Es war eine sehr intensive Diskussion, wie wir vor etwa vier Jahren in Heidelberg führten. Ulrike Ackermann, Leiterin des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung und „Achse“-Autorin, hatte eingeladen, um über das Konzept eines zukünftigen Forschungsprojekts zu beraten, bei dem die Verankerung des Werts der Freiheit in der Gesellschaft erfasst werden sollte. Daraus sollte sich später der „Freiheitsindex Deutschland“ entwickeln, dessen dritte Untersuchungswelle in dieser Woche in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt werden wird.
Wir waren etwa fünf Personen. Neben Ulrike Ackermann und ihrem Mitarbeiter Jörg Schmidt waren nach meiner Erinnerung ein Potsdamer Sozialforscher und ein Frankfurter Soziologe dabei. Ich legte dar, dass meiner Meinung nach unter den vielen Fragen im Allensbacher Archiv eine von besonderem Interesse sei, bei der die Befragten gebeten werden zu sagen, ob sie der Ansicht seien, jeder Mensch sei „seines Glückes Schmied.“ Diese Frage, so argumentierte ich, erfasste eine entscheidende Dimension des Themas Freiheit. Man könne die größtmögliche Handlungs- und Entscheidungsfreiheit des Einzelnen nur dann als gesellschaftliches Grundprinzip befürworten, wenn man auch der Meinung sei, dass die meisten Menschen in der Lage seien, diese Freiheit auch zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen und ihr Leben erfolgreich selbst in die Hand zu nehmen. Glaubte man dagegen, dass die Bürger ihren äußeren materiellen Lebensumständen wehrlos ausgeliefert seien, müsste man konsequenterweise auch einen stark regulierenden, tief in das Leben der Menschen eingreifenden Staat befürworten.
Diese Argumentation gefiel dem Soziologen in der Runde nun überhaupt nicht. Nicht, dass er ihr inhaltlich nicht zustimmte, doch er fand, sie stünde nicht im Einklang mit den Denktraditionen der Aufklärung. Immer wieder kam er auf diesen Punkt zurück. Schließlich rief er erregt: „Ich kenne keine einzige Freiheitstheorie, die diese These enthält!“ Darauf antwortete ich: „Sie ist Bestandteil MEINER Freiheitstheorie, die ich hiermit verkünde!“ Damit war die Diskussion beendet. Der Soziologe verbuchte mich gedanklich als hoffnungslosen Fall, und wir konnten uns anderen Themen zuwenden.
Erst viel später wurde mir klar, dass diese kleine Auseinandersetzung sehr aufschlussreich und typisch war für die Art von Denkfallen, auf die Menschen in der Wissenschaft seit mindestens zwei Jahrtausenden hereinfallen. Forschung ist auf Tradition angewiesen. Wir würden immer wieder von vorne anfangen müssen, wenn wir nicht die Vorgeschichte unseres eigenen Faches kennen würden, wenn wir nicht auf den Erkenntnissen unserer Vorgänger aufbauen könnten. Isaac Newton hat diese Tatsache mit seinem berühmten Satz „Wir stehen auf den Schultern von Riesen“ sehr schön auf den Punkt gebracht.
Doch man darf sich auch nicht zum geistigen Sklaven der Vorgänger machen. Meine Vorstellungen vom Wert der Freiheit mögen Unsinn gewesen sein, doch das war es ja nicht, was den Soziologen so empörte. Er verwarf meine Idee allein deswegen, weil sie nach seiner Kenntnis noch niemand sonst formuliert hatte (womit er mir übrigens höchstwahrscheinlich Unrecht tat: So originell war mein Gedanke nun wirklich nicht). Was für mich der Zweck von Wissenschaft ist, nämlich etwas Neues zu entdecken und zu beschreiben, war von ihm offensichtlich ungewünscht. Fast konnte man meinen, er sähe darin eine Gefahr.
In der Reaktion des Soziologen zeigt sich ein menschlich sehr verständliches Verhaltensmuster. Das Neue bringt immer Unsicherheit mit sich. Im Strom der bereits bekannten Gedanken kann man sich sehr viel geborgener fühlen, und je häufiger eine These unwidersprochen wiederholt wird, desto schwerer wird es, sich von ihr zu lösen. Das Festhalten an den eingefahrenen Bahnen des Denkens selbst dann, wenn sie ganz offensichtlich falsch oder unvollständig sind, war lange Zeit das größte Hindernis in der Entwicklung der Wissenschaften. Über Jahrhunderte hinweg nahmen die Wissenschaftler an, ein schwerer Körper müsse schneller zu Boden fallen als ein leichterer, allein, weil Aristoteles es behauptet hatte. Erst Anfang des 17. Jahrhunderts kamen der niederländische Ingenieur Simon Stevin und kurz nach ihm Galileo Galilei auf den Gedanken, dies einmal auszuprobieren.
Noch Kopernikus war der Ansicht, dass die Planetenbahnen exakte Kreise beschreiben, weil Aristoteles den Kreis als vollkommene Form beschrieben hatte. Die Planetenbahnen waren rund, weil sie rund sein mussten. Wenn die Beobachtungen mit dieser Theorie nicht übereinstimmten, dann musste mit den Beobachtungen etwas nicht stimmen. Erst Kepler war bereit zu akzeptieren, dass die Planetenbahnen tatsächlich elliptisch waren und Aristoteles Thesen zwar überzeugend aber falsch.
Selbst in der Medizin wurde lange Zeit mehr auf die Überlieferung des Hippokrates und Galenos geachtet als auf Beobachtungen und Experimente. Im 16. Jahrhundert pflegte man Schusswunden mit siedendem Öl auszubrennen, weil es hieß, dass die Geschosse giftig seien. Erst als dem französischen Wundarzt Ambroise Paré im Jahr 1583 das Öl ausging, stellte man fest, dass die Patienten, denen die grausame Behandlung erspart geblieben war, sich wesentlich besser erholten als diejenigen, die nach den Regeln der Kunst behandelt worden waren.
Heute ist man geneigt, über solche Irrwege der Wissenschaft in früheren Jahrhunderten zu schmunzeln, doch das wäre Hochmut, denn in Wahrheit sind wir heute nicht viel weiter. Jeder, der einen Gedanken mit dem Argument ablehnt, das habe ja noch niemand gesagt, begeht letztlich den gleichen Fehler.