausland abwandern“ (65 Prozent). Heute sind die in der Frage angesprochenen zehn Jahre fast vergangen und beide Voraussagen sind nicht eingetreten. Nun würde ich wie auch jedes Institut welches dieses behauptet, die Zukunft prognostizieren können, mit den entsprechenden wirtschaftlichen Auswirkungen, dann wüste ich wo ich zu investieren hätte. Oder direkter formuliert: Ich wie auch die „Forscher“ wüsten, welche Aktien wir zu kaufen hätten … wir würden reich werden! Ich wäre das gerne und ich spreche auch jedem noch so altruistischem „Forscher“ schlicht weg ab, dass er das nicht auch gerne wäre. Es ist nun mal so mit diesen chaotischen, parametersensiblen Systemen wie den Klimamodellen und der Wirtschaft: Bei einer kleinen Änderung eines Parameters müssen nicht aber können sich die Ergebnisse unvergleichlich ändern. Das heißt, auch wenn die Modelle stimmen: - Verschiedenste Ergebnisse lassen sich in die Vergangenheit anfitten, da kleinste Veränderungen der Parameter in der Vergangenheit dafür genügen, aber - kleinste Veränderungen der Parameter in der Gegenwart müssen nicht aber können zu verschiedensten Ergebnissen in der Zukunft führen. Oder mal gesagt in einem Satz: „Selbst wenn das Modell das richtige ist: Anpassen an die Vergangenheit geht immer, aber die Zukunft lässt sich in interessanten Zeiträumen und interessanten Parameterbereichen nicht vorhersagen“ Oder noch kürzer: „rückwärts immer, vorwärts nie“. Dazu: http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/ich_bin_bald_reich/ Das führt dann zu folgendem Ergebnis eines Experiments: Affen lassen Profi-Anleger alt aussehen Unzählige Wertpapiere, hunderte verschiedenster Expertenmeinungen, Indikatoren noch und nöcher – die bunte Börsenwelt macht es Anlegern nicht einfach. Nicht selten ist Erfolg purer Zufall. Weit besser schlagen sich unsere nächsten lebenden Verwandten, die Affen, auf dem Börsenparkett, wie ein verblüffendes Experiment beweist. Psychologische Stolperdrähte gibt es bei den Primaten nicht. In einem Experiment der Londoner Cass Business School wählten die Affen die Papiere zufällig, frei von Strategien oder Vorlieben. Das Ergebnis der Studie: Die Affen haben bei der Index-Zusammenstellung die Nase vorn. Aus einem riesigen Wertpapier-Korb griffen die Primaten zufällig 1000 Titel heraus, die dann zu einem gleichgewichteten Index verbunden wurden – jeweils zehn Millionen Mal für jedes Jahr eines 43-Jahres-Zeitraums (1968 bis 2011). Für eine Studie dieser Größenordnung kamen natürlich keine echten Affen zum Einsatz, die Forscher programmierten eine Simulation der Affenhirne. Als Benchmark für die virtuellen Affenfondsmanager fungierten 13 Börsenbarometer. Zur Überraschung der Forscher schlugen fast alle der zehn Millionen Affen-Indizes die realen Indizes. Das wiederum löst die Frage aus: Wozu sein Geld noch in Fonds mit ausgeklügelten Strategien stecken? Vor zwei Jahren bereits erschütterte eine Studie der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und des Instituts für Vermögensaufbau (IVA) die Finanzwirtschaft: Der Studie zufolge schlugen mit 27,5 Prozent nur etwas mehr als ein Viertel aller Fondsmanager ihre Benchmarks. Zu einer ähnlich nüchternen Bilanz kommt eine aktuelle Untersuchung der Investmentgesellschaft Gecam: Laut Studie konnten nur 23 Prozent aller Aktienfonds in Europa in den letzten drei Jahren ihre jeweiligen Benchmarks outperformen. Bei den Fonds, die in deutsche Standardwerte investieren, lag die Erfolgsquote mit 25 Prozent nur unwesentlich höher. Nochmal zum Vergleich: Nahezu jedes der zehn Millionen Affenportfolios übertraf die Vergleichsindizes. Ein Investment auf Primatenart hätte zusätzlich noch den Vorteil, dass weder ein hochbezahlter Manager noch Transaktionskosten die Rendite mindern. Zu lesen hier auf Finanzen100 online - “VERBLÜFFENDES EXPERIMENT, Affen lassen Profi-Anleger alt aussehen” Auch interessant zu lesen: GENERATION FLUX The future of business is pure chaos. Here’s how you can survive- and perhaps even thrive. “There are some times, when you can predict weather well for the next 15 days. Other times, you can only really forecast a couple of days. Sometimes you can’t predict the next two hours.” The business climate, it turns out, is a lot like the weather. And we’ve entered a next-two-hours era. The pace of change in our economy and our culture is accelerating- fueled by global adoption of social, mobile, and other new technologies- and our visibility about the future is declining. From the rise of Facebook to the fall of Blockbuster, from the downgrading of U.S. government debt to the resurgence of Brazil, predicting what will happen next has gotten exponentially harder. Zu lesen bei Fast Company online -  “GENERATION FLUX, THIS IS GENERATION FLUX: MEET THE PIONEERS OF THE NEW (AND CHAOTIC) FRONTIER OF BUSINESS” oder bei TMCnet online - “GENERATION FLUX [Fast Company]”

Helge-Rainer Decke / 12.01.2014

Ein schlüssiger Beitrag, bedingt belastbare Aussagen über künftige Entwicklungen eher dann treffen zu können, wer gegenwärtiges und vergangenes Verhalten analysiert. Interessant wären hier auch Untersuchungen darüber, wie künftige Entwicklungen derart manipulativ zu steuern sind, damit grundsätzlich eintritt was gewünscht bzw. was nicht gewünscht ist. Hier böte sich an, bei Aussagen zur Einschätzung künftiger Entwicklungen auch den Grad, die Beschleunigung, also die Dynamik von manipulativ steuerbaren Prozesse einzubeziehen. Interdisziplinäres Forschen Voraussetzung. Gleichwohl lässt sich dies auf sozialwissenschaftliche Ansätze begrenzen.

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