Liebe macht tatsächlich blind
Das Fest der Liebe naht, und so erscheint es angemessen, sich ein wenig mit dem Thema Liebe zu beschäftigen. Als Sozialwissenschaftler lernt man die Menschen kennen und wird dabei so mancher Illusion beraubt. So landet beispielsweise jeder Politikwissenschaftler, der der These vom informierten, politisch rational entscheidenden Staatsbürger anhängt, nach kürzester Zeit auf dem harten Boden der Tatsachen. Vor einigen Jahren stellte das Institut für Demoskopie Allensbach in einer Repräsentativumfrage die Frage „Wie ist das eigentlich bei uns im Grundgesetz geregelt, haben wir eine repräsentative oder eine direkte Demokratie?“ 43 Prozent der Befragten antworteten daraufhin, es gebe in Deutschland eine repräsentative Demokratie. 57 Prozent tippten dagegen entweder auf die direkte Demokratie oder sagten rundheraus, sie wüssten die richtige Antwort nicht. Auf die Frage „Haben Sie schon einmal etwas von Gewaltenteilung gehört?“ antworteten 64 Prozent mit „Nein.“ Fragte man nach dem Gewaltmonopol des Staates, sagten ebenfalls fast zwei Drittel, sie hätten noch nie davon gehört, und von denen, die den Begriff kannten, gaben die meisten auf die Nachfrage, was denn darunter zu verstehen sei, eine falsche Antwort.
Auch Vorstellungen, wonach die Welt irgendwie demokratischer und gerechter würde, wenn man nur die politischen Entscheidungen direkt dem Volk und nicht den meist so demonstrativ verachteten Politikern überließe, relativieren sich unter dem Eindruck sozialwissenschaftlicher Befunde rasch. Im Jahr 2010 befragte der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter die Teilnehmer an den Protesten gegen den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs. 70 Prozent der Demonstranten stimmten in dieser Studie der Aussage zu, Deutschland brauche mehr direkte Demokratie, zum Beispiel mehr Volksentscheidungen oder Bürgerbefragungen. Von denselben Befragten sagten aber gerade 28 Prozent, sie wären auch dann bereit, das Ergebnis einer Volksabstimmung zu akzeptieren, wenn dieses gegen ihre eigene Meinung ausfallen sollte. Fast zwei Drittel, 63 Prozent, wollten ein solches Ergebnis dagegen nicht hinnehmen. Die Basisdemokratie wird genau so lange befürwortet, wie sie die eigene Position stützt.
Angesichts solcher Ergebnisse ist man dann auch nicht mehr erstaunt zu sehen, dass vielen Menschen die im Grundgesetz garantierten persönlichen Freiheiten nicht besonders wichtig zu sein scheinen, sofern diese nicht grade ein ganz konkretes eigenes Anliegen betreffen. So kann einem beispielsweise schwindelig werden, wenn man sieht, was die Bevölkerung alles verboten sehen möchte. Man versteht Freiheit im Allgemeinen als ein Abwehrrecht des Bürgers gegenüber dem Staat. Aber was ist, wenn die Bürger gar kein Interesse haben, dieses Recht wahrzunehmen und im Gegenteil sogar mehr Kontroll-, Regulierungs- und Verbotsgelüste entwickeln als die Vertreter der staatlichen Institutionen selbst? Wer schützt dann die verbleibende Minderheit derer, die noch an ihren Freiheitsrechten festhalten möchten?
Alle diese Befunde lassen die Bevölkerung nicht besonders sympathisch wirken, und doch wird man nur selten einen Sozialforscher treffen, der zum Menschenfeind mutiert ist. Der Grund dafür ist, dass man auch immer wieder auf Eigenschaften, Verhaltensweisen und Einstellungen der Bevölkerung stößt, die vielen in der Öffentlichkeit verbreiteten kulturpessimistischen Einstellungen widersprechen, und die die eben genannten verstörenden Aspekte gesellschaftlichen Verhaltens mehr als aufwiegen. So ist es beispielsweise in bestimmten intellektuellen Kreisen, in denen man sich selbst gerne als kritisch wahrnehmen würde, sehr verbreitet, über die angebliche soziale und menschliche Kälte in der modernen Gesellschaft zu klagen. Doch diese Vorstellung lässt sich kaum aufrechterhalten, wenn man sich auch nur ein wenig mit den Trenddaten der Umfrageforschung befasst. In den letzten Jahrzehnten ist die Zahl derer, die sich selbst als unglücklich oder einsam bezeichnen, deutlich zurückgegangen. Heute sagen viel weniger Menschen als noch vor einigen Jahrzehnten, es gebe niemanden, der sich um sie kümmern würde, wenn sie in Not wären. Die alltägliche Nachbarschaftshilfe hat ebenso zugenommen wie die Zahl der ehrenamtlich Engagierten.
Gelegentlich stößt man gar auf einen Befund, bei dem man gar nicht anders kann, als ein Gefühl der Zuneigung zu den Menschen zu entwickeln, und der einen damit für viele Frustrationen entschädigt. Ein solcher Fall sind die Reaktionen der Bevölkerung auf die Frage „Würden Sie sagen, dass Ihr Mann/Ihre Frau ganz besonders gut aussieht?“ Im Jahr 1996 - und man kann annehmen, dass sich daran seitdem nichts Grundlegendes geändert hat - antworteten 60 Prozent der Frauen, die verheiratet waren oder mit einem festen Partner zusammenlebten, ihr Partner sehe ganz besonders gut aus. Das gleiche sagten umgekehrt sogar 73 Prozent der Männer über ihre Frauen bzw. Freundinnen. Und es waren nicht nur die jungen, frisch verliebten Befragten, die diese Antwort gaben, sondern in allen Altersgruppen waren deutliche Mehrheiten davon überzeugt, dass speziell ihr persönlicher Lebenspartner ganz besonders gut aussehe. Nun ist es schon rein statistisch nicht möglich, dass fast zwei Drittel der Männer und drei Viertel der Frauen „ganz besonders gut“ aussehen (was immer das im Einzelnen bedeuten mag), jedenfalls dann nicht, wenn man das durchschnittliche Aussehen als Vergleichsmaßstab heranzieht. Und so gibt es letztlich nur eine plausible Erklärung für das Antwortverhalten: Liebe macht blind.
Ich wünsche allen Lesern der „Achse des Guten“ fröhliche und liebevolle Weihnachtstage!