Alan Posener (Gastautor) / 09.05.2009 / 14:18 / 0 / Seite ausdrucken

Kirche und Moschee in Nazareth

Aus aktuellem Anlass, da Papst Benedikt die Verkündigungsbasilika in Nazareth besuchen wird, drucke ich hier ungekürzt einen Artikel ab, den ich am 18. Dezember 1999 in der “Welt” veröffentlichte. Ich glaube nicht, dass ich auch nur ein Wort zurückzunehmen hätte, was mich selber wundert.

Nazareth ist die Stadt Marias. Hier in den Hügeln Galiläas geschah vor 2000 Jahren etwas zugleich Alltägliches und Wunderbares: “Mit der Geburt Jesu Christi war es so”, schreibt Matthäus: “Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete . . .”. Das Mädchen Mirjam war damals zwölf bis 14 Jahre alt. Nach mosaischem Recht hätte Josef seine Braut der Schande und der Steinigung überantworten können, doch der fromme und gerechte Jude nahm sie zu sich und zog ihren erstgeborenen Sohn als seinen eigenen auf.

Wie das Kind empfangen wurde, blieb Marias Geheimnis, die viel in ihrem Herzen bewahrte. Lukas erzählt, dass ein Engel der Jungfrau die wunderbare Empfängnis eines Sohns verkündete, dem der Thron Davids auf ewig gehören sollte: “Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir . . .”. Mit Marias Einverständnis - “Mir geschehe, wie du es gesagt hast” - beginnt die Heilsgeschichte, die Rekapitulation des Sündenfalls. Die Verkündigungsbasilika in Nazareth ist darum neben der Geburtskirche in Bethlehem und der Grabeskirche in Jerusalem die heiligste Stätte der Christenheit.

Das gilt es zu bedenken, wenn man über den Konflikt urteilen will, der wegen des geplanten Baus einer Moschee unmittelbar neben der Basilika entstanden ist. Unmissverständlich haben die Patriarchen der armenischen, griechisch-orthodoxen und katholischen Gemeinden im Heiligen Land erklärt, dass sie diesen Bau als Provokation empfinden und ablehnen. Aus Protest ließen sie die Kirchen und heiligen Stätten zwei Tage lang schließen. Sind das störrische Dogmatiker, über die der aufgeklärte Liberale nur weise das agnostische Haupt schütteln kann? Fragen wir anders: Warum sollte neben der Verkündigungskirche eine Moschee entstehen?

Gewiss, Nazareths muslimische Bevölkerung ist in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen. In der ehedem mehrheitlich christlichen Stadt bilden die 42 000 Muslimen gegenüber 18 000 Christen eindeutig die Mehrheit. Doch niemand behauptet, es gäbe in der Stadt zu wenig Moscheen; und am Touristen- und Wallfahrerstrom haben auch muslimische Geschäftsinhaber gut verdient. Auf dem Markt von Nazareth wie in der Jerusalemer Altstadt verkaufen sie dem Fremden Madonnenstatuen, Davidsterne und Palästinensertücher. Pecunia non olet - Geld ist multikulturell. Nicht zuletzt im Interesse der Wirtschaft hat der christliche Bürgermeister ein Programm zur Modernisierung und Verschönerung der Stadt in die Wege geleitet. Dazu gehörte eine neue Kanalisation für den Markt; dazu gehört auch der Abriss eines alten Schulgebäudes neben der Verkündigungskirche, um eine “Piazza” mit Cafés zu schaffen, wo sich Besuchergruppen versammeln und entspannen können.

Kaum war die Schule abgerissen, wurde der Platz - im Dezember 1997 - von radikalen Islamisten besetzt, die den Bau einer großen Moschee forderten. Als Vorwand dient ihnen die Tatsache, dass die sterblichen Überreste des Scheichs Schihab al-Din in unmittelbarer Nähe begraben sind. Der Scheich wird als Onkel des großen Saladin verehrt, der im 12. Jahrhundert die Kreuzfahrer aus dem Land trieb. Die Symbolik ist deutlich genug.

Hinter vorgehaltener Hand erzählen Bewohner Nazareths, sowohl Christen als auch Muslime, dass die Aktivisten größtenteils von außerhalb kommen. Mit Terror und Einschüchterung haben sie bereits zu Ostern einen “Streik” der Ladenbesitzer - viele von ihnen Christen - für den Bau der Moschee erzwungen.

Das Verhalten der israelischen Regierung, damals unter Netanjahu, kann man wohlwollend als kurzsichtig, sonst nur als schlitzohrig bezeichnen. Nachdem sie zunächst die Modernisierungspläne “Nazareth 2000” gutgeheißen hatte, nahm sie nach der Platzbesetzung mit den Islamisten Gespräche auf und billigte schließlich den Bau der Moschee, wenn auch in einer kleineren Version.

Divide et impera: Seit langem befürchtet Israel Autonomieforderungen der Araber in Galiläa. Wenn sich christliche und muslimische Araber in die Haare geraten, wird die israelische Ordnungsmacht unentbehrlich. Kein Wunder, dass sich auch Arafat gegen die Moschee ausgesprochen hat. Die Rechnung der Regierung scheint auch nicht aufzugehen. “Befreien wir als Nächstes die AI-Aksa-Moschee!”, rief Ahmed Abu Nawaf, Chef der islamischen Stiftung in Nazareth, bei der Grundsteinlegung für die neue Moschee am 23. November.

Christen und Muslime sind ja nicht natürliche Gegner, schon gar nicht in der Stadt Marias. Unter der Herrschaft der Osmanen lebten sie hier über 500 Jahre lang harmonisch miteinander. Und das hat seinen tieferen Grund. Das jüdische Mädchen Mirjam wird als “Maryam” auch im Islam als jungfräuliche Mutter des Propheten Isa (Jesus) verehrt. Ihr ist - als einziger Frau überhaupt - im Koran eine ganze Sure gewidmet. Das Vorgehen der Radikalen in Nazareth hat mit dem Geist der Toleranz nichts zu tun, der diese Stadt geprägt hat. Er hat schon gar nichts mit der Demut und der Gottergebenheit zu tun, die aus den Worten Marias in der Bibel und Maryams im Koran spricht.

Der Liberalismus aber verrät sich selbst, wenn er die Gefahr verkennt, die von solchem Fanatismus ausgeht.

 

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