Thomas Petersen / 21.08.2013 / 21:59 / 4 / Seite ausdrucken

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (Folge 21)

Der Mythos vom Nichtwähler

Gelegentlich unterliegen die Organisatoren von Kongressen dem Irrtum anzunehmen, Sozialwissenschaftler seien gut darin, die Zukunft vorauszusagen, und so kommt man als Umfrageforscher ab und zu in den Genuss höchst eigenartiger Veranstaltungen. Ein besonders interessantes Erlebnis hatte ich, als ich vor einigen Jahren an einer Tagung von „Futurologen“ teilnehmen durfte, die in einem nagelneuen Bankenpalast am Zürichsee stattfand. Lässig-elegant gekleidete Leute mit modischen Brillengestellen unterhielten sich bei Fingerfood über die künftige Entwicklung der Gesellschaft. Bei den Präsentationen wurden Szenarien wie die „Ego-Gesellschaft“ und die „Altruistische Gesellschaft“ vorgestellt. In den Pausen sang das Musikduo „Hösli und Ricardo“ seltsame Lieder, deren Texte wohl tiefsinnig sein sollten. Die Teilnehmer bekamen die CD geschenkt. Sie liegt seit Jahren originalverschweißt in meiner Schreibtischschublade. Wer an ihr Interesse hat, möge sich melden. Ich schicke sie ihm gerne.

Das Bemerkenswerte an den Diskussionen auf dieser Veranstaltung war ihre Geschichtsvergessenheit.  Die Beiträge der Futurologen entbehrten nicht nur nahezu jeder fundierten Datengrundlage, sondern es fehlte auch jegliches Bewusstsein dafür, dass man die Gegenwart nur beurteilen kann, wenn man die Vergangenheit versteht. Für die Einschätzung der Zukunft gilt das erst recht.

Ein wenig erinnert mich manchmal die öffentliche Diskussion um die sinkende Wahlbeteiligung an diese Futurologentagung. Kürzlich erschien in der Online-Ausgabe der Tageszeitung „Die Welt“ ein Artikel über ein „Multimedia-Projekt“ der Axel-Springer-Akademie. Folgt man dem Link, stößt man auf eine quietschbunte Seite mit Statements über das Nichtwählen. Die Organisatoren der Internetseite beschreiben ihre Arbeit wie folgt: „Am kommenden 22. September sind die Deutschen wieder dazu aufgerufen, ihre Volksvertreter zu wählen (...) Aber immer weniger Deutsche machen mit (...).

Warum ist das so? Wer sind Deutschlands Nichtwähler? Was sind ihre Gründe, von ihrem Stimmrecht keinen Gebrauch zu machen (...)? Wir, ein Team von 18 jungen Journalisten der Axel Springer Akademie, haben uns mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Diese Website ist eine Suche - nach denjenigen, die sich der Stimme enthalten. Auf dieser Seite wollen wir nicht nur über Nichtwähler reden, sondern mit ihnen (...).

Bei unseren Recherchen trafen wir Menschen, die aus Frust über das Parteiensystem nicht wählen gehen. Und andere, die finden, dass Politik mit ihrem Leben nichts zu tun hat. Wir sprachen mit politisch Informierten, die uns ganz genau erklärten, warum Wählen zwecklos ist. Ihrer Meinung nach.

Wir fragten Politiker, was sie gegen den Wählerschwund unternehmen und wir konfrontierten sie mit den Argumenten der Nichtwähler. So versuchen wir, einen Dialog herzustellen zwischen denen, die gewählt werden müssen, und jenen, die sie nicht wählen wollen (...). Haltungen zur Politik, zu Politikern, zu Parteien und auch zum Wählen gibt es viele. Aber ‚weiß nicht’ sollte dabei keine Option sein.“

Das ist sicherlich alles sehr löblich. Doch wahrscheinlich ist den Organisatoren gar nicht bewusst, wie viele wertende Grundannahmen bei ihren Aussagen mitschwingen, die der Überprüfung bedürften: Sie nehmen selbstverständlich an, dass Nichtwählen etwas mit Enttäuschung durch die Politik zu tun hat und zumindest potentiell eine Abwendung von der Demokratie und mangelndes Engagement für das Gemeinwesen bedeutet. Und natürlich findet man, wenn man lange genug sucht, immer ein paar Leute, die so argumentieren. Als Beispiel für bessere Zeiten werden dann oft die 70er Jahre angeführt, in denen die Wahlbeteiligungen so schön hoch waren. Doch diese Zeit bietet keinen geeigneten Vergleichsmaßstab. Man muss man das damalige Zeitklima kennen, um das Verhalten der Wähler richtig einzuordnen.

Wer die 70er Jahre bewusst erlebt hat, wird sich daran erinnern, wie aufgeheizt die politische Atmosphäre damals war. Folgerichtig hält es die Generation, die in dieser Zeit geprägt wurde und die heute in der öffentlichen Diskussion den Ton angibt, für undenkbar, sich nicht an einer Wahl zu beteiligen. Doch die Kinder und Enkel dieser übermäßig politisierten Generation haben andere Normen entwickelt als ihre Eltern und Großeltern. Sie halten es nicht für eine Pflicht, unbedingt wählen zu gehen, wenn man sich wenig für Politik interessiert und folglich meist auch nicht viel davon versteht. Man mag das bedauern, aber es ist legitim. Bemerkenswert ist nun, dass in der gleichen Zeit, in der die Wahlbeteiligung zurückging, die Zahl derer, die bürgerschaftlich engagiert sind, deutlich zugenommen hat. Die Akzeptanz demokratischer Spielregeln ist eher gewachsen, und mehr Menschen als zuvor sagen, sie glaubten daran, dass man als Bürger durchaus auf politische Entscheidungen Einfluss habe, wenn man nur wolle.

Nichts spricht zurzeit dafür, dass die Demokratie durch wachsende Resignation der Bürger ausgehöhlt wird. Politikverdrossenheit und sinkende Wahlbeteiligungen haben wenig bis nichts miteinander zu tun. Und so bleibt von der Vorstellung vom resignierten Nichtwähler bei näherer Betrachtung nicht viel mehr übrig als von den „Ich-Denk-Mir-Mal-Vorträgen“ der Schweizer Futurologen.

Dr. Thomas Petersen ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach

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Leserpost

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Dieter Schilling / 22.08.2013

Ich habe seit meinem 18. Lebensjahr keine Wahl verpasst. Mein Vorschlag zur seit Jahren sinkenden Wahlbeteiligung: Sollte bei der nächsten Wahl (egal ob Bund oder Land) die Wahlbeteiligung unter zwei Drittel der möglichen Wähler fallen, bleibt die jeweilige Regierung im Amt.

Hans Meier / 22.08.2013

Der Nichtwähler, der inzwischen mehr Stimmen vorenthält, als anschließend manche Koalitionen zusammenbringen, hat allem Anschein nach den Glauben verloren etwas in der Politik beeinflussen zu können. Hauptgrund dafür wird wohl die Tatsache sein, das die persönlichen Interessen dieser Nichtwähler von den zur Wahl anstehenden Parteien nicht wirklich vertreten werden. Wenn sich die werbenden Parteien in ihren Grundzügen kaum noch wesentlich unterscheiden, und sie den Wähler in Wirklichkeit nur im Wahlkampf umschmeicheln, ihn aber sonst gemeinschaftlich für dumm verkaufen und ausnehmen, dann fehlte dem Nichtwähler bisher doch nur eine Alternative, wo er gegen die etablierten, von ihm für nicht vertrauenswürdig erachteten Parteien seine Kreuze machen kann. Eine erhebliche Verunsicherung der Wahlprognosen entsteht mit den steigenden Chancen einer erneuten Wahlbeteiligung dieser vormaligen Nichtwähler, die theoretisch ein zweistelliges Potenzial aufbringen können. Die Angst der etablierten Parteien vor dramatischen Einbußen ist durchaus berechtigt, denn echte Opposition belebt die Demokratie im Interesse der wählenden Bevölkerung.

Werner R. Lange / 22.08.2013

Sehr geehrter Herr Petersen, m.E. machen Sie einen kleinen, aber bedeutsamen Denkfehler: Sie sprechen von “Politikverdrossenheit” - der eigentlich diskussionswürdige Begriff ist aber “Politikerverdrossenheit”. Wieviel Spaß macht es denn noch auszusuchen von wem man vielleicht etwas weniger angelogen bzw. - sorry - beschissen wird? Mit freundlichen Grüßen Werner Lange

Martin Meyer / 22.08.2013

“Wer die 70er Jahre bewusst erlebt hat, wird sich daran erinnern, wie aufgeheizt die politische Atmosphäre damals war. Folgerichtig hält es die Generation, die in dieser Zeit geprägt wurde und die heute in der öffentlichen Diskussion den Ton angibt, für undenkbar, sich nicht an einer Wahl zu beteiligen.” Wer Ihre Klopfzeichenserie gelesen hat, wurde dahingehend belehrt, daß obige Aussage eine subjektive Empfindung und nicht sozial-“wissenschaftlich” nachweisbar ist. “Bemerkenswert ist nun, dass in der gleichen Zeit, in der die Wahlbeteiligung zurückging, die Zahl derer, die bürgerschaftlich engagiert sind, deutlich zugenommen hat. Die Akzeptanz demokratischer Spielregeln ist eher gewachsen, und mehr Menschen als zuvor sagen, sie glaubten daran, dass man als Bürger durchaus auf politische Entscheidungen Einfluss habe, wenn man nur wolle.” Beispiel: 100 Bürger = 100% Wahlbeteiligung 5 Bürger engagieren sich bürgerschaftlich = 5% Nun erfolgt eine 100 % ige Zunahme der Bürgerbeteiligung = 10 Bürger, d.h. ein ganz toller Erfolg Die Wahlbeteiligung sinkt auf 70% = 70 Bürger Da deklarieren wir mal einfach 70 Bürger = 100% Der Anteil der bürgerschaftlich engagierten Bürger erhöht sich somit auf 14%. Das Umfrageergebnis lautet: Der Anteil der bürgerschaftlich engagierten Bürger hat sich annähernd verdreifacht. Die Wahrheit lautet: Von hundert Bürgern haben sich 30 Bürger = 30 % aus dem demokratischen Engagement ausgeklinkt. “Nichts spricht zurzeit dafür, dass die Demokratie durch wachsende Resignation der Bürger ausgehöhlt wird.” Als Hobby-Sozialwissenschaftler / Statistiker kann ich nur sagen, daß 0% Wahlbeteiligung eine 0 %ige Demokratie bedeutet. Vielleicht kann mir ja ein Sozialwissenschaftler erklären, ob es sich bei diesem Phänomen um einen analogen oder kausalen Zusammenhang handelt.

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