Wolfram Weimer / 25.01.2018 / 13:13 / Foto: Kenneth Paik / 17 / Seite ausdrucken

Kevin nicht mehr allein beim Putsch

Kurz nach dem dramatischen Parteitag braut sich eine explosive Stimmung in der SPD zusammen. Das knappe „Ja” des Parteitags für Koalitionsgespräche mit der Union mit nur 56 Prozent der Delegierten-Stimmen wirkt für die SPD-Spitze, die geschlossen für die Große Koalition warb, unangenehm nach. „Es war eine schallende Ohrfeige”, sagt ein Präsidiumsmitglied in Berlin.

Vier peinliche Dinge sind nun offenbar: Erstens ist die Partei tief gespalten. Zweitens hat Parteichef Martin Schulz seine Autorität weitgehend verspielt. Drittens wankt die Mehrheit der Basisabstimmung. Und viertens kann diese zerrissene SPD – selbst wenn es noch klappen sollte – kaum eine stabile Koalitionsregierung bilden.

Das politische Momentum der SPD liegt nicht mehr beim 62 Jahre alten Martin Schulz, es liegt bei dem 28 Jahre jungen Kevin Kühnert. „Nicht einmal halb so alt, aber doppelt so überzeugend”, verkünden angriffslustige Jusos zu der wachsenden Putsch-Stimmung in der SPD. Im Willy-Brandt-Haus wächst die Angst, dass die Parteibasis am Ende der Koalitionsverhandlungen Kühnerts No-GroKo-Bewegung folgt, egal welche Verhandlungserfolge noch erzielt werden können. Und die werden nach den Aussagen von führenden Unions-Politikern ohnedies nur minimal ausfallen.

„Die Stimmung an der Basis ist nach dem Parteitag am kippen”, heißt es aus der Parteizentrale. Das Hashtag #NoGroKo von den Jusos wachse zu einem Banner der Widerständigkeit und löse alle Revolutionsreflexe eines gedemütigten Parteivolkes aus. Das knappe Abstimmungsergebnis auf dem Parteitag signalisiere der Basis, dass der Ausstieg möglich, dass die Juso-Bewegung mehrheitsfähig sein und das Ende von Schulz wie Merkel erreicht werden könne – das mobilisiere erst recht.

„Einen Zehner gegen die GroKo“

„Jetzt gilt es, möglichst viele GroKo-Kritiker in die Partei zu holen, damit wir beim Mitgliederentscheid das Ergebnis sprengen können”, kündigt nun der Juso-Chef in Nordrhein-Westfalen, Frederick Cordes, an. „Wir planen eine möglichst bundesweite Kampagne nach dem Motto, ‘einen Zehner gegen die GroKo’”. Fünf Euro, so viel kostet die SPD-Mitgliedschaft für Studenten pro Monat. Die Neu-Mitglieder könnten dann die Basisabstimmung mit entscheiden.

Diese Pläne erinnern stark an die britische Momentum-Bewegung, die Jeremy Corbyns Erfolg der Parteilinken dort erst ermöglicht hat. Kühnert twittert mit einem Verweis auf die SPD-Internet-Seite für Neueintritte: „Für den nächsten Schritt brauchen wir JETZT dich.”

Der große Zulauf zur No-GroKo-Bewegung hängt eng mit der Person Kühnert zusammen. Der Juso-Chef und Student der Politikwissenschaften vermeidet schrille Töne und Übertreibungen. Im Gegensatz zu Andrea Nahles, die sich gerne im Sprachrepertoire der Adoleszenz (vom Pippi-Langstrumpf-Geträller über „In-die-Fresse”-Sprüche bis zur Klage über den „blöden Dobrindt”) bedient, spricht Kühnert mit der analytischen Abgeklärtheit eines erfahrenen Ingenieurs der Macht.

Anders als viele Juso-Vorsitzende vor ihm macht er den Fehler des wild Provokativen nicht. Er agiert kontrolliert und zielt nicht auf den exaltierten linken Rand der Partei, er zielt auf ihr Herz in der Mitte. Kühnert wirkt daher wie ein Rebellenführer für Beamte. Und von denen gibt es in der SPD jede Menge.

Kühnert ist sich der Stärke seiner Position mittlerweile so sicher, dass er seine innerparteilichen Gegner sogar lobt, die Debattenkultur könne einen stolz machen, die Parteiführung verhandele gut und tapfer – gönnerhaft, wie der eigentliche Vorsitzende. Seine Revolte kommt nicht mit Barrikaden und Geschrei daher, sondern mit dem Notarzt-Köfferchen desjenigen, der jetzt die Seele der Partei lebensretten müsse. Seine Partei müsse den „Teufelskreis der ewigen Großen Koalition” überwinden, diagnostiziert er.

„Zwergenaufstand“ in der Vertrauenskrise

Als Leitspruch für die Abstimmung und den Neustart in der Opposition gibt er aus: „Heute einmal ein Zwerg sein, um künftig wieder Riesen sein zu können.” Damit spielt er auf die Provokation des CSU-Landesgruppenchefs Alexander Dobrindt an, der den Jusos einen „Zwergenaufstand” vorgeworfen hatte. Kühnert bezieht den Angriff gerne gezielt auf sich selbst und berichtet der Öffentlichkeit, er selbst sei ja auch nur 1,70 Meter klein.

Es ist diese Verkörperung von Demut in Sprache und Geste, die den Mut zu einem echten Neuanfang für viele Genossen so faszinierend macht. Kühnert spricht entwaffnend offen von einer „tiefen Vertrauenskrise” in der Partei, die ihre Existenz als linke Volkspartei verspiele, wenn sie sich immer nur als Erfüllungsgehilfin von Angela Merkel zeige. „Nichts an Opposition ist romantisch. Und ich bin nicht in diese Partei eingetreten, um mit ihr Opposition zu machen. Aber ich bin auch nicht in sie eingetreten, um sie immer wieder gegen die gleiche Wand rennen zu sehen. Wir haben ein Interesse daran, dass hier noch etwas übrig bleibt von diesem Laden. Und ich sehe im Moment nicht, dass wir Strategien fahren, bei denen noch etwas übrig bleibt.”

Mit Kühnert hat damit ein Typus die große Bühne der SPD betreten, der zeitgeistig allenthalben angesagt ist. Eine neue Generation von politisch Inkorrekten, die lieber ihren Überzeugungen treu bleiben als der Macht, die in Martin-Luther-Manier rufen „Hier stehe ich, ich kann nicht anders”. Christian Lindner in der FDP, Robert Habeck bei den Grünen, Jens Spahn bei der CDU, Sahra Wagenknecht bei den Linken oder Alexander Dobrindt bei der CSU – sie alle verkörpern eine aufsteigende Kraft des Autonomen.

Das Überkonsensuale wirkt plötzlich alt

Das Überkonsensuale des politischen Korrekten wirkt neben den kantigen Positionen dieser Generation plötzlich alt und falsch. Es ist ein Trend, den man von Sebastian Kurz in Österreich bis Emmanuel Macron in Frankreich beobachten kann. Der statische Korporatismus des Merkelismus gerät gegenüber der jugendlichen Leidenschaft ins Hintertreffen.

Die neue Generation von Politikern, ob Lindner, Habeck oder eben Kühnert, erkennt man auch an ihrer unkonventionellen Sprache. Sie reden variantenreicher, eigenwilliger, weniger schablonenhaft und unberechenbarer. Sie verkörpern eine freiere, mutigere Denkweise und machen so den Blick frei für eine Perspektive jenseits von alternativlosen Welten des Großkoalitionären.

Das Zusammenwirken der neo-autonomen Generation von Christian Lindner (No-Jamaika) bis Kevin Kühnert (No-GroKo) könnte am Ende also nicht nur Martin Schulz stürzen, sondern auch den politisch korrekten Mechanismus des Machterhalts um seiner selbst willen. Sollten die SPD-Mitglieder der No-GroKo-Bewegung mehrheitlich folgen, dann wäre auch das Ende von Angela Merkel nah. Wie raunen die Jusos dieser Tage? „Kevin ist nicht alleine zu Hause. Und Merkel macht bald Pause.”

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.

Foto: Kenneth Paik U.S. NARA via Wikimedia

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (17)
Gerhard Schäfer / 25.01.2018

‚einen Zehner gegen die GroKo‘ ... wird nicht funktionieren! Neue Mitglieder müssen mindestens 6 Wochen Mitglied in der SPD sein, um abstimmen zu können!

Rudolf George / 25.01.2018

Politisch inhaltlich verbindet mich nichts mit den Jusos. Wenn es ihnen aber gelingt Angela Merkel endlich aus dem Kanzleramt zu vertreiben, dann mach ich ihnen zum Dank eine Spende!

Fritz Kolb / 25.01.2018

Für einen kurzen Moment hatte ich die “Vision”, dass wir durch den kleinen Kerl tatsächlich die große Vorsitzende nebst Hofstaat loswerden könnten.  Was für ein schöner Gedanken in dunkler Zeit.

Jürgen Schnerr / 25.01.2018

Auch wenn ich einiges in der politischen Agenda des Kevin Kühnert gar nicht teile, mit SPD und links habe ich schon länger fertig, einiges an der Analyse im Artikel kann ich unterstreichen. Ihm fehlt oder fehlt noch das phrasenhafte Politsprech der schon immer regierenden alten Garde, was schon mal wohltuend ist. Und überhaupt, er ist der ordentlichen Rede mächtig, spricht Klartext ohne pubertierende Ausfälle wie Gabriel oder Nahles. Und er könnte sich politische Verdienste dabei erwerben, die gefühlt ewige Verkrustung in unserer Politik zu durchbrechen. In diesem Sinne, nicht wegen seiner politischen Agenda, wünsche ich ihm für uns alle viel Erfolg!

Andreas Rochow / 25.01.2018

Endlich eine unerwarte Wende, die vor der öffentlichen Wahrnehmung nicht zu verbergen ist, den politmedialen Filz in Bewegung setzen und frischen Wind in neue Debatten bringen kann, wie er aus dem Bundeskanzlerinnenamt und vom Bundespräsidenten nie und nimmer mehr zu erwarten gewesen wäre!

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Wolfram Weimer / 24.05.2018 / 06:29 / 42

Freibier für alle, Deutschland zahlt 

Italiens neue Regierung ist auf den ersten Blick gelebte Realsatire. Wilde Rechts- und schräge Linkspopulisten gehen eine Koalition ein, als gelte das Motto „Clowns aller…/ mehr

Wolfram Weimer / 17.05.2018 / 11:00 / 10

Sags durch den Blume

Markus Blume ist in der Arena der CSU-Größen so etwas wie ein geschmeidiger Eiskunstläufer unter gewichtigen Sumo-Ringern. Ein Intellektueller, feinsinnig und nachdenklich, liberal, großstädtisch und verbindlich.…/ mehr

Wolfram Weimer / 11.05.2018 / 10:00 / 22

Der Stuhl dieses Herren wackelt nicht

Er ist 65 Jahre alt und beherrscht die Politik im größten Land der Welt seit nunmehr 18 Jahren – und er beherrscht sie unumstritten. Seit…/ mehr

Wolfram Weimer / 03.05.2018 / 06:20 / 29

Marx - antisemitisch, rassistisch und herzlos

Deutschland würdigt seinen größten Ideologen. Karl Marx, geboren vor 200 Jahren am 5. Mai 1818 in Trier, wird von Rechten verteufelt und von Linken wie ein…/ mehr

Wolfram Weimer / 26.04.2018 / 06:15 / 25

Macron setzt die Agenda, Berlin hat keine

„Er betritt einen Raum, sieht einen Stuhl und versucht, ihn zu verführen.” So beschreibt die Washington Post den französischen Präsidenten. Emmanuel Macrons politische Verführungskünste sind…/ mehr

Wolfram Weimer / 19.04.2018 / 15:00 / 7

Wer wird Junckers Nachfolger?

Es rumort in Brüssel. Die EU bekommt 2019 einen neuen Präsidenten und der Machtkampf um die Nachfolge des Luxemburgers Jean-Claude Juncker an der Spitze der Europäischen Kommission…/ mehr

Wolfram Weimer / 07.04.2018 / 15:00 / 3

Kauder hört die Sägegeräusche

Volker Kauder ist seit mehr als zwölf Jahren Fraktionschef der Union im Bundestag – so lange wie keiner vor ihm, länger als die CDU-Legenden Rainer…/ mehr

Wolfram Weimer / 27.03.2018 / 17:00 / 22

Tellkamp macht es sich unbequem

Uwe Tellkamp gehört zu Deutschlands größten Schriftstellern – preisgekrönt und literarisch hoch geachtet. Seine Bücher haben Weltruf und millionenfache Auflagen, sein Bestseller “Der Turm” ist…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com