Über „edle“ und „unedle“ Forschungsgegenstände
Irgendwann in den 30er Jahren besuchte eine Gruppe junger Göttinger Physiker in Kopenhagen den Nobelpreisträger Niels Bohr. Mit dabei war der Doktorand Heinz Maier-Lebnitz, der nach dem Krieg in Garching bei München den ersten deutschen Forschungsreaktor bauen sollte. Maier-Leibnitz erzählte später gerne davon, wie sie von Niels Bohr in seinem Privathaus empfangen wurden. Einer der Studenten entdeckte, dass der große, der Rationalität verpflichtete Naturwissenschaftler ein Hufeisen über seiner Haustür angebracht hatte. Erstaunt fragte der Student: „Herr Bohr, Sie sind doch nicht etwa abergläubisch?“ Darauf antwortete Bohr: „Ich habe gehört, dass es auch dann hilft, wenn man nicht dran glaubt.“
Man soll solche Sätze nicht überinterpretieren. Wahrscheinlich wollte Bohr mit seiner Antwort keine tiefere Botschaft vermitteln, sondern hatte lediglich Spaß an der charmanten Unlogik der Aussage. Doch man kann den Satz auch als Sinnbild für die Unvoreingenommenheit verstehen, die jeder Forscher braucht, wenn er etwas Neues entdecken will, und die dennoch auch unter Wissenschaftlern eher selten zu finden ist, denn sie verlangt von einem, die eigenen Überzeugungen immer wieder in Frage zu stellen.
Jemand, der diese Unvoreingenommenheit anscheinend besaß, war der vor zwei Jahren verstorbene Industrielle Gunter Sachs (übrigens ein gutes Beispiel dafür, dass jemand, der ein Liebling der Klatschpresse ist, deswegen noch lange nicht oberflächlich sein muss). Sachs wandte sich vor etwa zwei Jahrzehnten mit einem verblüffenden Anliegen an das Institut für Demoskopie Allensbach: Er wollte prüfen, ob an den Thesen der Astrologie etwas dran sei, und bat deswegen darum, bei den sehr umfangreichen Allensbacher Umfragen zu Mediennutzung und Konsumgewohnheiten auch das Geburtsdatum der Befragten mitzuermitteln. In den folgenden Jahren wühlten sich Sachs und seine Mitarbeiter durch unzählige Statistiken, aus unseren Umfragen und auch aus anderen Quellen: Krankenstatistiken, Verbraucherdaten, Informationen über Hochzeiten, Scheidungen und weltanschauliche Orientierungen, immer auf der Suche nach Hinweisen darauf, ob Menschen abhängig von ihrem Geburtsdatum charakteristische Persönlichkeitseigenschaften oder Verhaltensweisen aufwiesen. Schließlich publizierte er seine Forschungsergebnisse in einem Buch mit dem Titel „Die Akte Astrologie.“
Interessant ist, wie verschiedene Gruppen in der Öffentlichkeit auf dieses Forschungsprojekt reagierten. Wir hatten erwartet, dass die Astrologen empört sein würden. Und das war auch der Fall. Wortreich wurde uns immer wieder erklärt, dass eine solche Prüfung unmöglich sei. Das „Sonnenzeichen“, also das, was man landläufig Sternzeichen nennt, sei ja nur einer von vielen Aspekten, die bei astrologischen Analysen berücksichtigt werden müssten. Es gebe auch noch die Aszendenten, das Mondzeichen und Gott weiß was alles. Das Argument, dass wenn das Sonnenzeichen überhaupt irgendeine Relevanz habe, es sich doch irgendwie in den großen Datenbanken niederschlagen müsse, verfing nicht. Astrologen sind für statistische Argumente anscheinend nicht empfänglich und im Übrigen sehr geschickt, wenn es darum geht, ihre Thesen möglichst unzugänglich für Prüfungen zu machen.
Nicht gerechnet hatten wir aber damit, dass die wütendsten Angriffe nicht von Astrologen kamen, sondern von Gegnern der Astrologie. Eigentlich hätten sie sich über die Untersuchung freuen müssen. Wenn sie, wie sie vorgaben, so fest davon überzeugt waren, dass Astrologie völliger Unsinn sei, hätten sie einer Prüfung doch mit großer Ruhe entgegensehen, ja sich sogar auf die zu erwartende Entlarvung freuen können. Wenn sie, wie sie sagten, so strikte Anhänger der Rationalität waren, warum empörten sie sich denn, wenn jemand etwas mit den Mitteln der Rationalität zu untersuchen versuchte? Der Sündenfall bestand anscheinend darin, dass wir uns überhaupt mit dem Gegenstand befassten. Mein Kollege Wilhelm Haumann, der das Projekt auf Allensbacher Seite betreute, zeigte mir Briefe, in denen die selbsternannten Vertreter der Rationalität ein erstaunliches Maß an irrationalen Affekten offenbarten.
Diese Reaktionen lehren einen einiges über die Ängste vieler Menschen. Sie hätten ganz beruhigt sein können: Sachs’ Studie kam schließlich zu äußerst dürftigen Ergebnissen. Vor allem aber erkennt man in ihnen ein verbreitetes Missverständnis: Das Gegenteil von blindwütigem Glauben ist nicht blindwütiger Unglaube, sondern Unvoreingenommenheit. Natürlich ist das meiste, was Astrologen von sich geben, blanker Unsinn. Doch das bedeutet nicht, dass der Gedanke, wonach Menschen mit verschiedenen Geburtsdaten vielleicht unterschiedliche Eigenschaften entwickeln könnten, damit automatisch auch von vornherein Unsinn sein muss.
Man muss auch das scheinbar Irrationale mit den Mitteln der Rationalität untersuchen können. Dabei darf es keine Tabuzonen geben. Es gibt, wie schon der Pionier der Sozialwissenschaften Paul Lazarsfeld sagte, keine edlen und unedlen Gegenstände der Forschung. Dass sich etwas mit unseren Sinnen und Methoden derzeit nicht erfassen lässt, heißt noch lange nicht, dass es zwangsläufig „übersinnlich“ und obskur ist. Vieles, was heute als gesichertes Wissen gilt, wäre noch vor wenigen Jahrzehnten als Science Fiction abgetan worden. Das Neue findet nur derjenige, der es auch gedanklich zulässt.
Dr. Thomas Petersen ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach