Alles begann damit, dass der Journalist Steve Smith eines schönen Tages im Jahr 1976 eine Schallplatte aus einer Wühlkiste in der Redaktion des Providence Journal im US-Bundesstaat Rhode Island zog, in der ausrangierte Musterexemplare ihrer Entsorgung harrten. Das bunte, aufwändig gestaltete Plattencover mit der lächelnden Sonne hatte ihn fasziniert und neugierig gemacht, so dass er das Album kurzerhand mit nach Hause nahm.
Als er die Scheibe bei sich daheim auflegte, glaubte er seinen Ohren nicht zu trauen: Die Stimmen, der Sound, die Arrangements, die Art und Weise wie die Instrumente klangen und gespielt wurden ... All das erinnerte ihn an die Musik der späten, psychedelischen Beatles und Songs wie „Magical Mystery Tour“, „I Am The Walrus“ oder „Hello Goodbye“. Natürlich wollte er wissen, welche Musiker hinter diesen bemerkenswerten Aufnahmen steckten.
Smith suchte das ganze Album ab. Aber außer dem seltsamen Namen „KLAATU“, der Angabe „Produced by Klaatu“ sowie der merkwürdigen Inschrift „3:47 E.S.T.“ auf dem Plattenlabel waren weder dem Cover noch der Innenhülle irgendwelche Informationen zu den beteiligten Personen zu entnehmen. Das war in der Tat verdächtig. Denn welche Band und welche Plattenfirma würde die Identität der Musiker verheimlichen, in einem Business, in dem es um Personenkult geht?
Versteckte Botschaften
War das der Grund, weshalb niemand der Platte Aufmerksamkeit geschenkt hatte und sie in der Wühlkiste landete? Und warum hatte offenbar keiner außer ihm die kongenialen Parallelen zu den Fab Four bemerkt? Jetzt war Smiths Neugierde richtig geweckt. Er begann genauer hinzuhören und die Texte zu studieren. Dabei stieß er auf eine ganze Reihe von versteckten Botschaften, die sich mit den vier Freunden aus Liverpool und ihrer Geschichte in Verbindung bringen ließen.
Etwa in dem Song „Sub-Rosa Subway“, dessen Titel nicht nur an „Yellow Submarine“ erinnert, sondern in dem es auch heißt: „New York City and the morning sun were awoken by the strangest sound. Reportedly as far as Washington the tremors shook the earth ...“. Tatsächlich waren die Städte New York und Washington die ersten beiden Stationen auf der ersten USA-Reise der Fab Four gewesen, bei der sie im Februar 1964 die Beatlemania nach Amerika gebracht hatten und die British Invasion einläuteten.
Zudem meint man bei dem Song, Paul McCartney höchstpersönlich singen zu hören. Wie im Übrigen auch bei einer kurzen Passage in dem Song „California Jam“ (bei 2:28 Min.), das noch dazu mit dem Schlachtruf der Pilzköpfe „Yeah, Yeah, Yeah“ von ihrem frühen Hit „She Loves You“ endet. Hingegen klingt die Stimme bei dem Stück „Doctor Marvello“ täuschend echt nach John Lennon.
Der Tag, an dem die Erde stillstand
Und die Nummer „Sir Bodsworth Rugglesby III“ scheint McCartneys Zwanzigerjahre-Faible aufzugreifen und klingt wie eine Mischung aus „Honey Pie“ und der skurrilen Ulknummer „You Know My Name Look Up the Number“. Interessanterweise wird der Songtitel auf der Plattenhülle mit Doppel-B, also „... Rubblesby ...“ geschrieben, was als verdeckter Hinweis auf das Beatles-Album „Rubber Soul“ verstanden werden könnte.
Das ist jedoch noch lange nicht alles! „Klaatu“ ist nämlich der Name des außerirdischen Besuchers aus dem frühen Science-Fiction-Film „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ von 1951, der mit seinem Raumschiff und einem gigantischen Roboter auf die Erde kam, um die Menschen vor einem Atomkrieg zu warnen. „3:47 E.S.T.“ stand dabei für die Uhrzeit in der East Standard Time, zu der Klaatu auf der Erde gelandet ist.
Und jetzt wird’s wirklich obskur: Auf dem Frontcover seines 1974er Solo-Albums „Goodnight Vienna“ posiert Beatles-Drummer Ringo Starr als ebendieser Klaatu vor dem Eingang des Raumschiffs nebst Roboter aus dem Film. Und weil's noch nicht reicht, war der Platte ein Aufkleber beigelegt, auf dem der winkende Ringo alias Klaatu abgebildet ist und darüber in großen Lettern „Don't Forget: KLAATU BARADA NIKTO“ geschrieben steht. Abgefahren, oder? Aber es geht noch weiter.
Sind sie's oder sind sie's nicht?
Auf die obligatorische Frage, wann die Beatles wieder zusammen Musik machen würden, antwortete Paul McCartney zu dieser Zeit mit der kryptischen Aussage: „Am Tag, an dem die Erde stillsteht.“ Und nicht zuletzt kann die aufgehende Sonne auf dem Cover des Klaatu-Albums als Fingerzeig auf „Here Comes the Sun“ gesehen werden, der der allerletzte Song war, den die Beatles als Band gemeinsam aufgenommen haben. Wollte „Klaatu“ also daran anknüpfen?
Die Frage, die sich Smith regelrecht aufdrängte, lautete: Ist es in Anbetracht all dieser Anzeichen also möglich, dass es sich bei dem rätselhaften Album um eine heimliche Wiedervereinigung der größten Popgruppe aller Zeiten handelt? Wenn dem so sei, dann wäre das die Sensation. Smith hielt aber noch drei weitere Szenarien für denkbar. Erstens: dass nur einige Mitglieder der Beatles beteiligt waren. Oder zweitens: die Beatles andere Musiker lediglich unterstützt haben. Oder handelte es sich, drittens, um eine gänzlich unbekannte, aber nichtsdestoweniger hochtalentierte Nachwuchsband? Smith begann zu recherchieren. Die erste Spur führte ihn zu der Plattenfirma Columbia, die das Album vertrieb und die auch die Platten der Beatles in den USA herausgebracht hatte – was er als weiteren Hinweis wertete. Die Leute, die Smith bei Columbia an die Strippe bekam, hielten sich jedoch seltsam bedeckt und verweigerten weitere Auskünfte.
Hype um das Beatles-Gerücht
Letztlich landete Smith mit seinen Recherchen in Kanada bei einem gewissen Frank Davies, der sich als eine Art Ansprechperson von Klaatu ausgab. Aber auch Davies hüllte sich in heimlichtuerisches Schweigen und machte nur ein paar mehr oder weniger bedeutungsvolle Andeutungen. Daraufhin schrieb Smith im Providence Journal einen Artikel, in dem er darüber spekulierte, ob es sich bei Klaatu möglicherweise um die wiedervereinigten Beatles handeln könnte.
Das Beatles-Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Musikwelt. Es entfachte einen wahrhaften Hype um das Klaatu-Album, der dem einstigen Ladenhüter dann doch noch respektable Verkaufszahlen bescherte. Davon ließen sich etwa auch die Carpenters anstecken, die just den brillanten Opener des Klaatu-Albums „Calling Occupants of Interplanetary Craft“ coverten und damit einen internationalen Top-40-Hit landeten.
1977 erschien dann die zweite Klaatu-Scheibe – ebenfalls ohne Namensangaben. Die Musik auf dem Nachfolger fiel ungleich progressiver und orchestraler aus, was dem Beatles-Mythos eher zuwiderzulaufen schien. Aber es waren auch wieder ein paar Songs dabei, die das Herz eines jeden Fans der Fab Four höher schlagen ließen. Insbesondere das Titelstück „Hope“ ist der beste Song, den George Harrison nicht geschrieben hat, und erinnert sehr an sein Meisterwerk „Something“.
Des Rätsels Lösung?
Noch im selben Jahr machte sich der damalige Programmdirektor der Washingtoner Radiostation WWDC daran, bei der U.S. Copyright Office die Urheber der Songs des Klaatu-Albums zu ermitteln. Dwight Douglas fand heraus, dass es sich bei den Songwritern nicht um Mitglieder der Beatles handelte, woraufhin Klaatu mit Täuschungs- und Betrugsvorwürfen überzogen wurden. Es kam sogar zu Boykottaufrufen. In der Folge ging das Interesse an ihrer Musik schlagartig zurück.
In den darauffolgenden Jahren veröffentlichten Klaatu noch drei weitere Alben, die jedoch kein größeres Aufsehen mehr erregten. Erst auf ihrer vierten Scheibe von 1980 lüfteten sie das Geheimnis um ihre Identität und gaben auf dem Albumcover ihre Namen preis. Demnach handelte es sich bei Klaatu um ein kanadisches Trio aus Toronto, bestehend aus den drei Multiinstrumentalisten John Woloschuk, Dee Long und Terry Draper († 2025)..
Spätestens damit war das Rätsel um die geheimnisvolle Band gelöst. Oder vielleicht doch nicht? Ich habe einmal einen englischen Musikproduzenten kennengelernt, der in den Siebzigerjahren in New York gelebt hat und tief in die dortige Musikszene eingetaucht ist. Er behauptete, aus verlässlicher Quelle erfahren zu haben, dass zumindest John Lennon beim ersten Klaatu-Album seine Finger im Spiel gehabt hätte …
P.S.: Hätte es damals jedoch schon YouTube gegeben, wäre man bei der Recherche früher oder später über Klaatus Auftritt im kanadischen Fernsehen aus dem Jahr 1974 mit dem Song „California Jam“ gestolpert.
P.P.S.: Aber eine Frage bleibt dennoch: Wie konnte eine völlig unbekannte Band von Amateuren eine derart aufwändige und hochprofessionelle Produktion stemmen, wie man sie nur von Top-Musikern und Top-Produzenten kennt?
Beitragsbild: The cover art can be obtained from Daffodil Records (Canada) Capitol Records., Fair use, via Wikimedia Commons

Wie definiert man Amateur und Profi? Daran, ob jemand sein Handwerk versteht oder daran, ob jemand für seinen Job bezahlt wird? Professionell Musik machen kann man auch ohne Plattenvertrag. Oder mit einem Plattenvertrag, bei dem die Band entweder vom Produzenten über den Leisten gezogen wird, die Band alles selbst vorfinanziert und dann nur an den Tantiemen verdient oder mal auch alles komplett vom Plattenlabel von vorn bis hinten reingeschoben bekommt. Letzteres klappt ja meist nur, wenn die Band bereits einen Namen hat. Hat sie den nicht, läuft es meistens genau andersherum. Vorfinanziert wird kaum und wenn doch, dann quatscht das Plattenlabel bei weniger bis unbekannten Acts am laufenden Meter rein. Was Metallica dann ja auch dazu gebracht hat, ihre erste Scheibe „Kill ‚em all„ zu nennen, denn gemeint waren damit die Plattenlabels, die Metallica im Vorfeld andauernd in ihre Musik unqualifiziert reinquatschten und damit fast einen der größten Meilensteine der Metalmusik verhindert hätten. Die besten Produzenten sind die, die die Fähigkeiten ihrer Acts erkennen und sie dann “machen„ lassen, anstatt sie wieder nur zu einem weiteren Act des im Trend liegenden Mainstreams umformen zu wollen, nur um die schnelle Mark zu machen. Bei Musikalität geht es nicht um Bekanntheit, sondern um die Qualität des Werkes als solches. Erst beim Verkauf wird der Name relevant. Ist er nicht bekannt, muss man ihn bekannt machen. Und da gilt: Wenn man einen echten Diamanten in Händen hält und ihn wie einen synthetischen Swarovski billig verscherbelt, hat man seinen Job verfehlt. Manchmal arbeiten Künstler genau aus dem Grund gerne unter anderem Namen, damit einzig ihre Musik und nicht ihr Name Einzug in die Bewertung durch den Musikkenner findet. Und manchmal vielleicht auch, um die musikalische Kompetenz der Produzenten und Labels zu testen. ;-) P.S.: Was Klaatu betrifft: Den Spruch gibt es in zwei filmhistorisch interessanten Varianten. Beide sind hochaktuell. “Hust„…
Sehr feine, damals visionäre Musik, enthält auch einige Beatles-Zitate („California-Jam“ klingt aber mehr nach Beach Boys, wo dann hier und da die Fab Four grob hineinplatzen), aber selbstverständlich war die Geheimnistuerei und die Beatles-Spekulation nichts weiter als ein Verkaufstrick. Ob der gute Steve Smith Teil der Kampagne war oder einfach unwissenderweise eingespannt wurde, spielt keine Rolle. Der Lead-Sänger klingt aber ganz und gar nicht nach Lennon oder McCartney, auch wenn er diese hier und da imitiert, und das hat auch damals jeder Musiker sofort gehört. Man kann dieses Album auch heute noch ohne zu Skippen mit Genuß durchhören.
Ich vermute mal, dass das Studio ein paar Tontechniker beauftragt hatte eine Beatles-Resteverwertung zu machen, ohne den üblichen ‚Elvis-Imitator-Schmonzes’. Eine heimliche Reunion-Story bot sich da natürlich an. Ich finde die Songs ganz nett gemacht, aber Harrisons Gitarre fehlt völlig. War wohl damals nicht machbar. Vielleicht schafft es ja die heutige KI.
Es gibt hunderttausende gute Musiker, die keine Sau kennt. The Band Geeks zB können jeden Beatle-Song besser als die Beatles spielen. Suchen Sie in Ihrer Maschine nach dem Queensrÿche-Schlager „Jet City Woman“ interpretiert durch The Band Geeks & (Dr.) Kristin Starkey. Wenn es Ihnen gefällt, könnten Sie ja mal ein Portrait von Kristin Starkey erschaffen. Die singt als studierter Kontra-Alt unglaublich geil & hätte mal etwas mediale Aufmerksamkeit verdient.
Funkioniert ähnlich wie das Lincoln-Kennedy-Mysterium.