Thomas Petersen / 04.09.2013 / 07:59 / 4 / Seite ausdrucken

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (Folge 22)

Was ist eine Wahlprognose?

Das Fernsehduell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Herausforderer Peer Steinbrück am vergangenen Sonntag kann man als Musterbeispiel dafür verstehen, dass Medien und Politik nicht zusammenpassen. Gerne hätte ich einem Gespräch zwischen Merkel und Steinbrück zugehört, in dem sie sich über die Dinge unterhalten, die ihnen wirklich wichtig sind, und bei dem ihnen niemand bei jedem etwas komplexeren Gedanken ins Wort fällt und sie belehrt, dass der eine zwei Sekunden länger gesprochen habe als der andere. Doch dieser Wunsch ist unerfüllbar.

Der amerikanische Politikwissenschaftler Thomas E. Patterson hat im Jahr 1993 in seinem sehr lesenswerten Buch „Out of order“ darauf aufmerksam gemacht, dass den Medien im politischen Prozess Aufgaben zugewiesen werden, denen sie nicht gewachsen sind. Politik ist kompliziert, Medien verlangen Einfachheit. Politik braucht Kompromisse, Medien benötigen Konflikte. Politik bedeutet, durch langfristige mühsame Arbeit schwierige Probleme nach und nach einer Lösung näherzubringen, Medienberichterstattung benötigt in kurzen Abständen immer neue Sensationen.

Das gleiche Grundproblem macht auch die Verständigung zwischen Wissenschaftlern und Journalisten schwierig. Der Journalist, der die Bedürfnisse seines Publikums im Blick haben muss, fordert den Wissenschaftler auf, er möchte doch bitte mal eben Einsteins Relativitätstheorie in einem Satz zusammenfassen. Der Wissenschaftler bringt daraufhin den Journalisten zur Verzweiflung, indem er sagt, das ginge nicht, die Sache sei dafür viel zu kompliziert. Der Journalist rollt mit den Augen und nimmt die Zusammenfassung selbst vor. Das wiederum bringt den Wissenschaftler zur Verzweiflung, denn die Zusammenfassung ist natürlich unvermeidlich falsch.

Auch Umfrageforscher erleben diesen Konflikt immer wieder, und wenn ein Wahltermin näher rückt, betrifft dies unter anderem die mit Umfragen ermittelten Parteistärken. Meist werden alle Parteizahlen, die von den Umfrageinstituten gemeldet werden, unterschiedslos als „Prognosen“ bezeichnet, und es gelingt kaum, in der Öffentlichkeit mit der Erklärung durchzudringen, was eine Prognose ist und was nicht. Darum soll im Folgenden eine kleine Typologie der Wahlumfragen für etwas mehr Klarheit sorgen:

Da sind erstens die Parteistärken zu nennen, die in Umfragen Wochen oder Monate vor dem Wahltermin ermittelt werden und die man in diesen Tagen fast inflationär in den Medien angeboten bekommt. Bei diesen Zahlen handelt es sich NICHT um Wahlprognosen. Eine Prognose ist der Versuch, das Wahlergebnis vorauszusagen, und das ist so lange vor dem Wahltermin nicht möglich. Die Zahlen zeigen lediglich, wie die Wahl vermutlich ausginge, wenn am Tag ihrer Veröffentlichung gewählt würde. Sie dokumentieren die Stimmung zum betreffenden Zeitpunkt und zeigen im Vergleich mit früheren Umfragen, welche Partei stärker wird und welche an Kraft verliert. Doch es wäre Unsinn, Umfragen vom August am Wahlergebnis vom September zu messen, denn in der Zwischenzeit kann viel passieren.

Anders verhält es sich mit der letzten Umfrage vor der Wahl, die meistens wenige Tage vor dem Wahltag veröffentlicht wird, im Fall des Instituts für Demoskopie Allensbach voraussichtlich am Mittwoch vor der Wahl in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, möglicherweise mit einer allerletzten Aktualisierung am Sonnabend. Wenn danach nicht sehr kurzfristig etwas ganz Unerwartetes geschieht, was zum Glück für die Demoskopen sehr selten der Fall ist, müsste diese letzte Umfrage tatsächlich das Wahlergebnis bis auf ein, zwei Prozentpunkte genau wiedergeben. Sie - und nur sie - kann man deswegen mit Fug und Recht als Wahlprognose bezeichnen.

Schließlich gibt es drittens noch die Parteizahlen, die am Wahltag um 18 Uhr von den Fernsehsendern als erste Tendenz des Wahlergebnisses veröffentlicht werden. Auch sie werden gelegentlich als Prognose bezeichnet, manchmal auch als erste Hochrechnung, doch streng genommen sind sie weder das eine noch das andere. Es handelt sich um die Ergebnisse von Nachwahlbefragungen, bei denen die Wähler interviewt werden, wenn sie das Wahllokal verlassen. Anders als bei einer Prognose wird also nicht versucht, künftiges Verhalten vorauszusagen, und in die Zahlen gehen auch nicht, wie bei einer Hochrechnung, erste Auszählungsergebnisse ein, sondern es handelt sich um eine auf dem Stichprobenprinzip beruhende teilweise Vorwegnahme der Auszählung und damit um eine Beschleunigung der Information.

Warum aber machen sich die Umfrageinstitute überhaupt die Mühe. Wahlprognosen zu erstellen? Eigentlich ist es unvernünftig, denn Geld ist damit kaum zu verdienen, und wenn die Prognosen, wie es beim Allensbacher Institut bei 13 aufeinanderfolgenden Bundestagswahlen seit 1957 der Fall war, zutreffen, nimmt es niemand zur Kenntnis, wenn es dagegen auch nur einmal eine Fehlprognose gibt, wird einem das noch Jahrzehnte später höhnisch vorgehalten. Der Grund ist, dass Wahlprognosen die seltene Möglichkeit bieten, Umfrageergebnisse mit der auf andere Weise gemessenen Wirklichkeit zu vergleichen. Wenn die Methode das Wählerverhalten richtig abbildet, kann man annehmen, dass auch die Ergebnisse zu anderen Themen einigermaßen verlässlich die Realität abbilden. Stimmt die Prognose dagegen nicht, ist es angezeigt, die Methoden zu überprüfen.

Dr. Thomas Petersen ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach

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Thomas Petersen / 06.09.2013

Sehr geehrter Herr Kammer, mein Punkt ist der folgende: Das, was der von mir sehr geschätzte Helmut Norpotth macht, entspricht den Klimamodellen der Klimaforschung (nur in der Logik, nicht in der Genauigkeit, es liegt mir fern, Helmut Norpoth zu beleidigen). Unsere Rolle ist dagegen die des Thermometers. Wenn die Klimamodelle richtig sind, wird man das irgendwann am Thermometer erkennen. Wenn nicht, ist nicht das Thermometer falsch, sondern die Modelle. Das Gleiche gilt für die Wahlforschung. Wenn sich die Berechnungen von Helmut Norpoth als richtig erweisen, prima. Dann wird sich das beizeiten auch in unseren Umfragen zeigen. Ich befinde mich mit ihm nicht in einem Wettbewerb. Niemand würde auf ein Thermometer verzichten, nur weil es Klimamodelle gibt. Dass das Norpoth-Modell bisher sehr gute Voraussagen gemacht hat, liegt, wenn ich es richtig verfolge, daran, dass Helmut Norpoth ein sehr guter Beobachter und kluger Analytiker ist und auch klug genug ist, sein Modell immer wieder den neuen Gegebenheiten anzupassen. Ich werde nie vergessen, wie er bei einer Tagung der “American Association for Public Opinion Research”, es muss im Jahr 1994 gewesen sein, einen Wahlsieg Clintons bei der Präsidentschaftswahl 1996 voraussagte. Der Saal brach darauf in schallendes Hohngelächter aus. Clinton war zum damaligen Zeitpunkt der unpopulärste Präsident seit den Anfangstagen der Umfrageforschung. Doch Norpoth hatte Recht. Ich habe ihm den Triumph von Herzen gegönnt, denn, wie gesagt, das Thermometer und das Klimamodell stehen nicht in einem Wettbewerb zueinander. Beste Grüße Thomas Petersen

Peter Kammer / 06.09.2013

Sehr geehrter Herr Dr. Petersen, in dem von Ihnen verlinkten Beitrag erklären Sie aber eben gerade nicht den Erfolg des Modells von Gschwend/Norpoth, sondern zweifeln lediglich seine Aussagefähigkeit für zukünftige Wahlen an, wenn ich das so zulässig verkürzen darf. Und immerhin basiert das Modell auch auf Wahlen vor 1998 und sagte das Ergebnis von 2002 exakt voraus, was Ihren Ausführungen nach ein Widerspruch darstellt. So gesehen würde es mich weiterhin interessieren, ob Sie eine Erklärung dafür haben, dass dieses Prognosemodell anscheinend (oder je nach Standpunkt: scheinbar) bessere Vorhersagen trifft als die Umfragen der Institute. Beste Grüße zurück Peter Kammer

Thomas Petersen / 05.09.2013

Sehr geehrter Herr Kammer, meinen Kommentar zu den in der Tat sehr interessanten Untersuchungen von Helmut Norpoth, den ich seit vielen Jahren gut kenne und schätze, finden Sie hier: http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/klopfzeichen_aus_der_welt_der_sozialwissenschaften_folge_20 Beste Grüße Thomas Petersen

Peter Kammer / 04.09.2013

Wenn Herr Dr. Petersen der Meinung ist, man könne einen Monat vor der Wahl keine Wahlprognose abgeben, so möge er doch einmal den Erfolg des Wahlprognosemodells von Norpoth/Gschwend erklären, die 2002 mit ihrer Vorhersage drei Monate vor der Wahl gerade einmal um 0,3% vom Wahlergebnis abwichen, 2005 die große Koalition vorher sagten, als alles von einem Wahlsieg von schwarz-gelb ausging und 2009 zumindest in der Tendenz richtig lagen.

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