Thomas Petersen
Über die Chronistenpflicht der Umfrageforschung
Die Umfrageforschung ist meistens eine sehr der Gegenwart verhaftete Profession. Wenn sie in ihren Betrachtungen überhaupt einmal die Zeitachse berücksichtigt, dann geht der Blick eher in die Zukunft als in die Vergangenheit: Wie wird die Wahl voraussichtlich ausgehen? Würden die Kunden ein bestimmtes neues Produkt kaufen? Welche von mehreren möglichen Werbestrategien verspricht den besten Erfolg?
So könnte man meinen, die Sozialwissenschaft habe mit historischer Forschung kaum etwas zu tun, doch das stimmt nicht, Tatsächlich liegt auf dem Gebiet der Geschichtswissenschaften vielleicht sogar ihre wichtigste Aufgabe. Warum? Zur Illustration mag ein kurzer Ausflug ins England des 17. Jahrhunderts dienen: Am 30. Januar 1649 wurde in Westminster der abgesetzte englische König Charles I öffentlich hingerichtet. Von diesem Ereignis gibt es verschiedene Nachrichten, beispielsweise den Hinweis, es habe bei der Hinrichtung im Publikum eine beklemmende Stille und „allgemeine Bedrückung“ geherrscht. Gleichzeitig erfährt man aber, der Unterhausabgeordnete und berühmte Tagebuchschreiber Samuel Pepys habe sich auf derselben Veranstaltung von einer Woge puritanischen Eifers mitreißen lassen. Was stimmt nun? Welcher Hinweis gibt die tatsächliche Stimmung in der englischen oder auch nur der Londoner Bevölkerung wieder? Wir wissen es nicht, denn wir haben keine verlässlichen Quellen dazu. Wir bräuchten sie aber eigentlich, wenn wir die Lage richtig verstehen wollen.
Im Jahr 1950 hielt der österreichisch-amerikanische Pionier der Sozialwissenschaft Paul Lazarsfeld eine Grundsatzrede mit dem Titel „Die Verpflichtung des Meinungsforschers von 1950 gegenüber dem Historiker von 1984.“ Mit dem Datum 1984 spielte Lazarsfeld auf den kurz zuvor erschienenen gleichnamigen Roman von George Orwell an. Was hatte diese düstere Zukunftsutopie mit der Umfrageforschung zu tun? „In dem Roman“, erläuterte Lazarsfeld, „wird die Hauptperson Winston Smith (...) von dem Verlangen verzehrt, herauszufinden, wie das Leben vor vierzig Jahren ausschaute. Aber das ist unmöglich. Ein Wahrheitsministerium beschäftigt in Orwells Alptraum viele Historiker, deren einzige Aufgabe es ist, die Geschichte abzuändern und den jeweiligen Bedürfnissen des Diktators anzupassen (...). Die Verzweiflung, die aus der Unmöglichkeit erwächst, Gegenwart und Vergangenheit miteinander zu vergleichen, ist einer der quälendsten Züge in Orwells Roman (...).Wir alle hoffen, dass dieses Bild der Zukunft nur ein Phantasiebild bleiben und der Historiker von 1984 nicht die Aufgabe haben wird, seinen Mitbürgern das Verständnis der Vergangenheit unmöglich zu machen. Aber wird er im Jahr 1984 seiner Aufgabe gerecht werden können, wenn wir ihm nicht jetzt schon helfen?“
Inzwischen ist das symbolhafte Jahr 1984 längst vergangen, doch Lazarsfelds Frage ist unverändert aktuell. Man muss nicht weit in die Vergangenheit gehen um zu erkennen, was passieren würde, wenn die Umfrageforschung auch heute noch nicht vorhanden wäre. Einem Historiker des Jahres 2200, der versuchte, die Vorgeschichte der deutschen Einheit aufgrund von Zeitungsartikeln der 70er und 80er Jahre zu rekonstruieren, müssten die Ereignisse des Jahres 1989 vollkommen unverständlich bleiben. Er würde zu dem Schluss kommen, die westdeutsche Bevölkerung sei über 20 Jahre hinweg an der deutschen Einheit nicht interessiert gewesen. Er würde auf unzählige Belege dafür stoßen: Eifrige Versicherungen, die deutsche Einheit stünde nicht auf der Tagesordnung, die zwei deutschen Staaten seien eine unumkehrbare historische Tatsache. Der Historiker würde von den Versuchen erfahren, die DDR diplomatisch anzuerkennen und davon, dass die wenigen Politiker, die sich gelegentlich zur deutschen Einheit bekannten, als reaktionär beschimpft wurden.
Er würde vor dem Rätsel stehen, dass sich scheinbar aus dem Nichts, einer allgemeinen Ablehnung der Wiedervereinigung, plötzlich eine Volksbewegung für die deutsche Einheit geformt hätte. Nur mit Hilfe der Umfrageforschung und ganz gegen den Medientenor der damaligen Zeit lässt sich eindeutig zeigen, dass die westdeutsche Bevölkerung auch in den Jahren, in denen dies dem öffentlichen Zeitklima widersprach, den Traum von der deutschen Einheit nie aufgegeben hatte.
Repräsentativumfragen fördern Informationen zutage, die mit keiner anderen Methode zu gewinnen sind. Damit fällt den Forschern eine große Verantwortung zu. Wir müssen bereits heute an den Historiker des Jahres 2200 denken. Wenn wir nicht die Fragen stellen, die er zum Verständnis unserer Zeit benötigt, wird er beim Versuch ihrer Rekonstruktion ebenso scheitern wie Winston Smith in „1984“ oder wie wir heute bei dem Versuch, die Stimmung in London im Jahr 1649 zu verstehen.
Dr. Thomas Petersen ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach