Gastautor / 29.11.2010 / 18:44 / 0 / Seite ausdrucken

Kleine Lügen unter Freunden

Gil Yaron

Für wohl niemanden war die Veröffentlichung geheimer diplomatischer US-Depeschen peinlicher und potentiell gefährlicher als für Libanons Premierminister Saad Hariri. Der verkündete erst gestern (Montag) auf seinem Staatsbesuch in Teheran seine enge Freundschaft und Unterstützung für das iranische Atomprogramm. Die New York Times veröffentlichte hingegen zur selben Zeit den Inhalt eines Gespräches vom August 2006, in dem er einen US-Diplomaten ermutigt hatte, einen Präventivschlag gegen Teheran durchzuführen. Der Angriff auf den Irak sei unnötig gewesen, einer auf den Iran hingegen notwendig, sagte Hariri damals. Der frappierende Kontrast von Hariris privater und öffentlicher Weltanschauung ist bezeichnend für die gesamte arabische Welt. Die Publikation tausender Dokumente könnten nun zahlreiche arabische Funktionäre und Herrscher in die Bredouille bringen.

Wie das Gespräch Hariris befassen sich die meisten Depeschen aus Nahost mit der iranischen Bedrohung und nicht dem Palästinenserproblem. Schon kurz nach der Machtübernahme Mahmud Ahmadinedschads im Jahr 2005 warnten Militärs der Vereinten Arabischen Emirate, dass Irans neuer Präsident „verrückt“ sei. Im Jahr darauf riet der Generalstabchef Abu Dhabis den USA dazu, innerhalb eines Jahres militärisch gegen Teheran vorzugehen. Der Kronprinz Abu Dhabis „beschrieb einen baldigen konventionellen Krieg als deutlich bessere Alternative gegenüber den langfristigen Folgen eines atomar bestückten Irans”.

Als besonders aggressiv erweist sich Saudi Arabien, dessen Botschafter in den USA riet „militärischen Druck nicht vom Tisch zu nehmen“. Saudi Arabiens König Abdallah forderte wiederholt den Iran anzugreifen um „den Kopf der Schlange abzuschlagen“. Im Mai 2009 sagte auch der König von Bahrain, dass Irans Atomprogramm „unbedingt gestoppt werden muss. Der Preis, den Iran aufzuhalten, ist kleiner als der, ihn gewähren zu lassen“.

In Israel, wo man Wikileaks Coup mit besorgter Spannung erwartet hatte, gab man gestern Entwarnung. Premierminister Benjamin Netanjahu fühlte sich bestätigt: „Die Region wird seit 60 Jahren von Propaganda im Bann gehalten, die Israel als größte Gefahr darstellt. Immer mehr Staaten erkennen aber, dass der Iran die wahre Bedrohung ist“, sagte der Premier. „Solange die arabischen Führer das für sich behalten, hilft das niemand. Wenn sie es aber öffentlich bekanntgeben, könnten sie damit Frieden den Weg ebnen, indem sie die Theorie, dass Israel das Hindernis ist, widerlegen und zeigen, dass wir gemeinsame Interessen haben.“

In Netanjahus Worten spiegelt sich die Frustration amerikanischer Diplomaten, die monierten, dass arabische Politiker sich nicht trauten, ihre Haltung öffentlich kundzutun: „Unsere Freunde müssen sagen, dass sie zu Amerika stehen“, sagte US-General John Phillip Abizaid seinen arabischen Kollegen. Es ist nicht die einzige Enttäuschung der Amerikaner: So versprach ihnen Syriens Präsident Baschar Assad, Libanons Hisbollahmiliz nicht mehr hochzurüsten. Eine Depesche hält jedoch fest, dass Damaskus nur eine Woche später die Waffenlieferungen an die Hisbollah nur intensivierte.

Manche Depeschen porträtieren Israel zwar als Panikmacher, der Washington mit voreiligen Warnungen zum Handeln treiben will. So warne Israel seit den neunziger Jahren, dass Teheran „schon bald“ eine Atombombe besitzen könne. Israels Geheimdienstchef Meir Dagan ging sogar so weit, den USA einen fünf Stufen Plan zum Sturz des iranischen Regimes zu unterbreiten.

Aus der Mehrheit der bisher veröffentlichten Depeschen geht jedoch hervor, dass Amerikas Sichtweise sich weitgehend mit der israelischen deckt. So teilt auch Washington die Sorge vor islamistischen Tendenzen der Türkei, deren Verlässlichkeit zunehmend fraglich sei und deren Außenminister Ahmet Davutoglu sogar als „besonders gefährlich“ eingestuft wurde. Das iranische Rüstungsprogramm sei nach der Lieferung fortschrittlicher nordkoreanischer BM-25 Raketen nicht mehr nur für die Region, sondern auch für Westeuropa eine existentielle Gefahr.

Während Wikileaks in Saudi Arabien und vielen anderen arabischen Medien gestern totgeschwiegen wurden, bezeichnete Irans Präsident Ahmadinedschad die Veröffentlichungen als „teuflische Kabale“: „Wir sind die Freunde unserer Nachbarn“, sagte Ahmadinedschad, der hinter Wikileaks eine organisierte amerikanische Kampagne wähnte. Er sprach wenige Stunden nachdem zwei mysteriösen Attentaten auf iranische Atomwissenschaftler mitten in Teheran, bei denen ein Forscher getötet und ein weiterer verletzt worden waren. Irans Präsident machte die USA und Israel für die Anschläge verantwortlich. Es werde ihnen aber nicht gelingen, das iranische Atomprogramm aufzuhalten.

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