„Kinderfrei statt kinderlos“ – ein misanthropisches Manifest

Die Gymnasiallehrerin Verena Brunschweiger hat soeben ihr Buch „Kinderfrei statt kinderlos“ veröffentlicht. Die 38-jährige promovierte Mediävistin beklagt sich in ihrem Manifest über die Diskriminierung kinderloser Frauen. Dieser sei sie selbst ausgesetzt, da sie beschlossen habe, auf Nachwuchs zu verzichten. Aus diesem Grund solle zunächst einmal das Wort „kinderfrei“ als passendere Bezeichnung für das doch zu stark an „arbeitslos“ erinnernde (und dadurch Mangel suggerierende) Wort „kinderlos“ etabliert werden.

Vor allem wünscht sich die Autorin mehr bekennende „kinderfreie“ Frauen, da schließlich dieser Lebensstil der feministischste von allen sei. Stattdessen beobachte sie, dass sich Frauen aus unerklärlichen Gründen nach wie vor genötigt fühlen (und sie müssen sich vom Patriarchat gezwungen fühlen, Freiwilligkeit schließt sich hier von selber aus), die Welt mit Kindern zu fluten. Die Vorteile, auf die man sich freuen kann, wenn man auf Kinder verzichtet, hat Verena Brunschweiger wohl Bridget Jones und Sex and the City entnommen.

Man kann sich auf lustigen Partys tummeln und unbehelligt seine Freundschaften pflegen. Die Beziehung zum Partner wird nicht durch kleine Quälgeister beeinträchtigt – vor allem bekommt man keinen Hängebusen und nicht so schnell Falten. Die Karriere läuft natürlich auch ohne Nachwuchs viel besser, weil man nicht von dusseligem Kinderkram abgelenkt wird, sondern sich wirklich weltbewegenden Dingen widmen kann. Nicht zuletzt tue man schließlich noch der Umwelt einen Gefallen, wenn man auf Nachkommen verzichtet. Denn – halten Sie sich fest – mit jedem eingesparten Kind erspart man dem Planeten ganze 9.441 Tonnen CO2. Na, wenn das alles nicht zum Entsagen einlädt!

Das Vorteilhafte an dem schmalen Büchlein ist, dass es locker geschrieben und durchaus unterhaltsam ist, wenn man die Autorin nicht zu ernst nimmt. Und damit sind wir schon beim Problematischen angelangt: Wenn sie ihre Thesen so meint, wie sie es schreibt, was ich befürchte, dann ist ihr Manifest das vor Negativität strotzendste Buch, das ich seit langem gelesen habe. Es ist keine ermutigende Anleitung, um Frauen darin zu bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen, ob sie nun Mutter werden wollen oder nicht. Es ist eine herzlose Abrechnung mit dem Kinderkriegen, einem der natürlichsten Vorgänge des Lebens. Und absolut keine Hilfe für irgendeine Verständigung zwischen verschiedenen Lebensentwürfen. Stattdessen kreiert Brunschweiger neue Feindbilder und spielt die Kinderlosen gegen die Menschen mit Kindern aus. 

Zunächst einmal kann ich die pauschale Diskriminierung Kinderloser, die die Autorin konstatiert, beim besten Willen nirgends in unserer Gesellschaft feststellen. Gott sei Dank ist unsere Gemeinschaft mittlerweile so offen, dass verschiedene, auch bis vor Kurzem als unorthodox geltende Lebensstile möglich sind. Wer wird denn hier noch gezwungen, Kinder in die Welt zu setzen? Brunschweiger möchte in Gestalt neugieriger Nachfragen sozialen Druck auf Kinderlose erkennen. Dabei ist dies doch etwas, das jeder entwickelte Mensch aushalten können sollte, oder? Auch wenn man einen ungewöhnlichen Job, einen schrillen Kleidungsstil oder exzentrischen Partner hat, bekommt man mitunter von seiner Umwelt suggeriert, ungewöhnlich zu sein. Was ist aber daran tragisch? Erstens ist das Erstaunen seitens des Gesprächspartners nicht automatisch negativer Natur. Und zweitens sollte man als erwachsener Mensch doch zu seinen Entscheidungen stehen und diese auch bei Gegenwind verteidigen können, ohne gleich einen Nervenzusammenbruch zu erleiden.  

Der „feministische Akt“, keine Kinder zu bekommen

Auch geht meines Erachtens der Fokus der Autorin vollkommen an den tatsächlichen Gegebenheiten vorbei. Es ist eben nicht das Hauptproblem, dass Menschen ihrer oder meiner Generation zu Kindern gezwungen werden. Das Hauptproblem ist, dass Kinder immer weniger zum Lebensstil passen und daher viele junge Menschen zweimal überlegen, ob sie in prekären Arbeits- und Wohnsituationen (Stichwort „niedrige Löhne“ und „hohe Mieten“) wirklich Kinder in die Welt setzen wollen. Und trotzdem kenne ich nur eine einzige gleichaltrige Frau, von der ich weiß, dass sie definitiv niemals Kinder haben will.

Dafür habe ich während meines geisteswissenschaftlichen Studiums des Öfteren beobachten können, wie einige, nicht selten feministisch eingestellte Kommilitoninnen kurzerhand Kinder bekamen. Das zeigt doch eher, dass auch fortschrittliche junge Frauen einen Kinderwunsch haben und selbst in eher unbequemen Situationen – etwa kurz vor der Masterarbeit – sich mitunter für Kinder entscheiden. Brunschweiger negiert all dies und spricht von gesellschaftlichen Zwängen, die Frauen dies einflüsterten. Damit bedient sie einmal mehr das Klischee der willensschwachen manipulierbaren Frau, die nicht in der Lage sei, eigene Entscheidungen zu treffen. 

Damit wären wir – zum Dritten – bei ihrer Einstellung zum Feminismus. Brunschweiger nennt es einen „feministischen Akt“, keine Kinder zu bekommen und behauptet allen Ernstes, dass „etliche Kinderfreie dem Feminismus den Rücken gekehrt“ hätten, weil es dort heutzutage nur um die Vereinbarkeit von Kind und Beruf ginge. Wie langweilig, scheint sie am liebsten noch hinzufügen zu wollen. „Diese echt feministischen Frauen müssen wieder ins Boot geholt werden, wenn der Feminismus nicht belächelt werden und zu einem reinen Mütter-Refugium verkommen will.“ (Seite 32-33). Das ist schon eine extreme und zudem verräterische Rhetorik, die der Autorin kein gutes Toleranz-Zeugnis ausstellt. Vor allem frage ich mich, wo sie ihre Ansicht hernimmt. Zahlreiche tonangebende Feministinnen – von Simone de Beauvoir über Alice Schwarzer bis hin zu Judith Butler – waren und sind kinderlos und nicht selten lesbisch. Dies gilt übrigens auch für Professorinnen und Dozentinnen, die im Genderbereich forschen und publizieren.

Und das ist dann wiederum der Grund, warum heterosexuelle Beziehungen und Mutterschaft im feministischen Uni-Diskurs – so wie zumindest ich ihn erlebt habe – eine untergeordnete Rolle spielen. Werden mal realpolitische Punkte wie die Balance zwischen Familie und Beruf angesprochen, dann mit größtmöglichem Vorbehalt gegenüber Kind und Kegel. Daraus folgt wiederum, dass viele Frauen sich vom akademischen Feminismus abwenden, weil er ihrem Lebensentwurf nicht gerecht wird und ihnen daher fremd bleibt. Ganz zu schweigen von der kapriziösen Weltflucht in überspannte Theorien, die den heutigen Feminismus (auch in Gestalt Verena Brunschweigers) leider oft ausmacht. Es passiert also genau das Umgekehrte von dem, was die Autorin behauptet. 

Schlussendlich – und das ist der haarsträubendste Punkt des Manifests – ist Brunschweiger überzeugt, dass aufgrund des Klimawandels auf Kinder verzichtet werden sollte, um den CO2-Ausstoß und unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern. Denn jeder Mensch ist ein wandelnder Klimakiller. Sie befindet sich damit in einer langen misanthropischen Tradition, die bis zu Thomas Malthus zurückreicht. Obendrein rät sie, die exorbitanten Geburtenraten afrikanischer Länder zu vernachlässigen und lieber die Population westlicher Länder noch weiter zu senken, da diese für den hohen CO2-Ausstoß hauptverantwortlich seien. Abgesehen davon, dass dies einer Aufforderung zu unserem kollektiven Verschwinden von diesem Planeten gleichkommt, drängt sich die Frage auf: Möchte die Autorin, dass nur noch Kinder in bitterer Armut geboren und groß gezogen werden?

Verena Brunschweiger: „Kinderfrei statt kinderlos“, 150 Seiten, 12,5 x 19,3 cm, Klappenbroschur, 150 Seiten, ISBN 978-3-96317-148-2 (Print), 16,00 € (Print), ISBN 978-3-96317-663-0 (ePDF), 13,00 € (ePDF), erschienen am 6. März 2019. Hier bestellbar.

Foto: Achgut.com

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Sabine Reyer / 12.03.2019

Die Autorin erwähnt, dass viele der “Gender”-Wissenschaftlerinnen homosexuell bzw. lesbisch sind. Auch mir ist das aufgefallen. Darf und wird darüber eigentlich öffentlich diskutiert oder ist eine Diskussion zu diesem Thema nicht erwünscht? Gibt es eventuell wissenschaftliche Untersuchungen dazu?

Benno Römer / 12.03.2019

Heutzutage ist eine solide Alterspyramide zur Finanzierung der Rente nicht mehr erforderlich. Das kann man bequem an China sehen. Dort geht man/frau im Schnitt mit 55 Jahren in Rente, obwohl die Alterspyramide derjenigen von Deutschland verblüffend ähnlich ist. Siehe Internet. Dazu trägt bei, dass dort die Unternehmen den vollen Rentenbeitrag zahlen. Es gibt keine paritätische Finanzierung. Trotzdem boomt China und ist das Traumziel europäischer Investitionen. Seit beginn der Industrialisierung haben wir jährliche Produktivitätszuwächse. In Fabrikhallen stehen meist Roboter. Ein Landwirt ernährt heutzutage hunderte oder tausende. Wir benötigen keine Alterspyramide die wie eine tatsächliche Pyramide aussieht. Wir benötigen kein Umlageverfahren zur Finanzierung der Rente.

alma Ruth / 12.03.2019

Ich werde es nie verstehen, wie ein Mensch (klar auch Tiere), ein Lebewesen nicht den Wunsch hat Leben weiterzugeben. Daß das nicht immer möglich ist, aus den verschiedensten Gründen, ist klar. Mir ist es leider nicht gelungen Mutter zu werden. In meiner jungen Jahren war die Medizin noch nicht so weit, daß man mir hätte helfen können. Ich hatte trotzdem ein erfülltes Leben und doch spürte ich immer - im Hintergrund - ein nagendes Mangelgefühl. Zum Glück hatte / habe ich Nichten & Neffen, Großnichten & Großneffen, die ich heiß liebe (sie mich zu meinem Glück nicht weniger) und diese Tatsache hat mein Leben ungemein bereichert.  Dafür bin ich auch sehr dankbar.  Für mich ist es leider viel zu spät, doch bedaure ich einen jeden, der den Kinderwunsch nicht einmal in sich spürt. Die Möglichkeit, Leben weiterzugeben - egal ob Frau oder Mann, egal ob es sich verwirklichen läßt oder nicht. Aus “feministischen” oder anderen ideologischen Gründen aufs Muttersein, Vatersein zu verzichten… ist für mich krank. Tut mir leid, aber so empfinde ich es. lg alma Ruth

Jochen Winter / 12.03.2019

Das Phänomen ist nicht neu. Menschen hassen sich sich selber. In einigen Leserbriefen in Zeitungen ist dieses Phänomen schon zu beobachten gewesen. Da sprachen sich Leser dafür aus, den Rettungswagen abzuschaffen und sagten, dass Geburten nicht klimaneutral seien. Der nächste Schritt wird sein, dass man den Selbstmord verherrlicht. Denn jeder Selbstmord erspart der Welt Co2! Der letzte Schritt wird sein, dass man den Mord aus Klimaschutzgründen frei gibt. Die Jusos wollten ja auch schon bis zum 9 Monat abtreiben. Gegen das, was da auf uns zurollt ist “NO Future” eine Kindergartenveranstaltung gewesen.

Marianne Sommer / 12.03.2019

Meine Tochter ist nun 23. Sie möchte auch keine Kinder haben (was ich sehr bedauere, aber was ich leider auch nicht ändern kann). Nur hat sie einen ganz anderen Grund. Ich versuche das mal in etwa wortwörtlich wiederzugeben ohne Gewähr auf Vollständigkeit, Zitat:“ Ich bin ja selbst froh, in diesem Drecksstaat zu überleben wo jeder Hassan und Yussuf mittlerweile besser versorgt wird als die einheimische , arbeitende Bevölkerung. Das tue ich keinem Kind an .... was soll daraus werden? Ein Arbeitsopfer für Kamelreiter auf Hartz4?“ Zitat Ende

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