„Kinder an die Macht!“, jubelte Herbert Grönemeyer einst. „Gebt den Kinder das Kommando, sie berechnen nicht, was sie tun!“ Ist erledigt. Kindermund tut Wahrheit kund, sie sind die neuen Propheten, vor ihrem „I want you to panic“ erzittern die Mächtigen der Welt. Und sie berechnen in der Tat nicht, sie können ja gar nicht rechnen, Zahlen sind kalt und unmenschlich, das weiß schließlich jedes Kind.
Ist das lustig? Nein. Ja. Aber nur für Erwachsene, die längst schon das Wahlalter nicht herunter-, sondern heraufsetzen würden. Und zwar gehörig.
Es ist verblüffend, wie sehr die Infantilen heute das Bild beherrschen. Das betrifft nicht mehr nur den Habitus – Mutti trägt die gleichen kunstvoll zerlöcherten Jeans wie die Tochter, im Fitnessstudio und in der Kneipe wird geduzt, auch wenn der Altersunterschied zwischen Personal und Kunde mehr als vierzig Jahre beträgt. Es reicht bis in die Politik, wo Gesetze dem Bürger schelmisch als „Gute-Kita-Gesetz“ oder „Starke-Familien-Gesetz“ nahegebracht werden.
„Ministerien duzen die Bürger, Bildungszentralen erklären die Demokratie mit Piktogrammen, Medien machen aus Nachrichten lustige Clips, Laute und Bilder ersetzen Begriffe wie in Vor- und Grundschule. Kommunikation wird zum niedrigschwelligen Angebot für alle Schichten, alle Generationen.“ Ja, das verbindet! Verkindern statt spalten! Schon deshalb sieht man in den Städten des Landes allenthalben Menschen auf putzigen Rollern durch die Stadt sausen.
Ein loser Bund der Rücksichtslosen
Alexander Kisslers neues Buch ist ein Panoptikum des aktuellen Irrsinns. Doch halt: So neu ist das Phänomen gar nicht, die Kindsvergottung setzt nicht erst ein, seit Kinder ein seltenes und um so kostbareres Gut geworden sind. Schon bei Dickens findet sich jener „morbide Kult des Infantilen“, den Aldous Huxley beklagt. Und was ist mit Peter Pan, erfunden um die Wende zum 20. Jahrhundert, das Vorbild für alle Menschen, die nicht erwachsen werden wollen? Morbide vielleicht, mörderisch auf jeden Fall: ein niedlicher Killer und Ausbeuter. Eine Gesellschaft der Peter Pans wäre asozial, ein loser Bund der Rücksichtslosen.
Der ewig Kind bleibende Peter hat weder Moral noch Gedächtnis und schon gar kein Gespür für die Folgen seines Tuns. „Der kindische Mensch wird schnell zum manipulierten Bürger – oder zum skrupellosen Machthaber.“ Wer sich noch an den eigenen unerbittlichen Willen zur Weltverbesserung dank allumfassender Gerechtigkeit erinnert, die idealistische Jugendliche schon immer gerne pflegten, den dürfte das Sendungsbewusstsein einer Greta Thunberg und das herrische Gebaren der Klimaretter von Fridays for Future eher an Maos Junge Garde gemahnen denn an niedliche kleine Gummibärenwerfer.
Doch Kinder und Jugendliche dürfen das, was erwachsene Menschen sich verbieten sollten. „Von den Kindern solle man lernen, tönt es aus Politikermund. Auf die Kinder möge man hören, fordern Künstler und Wissenschaftler. Das eben ist dann doch eine kindische Zumutung zu strategischen Zwecken. Nicht Kindern ist vorzuwerfen, dass sie wie Kinder reden. Aber Erwachsenen ist vorzuwerfen, wenn sie Aussagen von Kindern nutzen, um ihre eigene erwachsene Agenda gegen Kritik zu immunisieren. (…) Sie schaffen sich durch Kinder auf dem Podest eine Tabuzone, in der die Positionen des Podestebauers nicht kritisiert werden sollen.“ Das ist die Macht hinter der Infantilisierung.
Das Kindische schlägt die göttlichsten Kapriolen. Man kann Alexander Kisslers Buch mit seinen unzähligen Beispielen lesen, um sich zu gruseln – oder aber, um sich, auch dank seiner spitzen Anmerkungen, zu amüsieren. Etwa über Berti, den lustigen kleinen Kerl, von Beruf Borkenkäfer, seine Aufgabe: den Fichtenwald zu zerlegen, was Waldbesitzer nicht erbaut. Im Harz aber freut man sich auf ihn und hat ihn neben Lena Luchs und Wolle Wolf als Helden einer Aufklärungskampagne erkoren. Natur ist gut, egal, in welcher Form sie auftritt.
Projektionsfläche erwachsener Sehnsüchte
Überhaupt, der Wolf: Der ist vor allem lieb. Auch das Ehepaar Habeck hat ihm schon mehr als ein literarisches Denkmal gesetzt. Der Wolf muss gerettet werden, koste es, was es wolle – Hühner, Kinder, Lämmer. Nun mag man zur „Rückkehr des Wolfes“ stehen, wie man will. Doch was hinter der Wolfsbegeisterung steckt, ist meist eine Vorstellung von Natur, die nicht nur hoffnungslos verkitscht ist, sondern auch gefährlich naiv. Die Natur ist immer gut? Achwas. Die Menschheit hat nur deshalb überlebt, weil sie gehörig Respekt vor ihrer natürlichen Umgebung hatte.
Kisslers Analyse der Verherrlichung von Greta Thunberg ist erhellend. Ein ihrer Selbstanalyse zufolge autistischer junger Mensch wird zur Projektionsfläche erwachsener Sehnsüchte. Geradezu rauschhaft wird ihr applaudiert, wenn sie sich in ihre Wut hineinsteigert – panisch sollen sie werden, die Erwachsenen, man wird ihnen nicht verzeihen, wird es ihnen nicht durchgehen lassen, die herbeifantasierte Weltzerstörung. Man wird ihnen gehörig was hinten drauf geben!
Vor soviel Moralfuror kapituliert offenbar der Verstand vieler ihrer Anhänger – ein Reporter ließ sich zu der Frage hinreißen: „Wie kann der Wandel zu einer CO2-freien Welt gelingen?“ Auf die gleiche Weise, wie man eine genfreie Welt erzeugt – durch sofortiges Indieluftsprengen derselben.
Es sind, darauf weist Kissler immer wieder hin, nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen, die heute das denunzieren, was das Erwachsensein ausmacht: Vernunft. Rationalität. Und bei allem, was man tut, an die Folgen denken.
Nicht jeder Zorn ist heilig, fürwahr. Doch das Kindischsein frisst sich durch alle Bereiche. Ausgerechnet an den Universitäten herrschen die „Schneeflocken“, die „Safe spaces“ und Trigger-Warnungen brauchen, damit sie nichts und niemand erschreckt. Lernen war gestern, Wissen ist doof. Leben unter der Kuscheldecke.
Exemplifiziert am Duktus der Frau Kanzler
Die Politik assistiert mit „leichter Sprache“, die jeder, aber auch jeder verstehen soll. Kissler exemplifiziert das am Duktus der Frau Kanzler, die sich gern in den Grenzbereichen der Leichten Sprache tummelt, mit „haben“ und „sein“ und „Dingen“ und „Maßnahmen“. Das muss man gelesen haben: „Im Ist-Glanz leuchten Plattitüden. Die Erde ist ein Planet, die Sinne ein Stern, die Bundesrepublik ein Staat. Dies ist ein Buch. Sie sind die Leserin.“ Das ist Tyrannei im Namen der Toleranz. Betreutes Denken für Menschen, denen man keine eigenen Gedanken zutraut.
Das Feuchtbiotop für die Verkindlichung der Welt ist Berlin – „die Stadt gewordene Kinderüberraschung“, wo nichts funktioniert, aber alles so schön bunt ist. Nicht zu übertreffen? Doch! Von den christlichen Kirchen. Dort beherrscht man die Sprache der Bibel längst nicht mehr, man spricht das Pidgin der Sozialarbeiter und Werbetreibenden. Man hänge eine Schaukel in die Kirchenkuppel, und schon hat man „eine spannende Intervention, die befreiende und seligmachende Erfahrungen und Begegnungen (…) ermöglicht“. Die Losung: „Selig schaukeln, glauben, hoffen und lieben auf eigene Gefahr!“
Gefahr ist das Wort der Stunde, Mut muss man haben, Glauben „wagen“, „schauen wagen“ und, ja, „getragen wagen“, wenn im Kirchenschiff Klettergerüste aufgebaut werden. Zur Belohnung gibt es „Kirchenkuscheln im Adventsstress“ oder, in Thüringen, „Gottesdienst zum Kloßsonntag“. Fürchtet euch nicht, ihr Kinder, alles ist im warmen Kloß. Kuscheln wagen.
Wie verzweifelt muss man in unseren Kirchen sein, dass sie nicht mehr mit ihrer ureigenen Botschaft für sich werben können? Allem wohl, keinem weh – EKD. Wer sein Produkt auf diese schäbige Weise meint verkaufen zu müssen, glaubt nicht mehr daran.
Und dann kam auch noch Corona – und „keineswegs nur in Deutschland wuchs der Verdacht, die Regierenden nutzten die krisenhafte Situation, um ihre Wähler geistig endgültig in die Kita zu schicken“. Selbst das Händewaschen glaubte man – „Freude, schöner Götterfunken!“ – dem kindischen Bürger beibringen zu müssen. Und da er sich ja nicht selbst schützen könne, fuhr die Regierung vorausschauend das öffentliche Leben und die Wirtschaft an die Wand, als eine Art Lockdownkuscheln. Das ist so kindisch, wie es so gar nicht lustig ist.
Und was ist die Moral von der Geschichte? Erwachsensein wagen. Denn „der erwachsene Mensch vergisst nicht, dass er Kind war, aber er weiß, dass er es gewesen ist. Er kennt seine Gefühle gut genug, um sie nicht allen Menschen zumuten zu müssen. Er ist souverän genug, zu sich selbst auf Abstand zu gehen, und erträgt darum Distanz zu Anderen. Er weiß um die Unendlichkeit der Gefühle und die Endlichkeit des Lebens und sieht deshalb nicht in jeder Grenze eine Kränkung.“
Kisslers neuestes Werk ist ein Buch für alle, die sich manchmal fragen, ob sie die Irren sind oder vielleicht doch die Anderen. Nach der Lektüre fühlt sich der Zweifelnde nicht mehr ganz so einsam. Und es ist ein perfektes Geschenk für jene, die man noch unter der Kuscheldecke hervorlocken könnte. Ganz klar: ein Buch, das Leben retten kann.
Alexander Kissler, Die infantile Gesellschaft. Wege aus der selbstverschuldeten Unreife, HarperCollins, Hamburg 2020
Beitragsbild: European Parliament from EU - Flickr CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

Habeck: Kinderbuchautor; Özdemir: gelernter Kindergärtner; Göring-Eckardt: einige Semester evang. Theologie usw., usw. - und jede Menge Sozialpädagogen und sonstige -ogen. Nicht nur bei den Grünen. Und bei den Ö.R.? Dito. Dagegen kommen die Kisslers nicht mehr an. Das Spiel ist gespielt, die Messe gelesen, der Drops gelutscht.
@Manfred Knake. Diese infantile Angst (Rotkäppchen Phänomen) vor dem normalerweise sehr scheuen Wolf verstehe ich auch nicht. Ein herrenloser Schäferhund würde mir im Wald deutlich mehr Kopfzerbrechen bereiten als ein Wolf.
Antidemokratisch aufgezäumte Kuschel-Lemminge, wo man hinsieht. "Frau Kanzler" - herrlich! Man sollte wahlweise auch "Tante Kanzler" oder "Mutti" gelten lassen - tut so, als kämen die von globalistischen Institutionen gesandten Protestkinder überraschend und gäben ihr, der DEM DEUTSCHEN VOLKE durch Amtseid Verpflichteten, zu denken. Ein konsequentes Abtreibungsland huldigt denen, die dem Todes-Mixer noch einmal glücklich entkommen sind! Wunderbar, dass ein satirischer Blick auf die Schmierenkomödien aus dem Bundeskanzleramt und der EKD noch zu einem galligen Lachen verhelfen kann. Aber im Grunde genommen ist dieser Trend zum strategischen Affentheater zum Verzweifeln traurig, weil wir durch Infantilisierung konsensverblödet und wehrlos gemacht werden.
Wie es um das geistige Niveau in D bestellt ist zeigt sich täglich auf den Internetseiten der Behörden und Verwaltungen dieses unseres Landes mit der "einfachen Sprache"!! Nicht zu topen sind aber mal wieder unsere Grünen. Nur mal Claudia Roth nach Dummheit kennt keine Grenzen oder nach Jan, Ska & Terry berichten von der Plenarwoche Juli 2014 suchen! Wenn also schon die sogenannte oder sich dafür haltende "Elite dieses Landes" auf solch Geistigem Blindflug unterwegs ist, der kann sich ernsthaft nicht wundern. D schafft sich ab.
High @ Dr. Mephisto von Rehmstack, (klasse Leserbrief) wenn diese "Aktivistin" irgendetwas mit dem Zigaretten Hersteller Reemtsma zu tun haben sollte, so als Enkelkind oder andere Blutsverwandte, sollte sie diesen "Stoff (Zigarette)" nicht mehr rauchen. Bei mir war es in den 60/70ger Jahren (letztes Jahrhundert) immer "Ernte 23" von Reemtsma als Zigarette bei der es mir regelmäßig schlecht wurde. Ich war danach auch so "`drauf" wie Clara R. Erst als ich dieTabakgrundlage (Ernte 23) mit Canabis vermischt hatte, war Ernte 23 doch erheblich erträglicher!.......kleiner Scherz am Rande
Danke für diesen Artikel und das mit dem Recht des "Du" über das der Anredende und nicht mehr der Angeredete entscheidet. Die Respektlosigkeit mit dem "Du" erinnert mich an meine Erfahrungen mit einer Self-defence Einrichtung die landauf landab Filialen hat. Auch hier wurde ich mit umgehenden "Du" in die "nette" Familie aufgenommen . Lt. Vertrag war Barzahlung oder Einzugsermächtigung möglich, Ich bilde mir ein, noch im ersten Jahr nach Erfahrungen die mich an das erinnerten was ich über Scientology las, korrekt gekündigt zu haben wie folgt: Kündigungschreiben per Einschreiben Rückschein an Trainingszentrum , wie au übergeordneter Verein Fax gleichfalls mit Kündigungswunsch und Hinweis auf Einschreiben , plus e mails. Nach Kündigung wurde dennoch wiederholt in unregelmäßigen Abständen trotz Widerspruch weiter versucht abzubuchen. Ich sah mich am Ende gezwungen das Konto zu schließen. 6 Jahre nach der Kündigung behauptete der Anwalt dieses Institut dass ich Mitgliedsbeiträge schulden würde. Es drohte ein Mahnverfahren. das grundsätzlich ermöglicht am Richter vorbei auch den Unschuldigen zu pfänden, sofern er z.B. das Verfahren nicht kennt u. länger abwesend ist.. Zum Glück hatte ich alle Belege f. Einschreiben wie Fax e mails nach 6 Jahren noch lückenlos. Laut diverser Kampfsportforen u. auch dem Anwalt der meinen Fall am Ende hatte war ich mit meinem Problem nicht alleine, Ich versuchte vor Gericht zu gehen , war aber nicht angeraten, da die andere Seite am Ende einlenkte....... Kostenpunkt: Gebühren von circa 500-600 Euro f. Lehrgang der mir nichts brachte plus Anwaltskosten in Höhe v. insgesamt etwa 500 Euro plus Zeitaufwand der mit etwa 4 Wochen in etwa dem einer kleineren akademischen Abschlussarbeit entsprach. All das verbarg sich am Ende hinter dem netten "DU" mit dem man mich verbal in einer akuten Notsituation in der die Polizei nicht helfen konnte verbal umarmte.
Greta wird langsam erwachsen, wie man an neueren Bildern feststellen kann. Wahrscheinlich hat sie als Gallionsfigur bald ausgedient. Was auch zum Erwachsen sein gehört: Die eignen Grenzen erkennen. Kein Mensch kann die ganze Welt retten. Empathie bis zur Selbstaufgabe bringt keinen etwas. (Jeder gute Arzt/Ärztin wird das bestätigen können). Die Eigenverantwortlichkeit anderer Menschen anerkennen. Erwachsene Menschen sind keine Kinder, für die wir die Verantwortung übernehmen sollten. Jeder erwachsene Mensch hat die Pflicht und auch den Wunsch für sich selbst verantwortlich zu sein. Also hören wir in Deutschland doch besser mal auf, Menschen aus andere Länder wie unmündige zu behandeln. Außerdem übertriebenes Schuldgefühle ablegen. Kein Mensch ist für das ganze Elend der Welt verantwortlich, nur weil er in Deutschland geboren wurde.