„The unique perspective of television“
Man sollte mit solchen abgegriffenen Formulierungen vorsichtig sein, aber Kurt Lang und seine Frau Gladys Engel Lang sind wirklich so etwas wie lebende Legenden der Sozialforschung. Irgendwie waren sie immer schon da, haben fast die gesamte Entwicklung der modernen Sozialwissenschaften begleitet, unzertrennlich, seit sie sich in den frühen 50er Jahren als Studenten an der Universität von Chicago kennenlernten.
Die Langs haben sich vor allem deswegen in die Geschichtsbücher der Kommunikationswissenschaft eingeschrieben, weil sie als erste das besondere Wirkungspotential erkannten, das das Fernsehen allen anderen Massenmedien voraushat. Sie untersuchten in einer kleinen Studie die Reaktionen der Bürger auf den Besuch des damals enorm populären Generals Douglas MacArthur in Chicago im Januar 1952 und veröffentlichten das Ergebnis in einem Artikel mit dem Titel „The Unique Perspective of Television and its Effect.“ Das Fernsehen zeigte jubelnde Menschenmengen, so dass die Zuschauer den Eindruck eines gewaltigen Triumphzuges bekamen, während diejenigen, die das Ereignis selbst am Straßenrand verfolgten, eher enttäuscht waren. Natürlich gab es Grüppchen, die dem General zuwinkten, aber auch auffallende Lücken im Publikum. Alles in allem machte die mäßig besuchte Veranstaltung einen eher müden Eindruck.
Bis dahin bietet die Geschichte noch nichts Überraschendes. Es passiert sehr oft, dass die Berichterstattung über Ereignisse nicht mit dem Eindruck übereinstimmt, den die daran Beteiligten haben. Jeder, der einmal einen Bericht der Lokalzeitung über die Versammlung des eigenen Sportvereins gelesen hat, kennt das. Das Besondere an der Studie der Langs war, dass sie Hinweise darauf erbrachte, dass diejenigen, die das Ereignis im Fernsehen gesehen hatten, unbewusst glaubten, es mit eigenen Augen gesehen zu haben. Dass ein Kameramann und ein Reporter die Bilder ausgewählt hatten, die die Zuschauer „mit eigenen Augen“ sahen, wurde ihnen nicht bewusst.
Dieser Effekt ist bis heute nachweisbar, und er ist von größter politischer Bedeutung. Wer verstehen will, wie die Meinungsbildung in der Gesellschaft funktioniert, muss deswegen immer mit besonderer Aufmerksamkeit das Fernsehen im Blick haben. Daran ändert auch das Internet, wenn überhaupt, nur langsam etwas. Es ist kein Zufall, dass Gerhard Schröder, der ein begnadeter Populist ist, in seiner Zeit als Bundeskanzler sagte, er brauche zur Vermittlung seiner Politik keine anderen Medien als „Bild, BamS und Glotze.“ Wahrscheinlich hätte er Bild und Bams auch weglassen können.
Aus Russland wird berichtet, dass alle Informationen über die blutigen Details der Putin-Regimes in Buchform für jedermann frei zugänglich sind, und man selbst im Internet und in den gedruckten Medien mit etwas Mühe durchaus noch unabhängige Informationen erhalten kann. Das Fernsehen steht dagegen unter der strikten Kontrolle des Kremls. Ein ehemaliger Insider der russischen Politik beschrieb einmal die Logik, die dahinter steckt: Das Regime reibt sich nicht mit dem ohnehin aussichtlosen Versuch auf, das gesamte Medienspektrum zu kontrollieren, die Oppositionellen können sich auf den ihnen verbliebenen Kanälen austoben - und bleiben dennoch komplett machtlos, solange ihnen der Zugang zum Fernsehen verwehrt bleibt.
Seit vielen Jahren zeigt sich in den Allensbacher Umfragen immer wieder, dass dem Fernsehen von allen Medien die größte Glaubwürdigkeit zugeschrieben wird. Der Grund dafür liegt vermutlich darin, dass die Illusion des persönlichen Kontaktes zum Ereignis oder auch zum Fernsehjournalisten die vorhandenen Ansätze von Misstrauen überwindet. Eigentlich haben Journalisten in Deutschland ihrem Ansehen in den letzten Jahren erheblichen Schaden zugefügt. Man kann annehmen, dass der zwischenzeitlich ausgeuferte Hang zur negativ wertenden Berichterstattung eine wesentliche Rolle dabei spielt. Vor allem Lokalredakteure, die versuchen, investigativen Journalismus zu betreiben, hinterlassen massenhaft verbrannte Erde. Der Chef der freiwilligen Feuerwehr lässt einmal den Reporter der Lokalzeitung in sein Spritzenhaus - und danach nie wieder einen.
Und so ist das Ansehen der Journalisten in Deutschland kaum noch besser als das der Politiker, auf die sie glauben herabblicken zu können. Besonders deutlich zeigt sich das an den Ergebnissen einer Allensbacher Frage, bei der die Interviewer eine Liste mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen übereichen. Die Befragten werden gebeten anzugeben, bei welchen dieser Gruppen sie meinen, dass sie gewöhnlich die Wahrheit sagen. Ganz an der Spitze der glaubwürdigsten Bevölkerungsgruppen stehen Ärzte, Pfarrer und Richter. Journalisten rangieren dagegen ganz am Ende der Skala, nur knapp vor Politikern und Bankern. Doch in der Liste stehen nicht nur Journalisten, sondern auch Fernseh-Nachrichtensprecher zur Auswahl. Man sollte meinen, dass das auch Journalisten sind, doch sie liegen auf der Glaubwürdigkeitsskala im oberen Mittelfeld, ungefähr auf dem gleichen Niveau wie Lehrer, Wissenschaftler oder „Menschen wie du und ich.“ Hier wird die einzigartige Wirkung des Fernsehens greifbar: Journalisten ist nicht zu trauen - aber der nette Herr Kleber sagt mir doch nicht die Unwahrheit!
Dr. Thomas Petersen ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach