„In unserer Straße gibt es so viele Kinder!“
„Das glaube ich nur, wenn ich es mit eigenen Augen gesehen habe!“ Wahrscheinlich hat diesen Satz fast jeder schon einmal bei irgendeiner Gelegenheit gesagt, und meistens gibt es einen guten, vernünftigen Grund dafür. Der Satz illustriert aber auch eines der am schwierigsten zu überwindenden Probleme, die die Sozialwissenschaften in der öffentlichen Wahrnehmung haben, denn bei ihnen kann man „mit eigenen Augen“ nichts sehen.
Menschen sind es gewohnt, im Alltag, auf der Grundlage weniger Einzelfallbeobachtungen weitreichende Entscheidungen zu fällen, sonst wäre man kaum handlungsfähig. Wer seine Lebensent¬scheidungen stets nur auf der Grundlage statistisch abgesicherter Informationen fällen wollte, würde höchstwahrscheinlich im Leben scheitern. Er würde kein Haus, kein Auto, keine Waschmaschine kaufen können, wahrscheinlich würde er sich nicht einmal für einen Lebenspartner entscheiden können.
Meist gibt es weder die Möglichkeit noch einen vernünftigen Grund, eine bestimmte Lebenssituation einer wissenschaftlichen Untersuchung zu unterziehen, bevor man aus ihr Schlussfolgerungen zieht. Wer zweimal einem unverschämten Schornsteinfeger begegnet ist, wird rasch zu dem Schluss kommen, alle Schorn-steinfeger seien unverschämt. In der Wildnis war diese Art der Verallgemei¬nerung überlebensnotwendig. Wer einmal mit knapper Not einem hungrigen Säbelzahntiger entkommen war, dürfte seine Überlebenschancen kaum verbessert haben, wenn er bei einer zweiten Begegnung zu dem – vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet vollkommen richtigen – Schluss gekommen wäre, dass der eine Fall kaum ausreiche, um die Schlussfolgerung zu rechtfertigen, alle Säbelzahntiger seien gefährlich.
So ist das menschliche Gehirn darauf ausgelegt, von Einzelfällen auf das Ganze zu schließen. Für die Sozialforschung ist das ein Problem, denn sie beschäftigt sich ja gerade nicht mit Einzelfällen. Die Tabellen und Grafiken, die sie produziert, bleiben für die meisten Menschen abstrakt, wenig zugänglich und damit auch nicht intuitiv überzeugend.
Welche Folgen das hat, hat der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Gregor Daschmann einmal in einem kleinen Experiment illustriert, das in Fachkreisen als „Apfelwein-Experiment“ einige Bekanntheit erlangt hat, und das vom Institut für Demoskopie Allensbach vor einigen Jahren in einer Repräsentativumfrage nachgestellt worden ist: Den Befragten wurde ein Zeitungsartikel überreicht, in dem zu lesen war, dass die Bevölkerung der Stadt Frankfurt mit der Qualität des Apfelweins unzufrieden sei. Lediglich 23 Prozent hätten in einer Repräsentativumfrage gesagt, dass ihnen der Wein noch schmecke.
Diesem Artikel wurde nun, wie es oft in Zeitungen der Fall ist, eine Straßenumfrage zur Seite gestellt. Unter der Schlagzeile „Nachgefragt“ wurden vier Passanten mit Fotos und kurzen Zitaten zum Thema Apfelwein vorgestellt. Bei einem Teil der Befragten äußerten sich drei der vier Passanten positiv über den Apfelwein: Sie könnten die Klagen gar nicht verstehen, der Apfelwein sei nach wie vor gut. Eine zweite Befragtengruppe bekam dagegen Straßeninterviews präsentiert, in der sich drei der vier abgebildeten Personen über die Qualität des Apfelweins beklagten. In einer dritten Gruppe standen zwei positive zwei negativen Aussagen gegenüber.
Nach der Lektüre des Artikels und der Straßeninterviews wurden die Befragten gebeten anzugeben, was sie denn glaubten, wie viele Frankfurter denn nun tatsächlich mit dem Apfelwein unzufrieden seien. Es zeigte sich, dass die Straßeninterviews den Ausschlag gaben. Sagten drei von vier abgebildeten Personen, der Apfelwein sei gut, meinte auch eine Mehrheit derer, die eine konkrete Antwort gaben, mindestens die Hälfte der Frankfurter sei mit dem Apfelwein zufrieden. Das berichtete Umfrageergebnis wurde durch die Fallbeispiele vollkommen überlagert.
Und so machen Sozialwissenschaftler immer wieder die frustrierende Erfahrung, dass sie mit ihren Befunden nicht durchdringen, weil dem persönlichen Augenschein, sei er als Informationsquelle auch noch so unzuverlässig, mehr Glauben geschenkt wird. Der Bonner Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel hat dies einmal mit einer Anekdote sehr anschaulich illustriert. Miegel hat sich über Jahrzehnte hinweg so intensiv wie kaum ein anderer Forscher mit den Folgen des demographischen Wandels beschäftigt. „Das schlimmste ist,“ sagte er einmal in einem persönlichen Gespräch, „wenn man zu diesem Thema einen zweistündigen Vortrag hält, gespickt mit zahllosen unwiderleglichen Beweisen. Und dann steht im Publikum jemand auf und sagt: ‚Das ist doch alles gar nicht wahr! In unserer Straße gibt es SO viele Kinder!’“ Wenn das geschieht, kann der Wissenschaftler meist einpacken, denn ihrer evolutionären Prägung können die wenigsten Menschen entkommen.
Dr. Thomas Petersen ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach