Das Schlechte an der Erfahrung
Es kann einen nicht wundern, dass die Welt der Sozialwissenschaften für viele Menschen unzugänglich bleibt, scheint sie doch vieles, was einem im persönlichen Leben richtig und selbstverständlich erscheint, auf den Kopf zu stellen. Sie ignoriert die vielen individuellen Verhaltensweisen und Motive und dampft sie auf wenige grobe Kategorien ein und stützt sich auf eine Mathematik, die niemand intuitiv erfassen kann. Sozialwissenschaftler vertreten Thesen, die keinem Menschen einleuchten, während sie solche, die durch den „gesunden Menschenverstand“ gestützt werden, verwerfen. Und sie stellen scheinbar immer die falschen Fragen. Besonders befremdlich wirkt auf Außenstehende oft die Feststellung, dass eines der großen Risiken in der Sozialforschung die Erfahrung ist. Was soll daran schlecht sein?
Das Problem der Erfahrung ist, dass sie hochmütig macht und dazu führen kann, dass der Wissenschaftler das Forschen einstellt und es durch eine Fortschreibung des Gewohnten ersetzt, ohne dass es ihm selbst bewusst wird. In der Praxis zeigt sich dies auf zwei Ebenen des Forschungsprozesses: Bei den Interviews und in der Analyse.
Gute Sozialforschung bedeutet in erster Linie gut zuzuhören. Keine noch so große Phantasie, kein noch so starkes theoretisches Modell kann die Wirklichkeit des menschlichen Verhaltens mit all ihren überraschenden Wendungen im Vorfeld korrekt erfassen. Kein Wissen ersetzt das Zuhören. Das Problem ist, das man umso schlechter zuhört, je mehr man schon zu wissen glaubt. Der amerikanische Psychologe Herbert Hyman beschrieb schon im Jahr 1954 das Phänomen des „selektiven Hörens,“ das eine der tückischsten Fehlerquellen in der Umfrageforschung darstellt und das dazu führt, dass Interviewer im Laufe der Jahre bei ihrer Arbeit eher schlechter als besser werden.
Man kann sich den Effekt des selektiven Hörens mit einem kleinen Gedankenexperiment verdeutlichen: Man stelle sich vor, man spricht mit einem etwa 55jährigen Mann in seinem Reihenhaus, das mit Büchern zum Thema Umweltschutz vollgestopft ist. Er heißt Rüdiger, trägt Bart und einen grauen Pferdeschwanz. Im Hausflur hängen Fahrradhelme an der Garderobe, vor der Haustür steht ein Volvo. Rüdiger ist von Beruf Sozialkundelehrer und in der Freizeit bei Greenpeace aktiv. Als wichtigstes politisches Thema nennt er den Klimawandel. Fragt man nun, welche Partei dieser Mann bei der Bundestagswahl wählen will, hört man es nicht mehr, wenn er „FDP“ antwortet. Man wartet die Antwort gar nicht mehr ab, denn man glaubt schon, sie zu kennen. Das selektive Hören ist der Hauptgrund dafür, dass bei Repräsentativumfragen nicht mehr als zehn Interviews von einem Interviewer durchgeführt werden sollten.
Das Risiko, das die Erfahrung in der Analyse birgt, ist ähnlich gelagert. Man kennt das logische Muster aus Sportreportagen, wenn es beispielsweise heißt: „Die Statistik spricht für die Schalker, denn noch nie hat Schalke zuhause gegen Werder verloren.“ Eine solche Aussage ist Unsinn. Die Statistik spricht weder für noch gegen Schalke. Es macht keinen Sinn, aus früheren Ergebnissen auf künftige zu schließen. Im Sport leuchtet dies leicht ein. Doch auch als Umfrageforscher kommt man immer wieder in die Versuchung, denselben logischen Fehler zu begehen, und er ist bei weitem nicht immer so leicht erkennbar wie im Sport.
Der Allensbacher Statistiker Friedrich Tennstädt, der viele noch heute angewandte Methoden der Wahlforschung entwickelt hat, pflegte zu sagen, dass die beste Wahlprognose das Ergebnis der letzten Wahl sei. Und tatsächlich: Oft hätten die vom Allensbacher Institut ermittelten Parteizahlen noch näher am Wahlergebnis gelegen, als es ohnehin schon der Fall war, wenn man die letzte Umfrage vor der Wahl mit dem Resultat der vorherigen Wahl zusammengezählt und daraus den Durchschnitt gebildet hätte.
Hätte man der Verlockung, diesen kleinen analytischen Trick zu anzuwenden, nachgegeben, hätte man sich spätestens bei der Bundestagswahl 1998 gründlich blamiert. Bis dahin hatte man sich darauf verlassen können, dass viele Menschen, sobald der Wahltermin näher rückte, zu ihrem früheren Wahlverhalten zurückkehrten, sei es aus Parteitreue, Gewohnheit oder aus einem anderen Grund. Doch so banal es klingt: Solche Regeln gelten so lange, bis sie irgendwann nicht mehr gelten. 1998 veränderte sich das Verhalten der Wähler, und der bis dahin so elegante Kniff hätte aus zutreffenden Zahlen eine peinliche Fehlprognose werden lassen. Darum ist es auch ein Missverständnis, wenn gelegentlich in der Öffentlichkeit Forscher auftreten, die behaupten, sie hätten die ein für alle Mal gültige Formel gefunden, mit der sie den Wahlausgang schon viele Monate vor dem Wahltermin vorhersagen könnten. Oft sind solche Rechenmodelle sehr interessant, aufschlussreich und für die Grundlagenforschung nützlich. Doch sie können die laufenden Messungen des tatsächlichen Verhaltens mit Repräsentativumfragen nicht ersetzen. Wenn die Formel stimmt, werden sich die Umfragen im Laufe der Zeit ihrem Ergebnis annähern. Und wenn dies in diesem Wahljahr der Fall ist, kann es dennoch beim nächsten Mal anders sein.
Deswegen bedeutet Sozialforschung immer und immer wieder gut zuzuhören. Hundertmal sagen die Menschen das gleiche, bis sie plötzlich etwas anderes sagen. Wer beim hundertersten Mal glaubt, nicht mehr zuhören zu müssen, wird Schiffbruch erleiden.
Dr. Thomas Petersen ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach