Was viele Geisteswissenschaftler mit Luna Lovegood gemeinsam haben
Eine der interessantesten Figuren in den Harry-Potter-Büchern ist Luna Lovegood, eine Schülerin aus exzentrischem Elternhaus, die grundsätzlich nur solche Dinge für wahr hält, die NICHT bewiesen sind.
Kürzlich hatte ich das Gefühl, gleich von einer ganzen Großfamilie von Luna Lovegoods umgeben zu sein. Ich war eingeladen worden, einen Vortrag über das Verhältnis von Christentum und Politik zu halten. Ich zeigte anhand Allensbacher Umfrageergebnisse, dass der christliche Glaube in der Bevölkerung seit Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung verloren hat, während die Identifikation mit der christlichen Kulturtradition praktisch unverändert stark geblieben ist. Die Veranstalter und anderen Teilnehmer, mit wenigen Ausnahmen Theologen, hörten mir sehr freundlich zu – und glaubten mir kein Wort.
Die sehr eindeutigen Ergebnisse vor Augen, bestritten sie in der anschließenden Fragerunde rundheraus, dass man so etwas wie die religiöse Orientierung der Bevölkerung mit Umfragen untersuchen könne. Dass in den letzten Jahrzehnten die Zahl der Kirchgänger kontinuierlich zurückgegangen ist, dass der Anteil derer, die sagen, sie glaubten an Jesus Christus und die Auferstehung der Toten, rasch schrumpft, dass gerade noch die Hälfte der bekennenden Katholiken an die Dreifaltigkeit glaubt und den Kirchen von der Bevölkerung weniger gesellschaftliche Gestaltungskraft zugetraut wird als selbst der Verwaltung, dass stattdessen die Zahl derjenigen wächst, die sich zu diversen Spielarten des Aberglaubens und einer vagen Mystik bekennen, alles das ist mit anerkannten und transparenten Methoden vielfach und durch verschiedene Forscher ermittelt worden, wiederholbar und überprüfbar, eigentlich unumstößlich. Doch meine Zuhörer verkündeten fröhlich, sie glaubten es nicht.
Nun habe ich mit solchen Argumentationen etwas Erfahrung, und so brachte ich schließlich zumindest einige Teilnehmer dazu zuzugeben, dass es doch wohl besser wäre, solche Befunde zur Kenntnis zu nehmen als so zu tun, als ob es sie nicht gebe. Ein anderer Referent ließ sich schließlich sogar zu der Bemerkung herab, dass man wohl doch mit sozialwissenschaftlichen Methoden etwas über die Religiosität einer Gesellschaft erfahren könne, allerdings bräuchte man dazu nicht solche schablonenhaften Repräsentativumfragen, sondern „qualitative Forschung“.
Diese Bemerkung ist ein guter Grund, sich mit dem Stichwort der „qualitativen Forschung“ zu beschäftigen. Es handelt sich dabei um einen Fachbegriff, dessen Bedeutung aber die wenigsten kennen, die ihn im Munde führen. „Qualitative Forschung“ klingt so – und soll auch oft so klingen -, als handele es sich dabei um Forschung von besonders hoher Qualität, doch damit hat der Begriff gar nichts zu tun.
Die Bezeichnung „qualitative Forschung“ und ihr Gegenstück „quantitative Forschung“ stammen aus der Chemie, wo sie eine ganz klare Bedeutung haben. Eine qualitative Analyse bestimmt die Bestandteile einer Substanz, eine quantitative Analyse ermittelt darüber hinaus auch die Mengenanteile dieser Bestandteile. Man kann sich das vorstellen wie den Blick in einen Suppenteller. Die qualitative Analyse stellt fest, was in der Suppe enthalten ist: Enthält sie Sellerie, ja oder nein? Enthält sie Lauch, Möhren usw. Die quantitative Analyse beantwortet dagegen nicht nur die Frage, ob die Suppe Sellerie, Lauch und Möhren enthält, sondern auch die Frage, wie viel Sellerie, wie viel Lauch und wie viele Möhren sie enthält.
In den Sozialwissenschaften haben die Begriffe im Prinzip die gleiche Bedeutung. Quantitative Verfahren wie die Repräsentativumfrage sind darauf angelegt, verlässliche, verallgemeinerbare Zahlen produzieren. Qualitative Verfahren sollen dagegen eine möglichst große Vielfalt von Reaktionen einsammeln, ohne dabei auf die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse Rücksicht zu nehmen. In Gruppendiskussionen, neudeutsch „focus groups“ genannt, lässt man sich sechs, acht Personen über einen bestimmten Gegenstand austauschen. Ein Moderator wirft hin und wieder ein Stichwort in die Runde, aber in der Hauptsache sollen sich die Versuchspersonen die Köpfe heiß reden. In Intensiv-Interviews werden die Versuchspersonen mit ganz flexiblen Mitteln ausgefragt. Es gibt keinen festgelegten Fragebogen, sondern nur eine unverbindliche Stichwortliste. Der Befragte soll zum Reden gebracht werden. Die Reihenfolge der Themen ist egal, Abschweifungen sind erwünscht. Bei beiden Verfahren werden die Gespräche aufgezeichnet und wortwörtlich abgeschrieben.
Solche qualitativen Methoden sind in vielerlei Hinsicht nützlich. Sie helfen einem, die Konturen eines bis dahin völlig unbekannten Themas zu erkennen, sie bringen Aspekte ans Tageslicht, die dem Forscher selbst nie in den Sinn gekommen wären. Deswegen werden qualitative Studien oft im Vorfeld großer Untersuchungen eingesetzt, bevor der Fragebogen für eine nachfolgende Repräsentativumfrage angefertigt wird.
Doch eines sind qualitative Methoden nicht: Verlässlich. Die protokollierten Reaktionen bleiben Einzelfälle, die typisch oder auch untypisch sein können. Ihre Ergebnisse lassen sich nicht auf die Gesamtbevölkerung verallgemeinern, schon gar nicht zu Mengenangaben hochrechnen. Nicht selten führen sie sogar mit ihrer intuitiven Überzeugungskraft in die Irre. Die Interpretation bleibt letztlich subjektiv, die Resultate haben keinerlei Beweiskraft.
Und eben diese Methoden wurden nun vom Diskussionsteilnehmer auf der Theologentagung mit geradezu sehnsuchtsvoller Stimme angepriesen. Sie allein seien geeignet, Glaubwürdiges über die Religiosität der Deutschen zutage zu fördern. Mit anderen Worten: Er ignorierte die auf dem Tisch liegenden Fakten und war stattdessen entschlossen, nur das für wahr zu halten, was sich nicht beweisen lässt.
Dr. Thomas Petersen ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach