Thomas Petersen / 13.09.2013 / 17:31 / 3 / Seite ausdrucken

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (23)

Die geheimnisumwitterte Gewichtung

Eine beliebte Standardübung in der Wahlberichterstattung ist es, den Umfrageinstituten vorzuhalten, sie würden mit irgendwelchen Geheimformeln an ihren Parteizahlen herumpfuschen. Als Trommelwirbel dient dabei meist der Fachbegriff „Gewichtung.“ Dieses Wort kann man in den Ohren unbedarfter Leser so schön verdächtig klingen lassen, und so wird in jedem Wahlkampf erneut die Gewichtung von Umfragen als vermeintliche Enthüllung präsentiert. Ein Beispiel dafür ist ein Artikel von Wolfgang Gibowski vom Juli dieses Jahres im „Cicero“ mit dem äußerst originellen Titel „Die geheimen Tricks der Demoskopen“ (http://www.cicero.de/berliner-republik/wahlumfragen-die-geheimen-tricks-der-demoskopen/55214), der allein schon deswegen seltsam ist, weil Gibowski selbst lange Jahre lang Wahlforschung betrieben hat. Er müsste es also eigentlich besser wissen.

Besonders lustig ist die Behauptung, es handele sich bei der Gewichtung um ein eifersüchtig gehütetes Geheimnis der Institute. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mich in den letzten zwanzig Jahren jemals ein Journalist gebeten hätte, ihm das Prinzip der Gewichtung zu erklären. Woher wollen die eigentlich wissen, dass etwas geheim ist, wenn sie nie danach fragen? Tatsächlich ist die Gewichtung ungefähr so geheim wie die „Geheimtipps“ in Reiseführern. Und weil niemand fragt, erkläre ich sie im Folgenden eben unaufgefordert.

Die Gewichtung ist ein simples Routine-Verfahren. Es handelt sich NICHT um eine nachträgliche Veränderung von Umfrageergebnissen, sondern um eine Korrektur der Stichprobe bevor man sich die Ergebnisse überhaupt anschaut. Nehmen wir einmal an, ein Institut führt eine Marktforschungsstudie zum Thema Fertiggerichte durch. Nachdem die Umfrage beendet ist, stellt sich heraus, dass der Anteil der Junggesellen unter den Befragten deutlich größer ist, als es nach den Daten des statistischen Bundesamtes der Fall sein sollte. Die Gewichtung gleicht nun die Unwucht der Stichprobe aus. Jeder befragte Junggeselle geht mit einem etwas geringeren Gewicht in das Gesamtergebnis ein als die anderen Befragten, so dass alle Junggesellen zusammengenommen nur so viel zum Gesamtergebnis der Umfrage beitragen, wie es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht.

Das Junggesellen-Beispiel mag ein wenig gesucht erscheinen, aber es zeigt, warum dieser methodische Schritt notwendig ist. Verzichtet man darauf, kann das zu verzerrten Ergebnissen führen, denn es ist plausibel annehmen, dass Junggesellen eine andere Einstellung gegenüber Fertiggerichten haben als Frauen oder verheiratete Männer. Fast keine Umfrage kommt ohne solche Gewichtungen aus. Die Basis bilden meist die Daten des Statistischen Bundesamtes. So sind beispielsweise junge Menschen schwerer zu erreichen als ältere und darum in den Stichproben öfter unterrepräsentiert. Also müssen sie mit einem etwas stärkeren Gewicht versehen werden. Die Gewichtung ist letztlich ein Notbehelf: Eine eigentlich nicht ganz repräsentative Stichprobe wird nachträglich gleichsam „zurechtgebogen.“ Das ist unschön, aber oft unvermeidlich.

Bei der so geheimnisumwitterten „politischen Gewichtung“ geschieht im Prinzip das Gleiche, nur dass nicht die Bevölkerungsstrukturdaten die Basis der Gewichtung bilden, sondern das letzte Wahlergebnis. Jede Wahlumfrage enthält die Frage „Könnten Sie mir sagen, welche Partei Sie das letzte Mal gewählt haben?“ Theoretisch müssten die Antworten auf diese Frage bei denjenigen, die sich an der letzten Wahl beteiligt haben, dem letzten Wahlergebnis entsprechen. Doch das ist oft nicht der Fall. Es kommt immer wieder vor, dass Menschen, die eine bestimmte Partei gewählt haben, sich nicht zu dieser Wahl bekennen mögen und überdurchschnittlich oft das Interview verweigern. Die Gewichtung gleicht nun diese Verzerrung aus. Ein fiktives, vereinfachtes Beispiel:

Hat eine Partei A bei der letzten Wahl 50 Prozent der Stimmen erhalten und kommt bei der Rückerinnerungsfrage auf den zu tiefen Wert von 45 Prozent, so ergibt sich ein Gewichtungskoeffizient von 50 : 45 = 1,11. Das heißt, die 45 Prozent Befragten, die die Partei gewählt haben, werden so gezählt, als würden sie 50 Prozent derer ausmachen, die bei der letzten Wahl gewählt und eine konkrete Angabe gemacht haben. Hundert Personen mit diesen Merkmalen zählen soviel, als wären sie 111 Befragte.

Wenn eine Partei bei der Rückerinnerungsfrage auf einen zu tiefen Wert kommt, kommt zwangsläufig umgekehrt mindestens eine andere Partei auf einen zu hohen Wert. Nehmen wir an, die Partei B kommt bei der Frage: „was haben Sie letztes Mal gewählt“ ebenfalls auf 45 Prozent, tatsächlich betrug das letzte Wahlergebnis aber nur 40 Prozent. Hier ergibt sich ein Gewichtungskoeffizient von 40 : 45 = 0,89. Hundert Personen, die angeben, sie hätten bei der letzten Wahl Partei B gewählt, zählen also soviel wie 89 Personen, und zwar unabhängig davon, welche Wahlabsicht sie für die kommende Wahl äußern.

Das ist das ganze „Geheimnis.“ der skandalumwitterten Gewichtung: Eine - im Prinzip - simple Rechenprozedur zur Anpassung der Stichprobe an bekannte statistische Eckdaten. Man kann sie in jedem einschlägigen Handbuch nachlesen.

 

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Steffen Frank / 13.09.2013

Sehr geehrter Herr Petersen, das Geheimnis bleibt bestehen, solange Sie nicht mit konkreten Daten arbeiten. Zum Beispiel mit den Rohdaten einer aktuellen Umfrage und deren Gewichtung. Ihre fiktiven Beispiele sind viel zu unterkomplex. Mit freundlichen Grüßen, Steffen Frank

Michael Lorenz / 13.09.2013

Schön und gut - aber bezüglich dessen, was uns auf den Nägeln brennt, gehört das in die Kategorie: Thema verfehlt. Interessieren würde mich zum Beispiel viel mehr: - In welchem Handbuch kann man nachlesen, dass nachweislich schon einmal Daten eines Umfrageinstitutes bewusst gefälscht worden sind, um Einfluss auf eine bevorstehende Wahl zu nehmen? Anwort: das steht in keinem Handbuch, aber in der Wikipedia unter dem Stichwort “Institut für Demoskopie Allensbach”: “Für öffentliche Kritik sorgten Umfragen zur Landtagswahl in Baden-Württemberg 1992 und Landtagswahl in Baden-Württemberg 1996, bei denen das Institut die Umfragewerte der Partei Die Republikaner viel zu niedrig ansetzte. Allensbach prognostizierte 4,5 bzw. 4 Prozent Stimmenanteil. Die tatsächlichen Wahlergebnis der Republikaner lagen jedoch bei 10,9 und 9,1 Prozent. In einem Interview zu den Vorfällen räumte Renate Köcher ein, dass sie der Partei keine Plattform bieten wolle und daher die im Vorfeld der Wahl ihr bekannten höheren Umfragewerte nicht veröffentlicht hatte. Dieses Vorgehen stieß in der Publizistik und Wissenschaft auf Kritik.”

Michael Klein / 13.09.2013

Hallo Dr. Petersen, es ist wohltuend, einen Beitrag zu lesen, der Geheimnisse lüftet, die gar keine sind, aber in Zeiten frei flottierender Begrifflichkeit, ist eben auch eine Gewichtung, die simple Multiplikation von Daten ein Geheimnis. Was mir in dem Beitrag allerdings fehlt, ist etwas Kritisches zur Gewichtung, soll doch per Gewichtung wie von Zauberhand aus einer verzerrten Stichprobe eine Stichprobe werden, die für die Gesamtbevölkerung repräsentativ ist und dazu sind eben nicht nur die letzten Wahlen, sondern auch z.B.  die Alters-, Geschlechts-, Einkommens- und oder Berufsverteilungen notwendig. Soweit ich mich erinnere, ist der Gewichtungskoeffizient bei der Forschungsgruppe Wahlen, den Wolfgang Gibowski als deren Mitgründer offensichtlich und zwischenzeitlich vergessen hat, ein solches konglomeriertes Maß, mit dem aus 125 Arbeitern, die über 40 Jahre als sind eben einmal 250 Arbeiter über 40 Jahre werden, nicht im Datensatz aber im Anteil. Für mich ist Gewichtung dem Rühren des Hexentrunks vergleichbar, besonders deutlich bei Europa-Gewichten, wie sie im Eurobarometer genutzt werden, um von 300 befragten Luxemburgern noch 4 übrig zuhaben, die dem Gewicht Luxemburgs in der EU entsprechend, während aus 1000 Deutschen, wie von Zauberhand geführt, rund 4000 werden. Der Magie des Gewichtens sind keine Grenzen gesetzt und entsprechend gibt Gewichtung in Wahlumfragen eine Reihe von Möglichkeiten, um das Endergebnis fast nach Belieben zu berechnen. Man ergänzt hier ein paar Arbeiter, nimmt dort ein paar Kirchgänger hinzu und schon ist man bei höheren Prozentwerten für SPD und CDU und, nicht zu vergessen, die ganze Gewichtung ist sehr konservativ. Wie sich in der Vergangenheit regelmäßig gezeigt hat, bei den Reps, den Grünen, werden neue Parteien generell zu gering gewichtet, was auch nicht verwunderlich ist, weil man ja nicht weiß, wer die neuen Parteien wählt und entsprechend neue Parteien gar nicht gewichten kann. Kurz: Gewichtung ist kein Geheimnis, aber auch keine wissenschaftliche Methode. Gewichtung ist eine symbolische Tätigkeit, mit der der Anschein erweckt werden soll, man könne aus 1000 Befragten eine für die deutsche Bevölkerung repräsentative Grundgesamtheit zimmern, und nichtzuletzt ist die Gewichtung ein Verfahren, dem ich schon deshalb spektisch gegenüberstehe, weil es alle möglichen Tripps und Kniffe erlaubt, um Parteien gut oder schlecht zu rechnen. Die in der Zunft hinlänglich bekannten “Differenzen in den Ergebnissen” zwischen Forsa und Infas und Emnid mögen als Beispiel dafür genügen.

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