Ergebnisorientierte und erkenntnisorientierte Forschung
Allmählich beginnt der Bundestagswahlkampf, und damit wird auch den Wahlforschern in der Öffentlichkeit besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Gelegentlich wird ihnen sogar die Ehre zuteil, zum Gegenstand von Zeitungskarikaturen zu werden. Deutsche Karikaturisten haben im Verlauf von nur sechs Jahrzehnten gleich zwei ungeheuer originelle Demoskopenwitze entwickelt, die seit der Adenauerzeit in der Berichterstattung zu keinem Wahlkampf fehlen dürfen. Die eine Karikatur zeigt eine alte Frau, die sich über eine Kristallkugel beugt. Damit auch jeder den Witz versteht, ist meist auf ihrem Kleid oder an der Wand hinter ihr das Wort „Demoskopie“ zu lesen.
Der andere Witz zeigt einen Politiker als Kunden vor einer Wurstbude oder einem anderen kleinen Geschäft, das mit „Frische Umfragen“ oder etwas Ähnlichem überschrieben ist. Eine Preistafel informiert darüber, dass Ergebnisse von über 50 Prozent teurer sind als kleinere Prozentwerte. Der Ladeninhaber fragt den Kunden süffisant grinsend: „Wie viel möchten Sie denn anlegen?“ Ganz besonders pfiffige Karikaturisten schaffen es sogar, beide Witze in einer Zeichnung miteinander zu verbinden (Lieber Herr Miersch, hier der Link: http://www.bpb.de/lernen/unterrichten/grafstat/145186/mb-03-21-karikatur-madame-demoscopia).
Es lohnt sich, sich ein wenig mit der zweiten Karikaturenvariante zu befassen. Hinter ihr steckt ein weit verbreitetes Vorurteil: „Sage mir, wer eine Studie in Auftrag gegeben hat, und ich sage dir, was dabei herauskommt.“
Ich habe diese Vorstellung immer für so absurd gehalten, dass ich dachte, es könne sie niemand ernst nehmen. Doch dann bekam ich vor einigen Jahren einen Anruf von einem angesehenen Unternehmen aus dem Konsumgüterbereich. Der Anrufer bat mich, ihm ein Angebot für eine Image-Untersuchung über sein Unternehmen und seine Produkte zuzusenden. Dabei sollten möglichst suggestive Fragen gestellt werden, damit sein Unternehmen in den Ergebnissen besonders gut dastehe. Ich erklärte ich ihm, dass ich gerne eine Image-Untersuchung für sein Unternehmen machen würde, dass ich aber nicht bereit wäre, Wunschergebnisse zu liefern. Wir pflegten, so fuhr ich fort, zwischen ergebnisorientierter und erkenntnisorientierter Demoskopie zu unterscheiden, und bei uns gebe es nur erkenntnisorientierte Demoskopie - Begriffe, die übrigens nach meiner Kenntnis von dem Fachjournalisten Bernd-Jürgen Martini geprägt wurden. Mein Gesprächpartner war vollkommen verblüfft. Das Forschungsprojekt kam nicht zustande.
Seit diesem Erlebnis weiß ich, dass die Vorstellung, man könne bei Umfrageinstituten Wunschergebnisse bestellen, nicht nur bei Karikaturisten, sondern auch bei Unternehmen verbreitet ist. Aber warum ist die Vorstellung für einen Umfrageforscher so absurd? Es hat nichts damit zu tun, dass Sozialwissenschaftler so besonders moralisch wären, sondern mit ganz praktischen, handfesten Gründen. Zum einen führt sich ein Unternehmen oder auch eine Partei mit Wunschergebnissen nur selbst in die Irre, und dies zum eigenen Schaden. Darum ist es auch so lächerlich, wenn der CSU-Generalsekretär Dobrindt, wie Anfang dieses Jahres geschehen, angesichts von für ihn unerfreulichen Umfragedaten kurzerhand erklärt, diese seien falsch und glaubt, die Sache wäre damit erledigt. Das ist, wie wenn sich ein kleines Kind die Augen zu hält und glaubt, der große Hund, vor dem es Angst hat, sei weg, weil es ihn nicht mehr sehen kann. Stattdessen muss man sich mit Umfrageergebnissen umso gründlicher beschäftigen, je ungünstiger sie ausfallen, denn sie helfen einem, die eigenen Schwachstellen und ihre Ursachen zu erkennen und abzustellen.
Vor allem aber ist es reiner Eigennutz, der den Versuch unmöglich machen würde, mit verfälschten Umfragen die Öffentlichkeit zu manipulieren, und dies gilt ganz besonders für Wahlumfragen: Wahlprognosen gehören zu den wenigen Umfrageergebnissen, deren Richtigkeit anhand äußerer Daten, nämlich des Wahlergebnisses, überprüft werden können. Die geschäftliche Existenz der Institute steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit ihrer Zahlen. Wer glaubt, Umfrageinstitute könnten eben mal eben der einen Partei zwei, drei Prozent wegnehmen um sie einer anderen zuzuschustern, verkennt nicht nur die Motivation der Umfrageforscher, die nicht Forscher sondern Politiker geworden wären, wenn sie Parteipolitik hätten betreiben wollen, sondern er unterschätzt vor allem ihren Selbsterhaltungstrieb. Ein solches Vorgehen wäre das Dümmste, was einem Institut einfallen könnte. Am Wahltag wäre es gründlich blamiert. Darum kann man sich darauf verlassen, dass Parteizahlen, besonders die kurz vor einer Wahl veröffentlichten, mit die am sorgfältigsten ermittelten Umfragedaten überhaupt sind. Ein Umfrageforscher, der tatsächlich auf den Gedanken käme, wie in der Karikatur große Zahlen wie große Würste zu verkaufen, wäre ganz schnell ruiniert.
Dr. Thomas Petersen ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach