Kevin, der Defibrillator der Macht

Den größten Verlierer im SPD-Umbruch kennt jeder: Olaf Scholz. Seine Macht ist brutal pulverisiert, seine Autorität wird bereits von Mitleid getragen, seine Karriere wirkt schlagartig wie ein Auslaufmodell. Der Vize-Kanzler und Finanzminister arbeitet nurmehr auf Abruf neuer SPD-Machthaber.

Doch wer hat die neue Macht der SPD wirklich? Wer ist der größte Gewinner im SPD-Drama? Formal Norbert Walter-Borjans. Tatsächlich aber startet Walter-Borjans als schwächster SPD-Vorsitzender aller Zeiten. Die SPD hat im Jahr 2019 ihr eigenes Machtzentrum zerschlagen. Der Parteivorsitz ist in eine Doppelspitze gespalten, die Partei in Lager zerrissen, der Rückhalt in der Bevölkerung auf homöopathische Dosen geschrumpft.

Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken werden in der SPD-Bundestagsfraktion weitgehend skeptisch beäugt, weil beide noch nie ein gewähltes Mandat errungen haben. Eskens höchstes öffentliches Amt war der Vizevorsitz im Landeselternbeirat Baden-Württemberg. Ihren Wahlkreis verlor sie zweimal und erlangte ein Mandat nur über die Landesliste. Walter-Borjans schaffte es zwar zum Posten als Staatssekretär und NRW-Finanzminister – ein gewähltes Mandat hat er jedoch auch noch nie innegehabt.

Die Autorität der beiden ist darum bei den SPD-Abgeordneten überschaubar. Die stolzen Mandatsträger werden sich jedenfalls von ihnen kaum vorschreiben lassen, wie die Legislatur gestaltet werden soll. Die Doppelspitzen sind zwar äußerlich Gewinner im SPD-Machtkampf, die großen Sieger sind sie aber nicht.

Ersatzkandidaten für ihn selbst

Der eigentliche Sieger heißt Kevin Kühnert. Die drögen Kandidaten Esken und Walter-Borjans wären ohne seine Unterstützung niemals Parteichefs geworden. Ohne Kühnert wären die beiden vermutlich nicht mal in die Stichwahl gekommen. Kühnert hatte sich früh und laut für genau diese Doppelspitze ausgesprochen. Sie waren wie Ersatzkandidaten für ihn selbst. Kühnert mobilisierte eifrig die starken Juso-Truppen (mehr als 70.000) und half Esken-Borjans zuerst ganz knapp ins Finale und dann zum ebenfalls knappen 53,06 Prozent-Sieg. Die Juso-Stimmen haben jeweils den Ausschlag gegeben.

Das wissen natürlich auch die neuen Vorsitzenden und sind Kühnert fortan verpflichtet. Sie sind Vorsitzende von seiner Gnade. Der Juso-Chef wächst damit in der Rolle des Ansagers seiner Partei hinein. Er hat die No-GroKo-Bewegung begründet und angeführt. Jetzt hat er seine Kandidaten wie ein geschickter Marionettenspieler ganz vorne auf der Bühne platziert. Der Spiegel kommentiert verblüfft: Wahrscheinlich “gab es in der Geschichte der Bundesrepublik nie einen 30-jährigen Politiker, der so mächtig war, wie es derzeit Kevin Kühnert ist”. Kurzum: Der gefühlte Parteivorsitzende ist ab sofort Kevin Kühnert.

Kühnert verkörpert etwas, was in der SPD seit Gerhard Schröder schmerzlich vermisst wird: Lustvoller Machtwille, rhetorische Offensive und klare Haltung. Wenn Walter-Borjans in den Regionalkonferenzen beamtenhaft vortrug, der Bus SPD sei in die “neoliberale Pampa” abgebogen und müsse da wieder raus, dann wussten alle Genossen, dass das Kevin-Sprech ist. Wo die neuen Vorsitzenden merkwürdig diffuse Sprachsignale senden, weiß Kühnert genau, wo er hinwill. Im ZDF machte er Klartext-Ansagen, wie man nun die CDU mit neuen Forderungen vor sich hertreiben wolle.

Defibrillator der Macht

Wenn Olaf Scholz zuweilen wirkt wie ein Anästhesist der Macht, dann ist Kühnert ihr Defibrillator. Kühnert setzt seine Schockimpulse gezielt und zielt immer genau ins Herz der Sozialdemokatie. Seine Revolte kommt nicht mit Barrikadenbrand und Fahnengeschrei daher, sondern mit dem Notarzt-Köfferchen desjenigen, der jetzt die Seele der Partei lebensretten müsse. Seine Partei müsse den “Teufelskreis der ewigen Großen Koalition” überwinden, diagnostiziert er kühl und gewaltig.

Als Leitspruch für den Neustart in der Opposition hatte er einmal ausgegeben: “Heute einmal ein Zwerg sein, um künftig wieder Riesen sein zu können.” Diese Taktik hat er nun bei seiner eigenen Karriere clever angewandt. Er ist selber nicht angetreten bei der Wahl zum Parteivorsitz, hat sich lieber zwergenklein gemacht und zwei Halbamateure zu Übergangschefs befördert. Damit steht ihm nun eine riesenhafte Perspektive offen. Natürlich werden die Moderaten und GroKo-Verfechter ihm auf dem SPD-Parteitag auch Widerstand leisten, vielleicht sogar Rache nehmen. Das langfristige Momentum der SPD aber liegt bei ihm, dem neuen gefühlten Vorsitzenden der SPD.

Dieser Beitrag erschien zuerst in The European

Foto: Raimond Spekking CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Udo Kemmerling / 05.12.2019

Wenn man aus dem Genom von Stegner, Maas, Luxemburg und Stalin einen häßlichen, kleinen Klon herstellt…

H.Roth / 05.12.2019

Kühnert ist kein Kurz. Er mag jung und ehrgeizig sein, und vielleicht sogar geschickt taktieren, aber das reicht nicht, um die Wähler zu überzeugen. Dieser aalglatte Schwätzer ist kein Neuling auf dem Bildschirm, und so manche Talkshow hätte bessere Einschaltquoten, ohne diese Nervensäge. Der “Jungspund” möchte unbedingt einen Sportwagen fahren, und weil er Daddy nicht überzeugen kann, lässt er das Familienauto vom Kindermädchen und dem Gärtner an die Wand fahren. Huh, und siehe da, da kommt klein Kevin hervor: “Pappi, jetzt kaufen wir uns aber endlich den Sportwagen, gell?”...Uahhh.

Jochen Becker / 05.12.2019

Herr Weimer, Sie tun Herrn Kühnert zu viel der Ehre an. Für Sie ist es ein Leichtes, als quasi machiavellisches Gedankenspiel, im Nachhinein dieses strategische Kalkül zu konstruieren Ich glaube nicht, dass Herr Kühnert dazu in der Lage ist, so etwas von langer Hand vorzubereiten. Seine bisherigen Äußerungen deuten doch eher auf einen schlichten intellektuellen Horizont hin. Als jemand, der sich eher von emotionalen Regungen und verinnerlichtem Opportunismus leiten lässt, traue ich ihm, wegen seines Alters einen derart geschärften politischen Instinkt nicht zu. Er hat einfach Glück gehabt zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Wir werden sehen, ob Fortuna ihm hold bleibt.

Karla Kuhn / 05.12.2019

Die Leserbriefe sind ja wieder sowas von genial. Gerd Köppe,  ich lache mich schief: ” Aber der Zuckerguss auf dem “Sozen-Grabstein” heißt Kevin Kühnert. Hi-hi! Der “Callboy” aus dem Dunstkreis der “Arbeitsscheuen”. “ HERRLICH !!  Bei den Linken gave es eine Politikerin, als die “arbeitslos” wurde hat sie als Putzfrau gearbeitet. Immerhin , sie hat gearbeitet !  Aber so viele Putzstellen gibt es gar nicht, wie gebracht würden !

Ulrich Jäger / 05.12.2019

“Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken werden in der SPD-Bundestagsfraktion weitgehend skeptisch beäugt, weil beide noch nie ein gewähltes Mandat errungen haben.” In dem Zusammenhang wäre es auch interessant zu erfahren, wieviele der SPDler im Bundestag aktuell ein direktes Mandat haben. Sicher haben einige, wie der “Finanzexperte” Carsten Schneider aus Erfurt irgendwann einmal ein Direktmandat errungen, aber in der der Zwischenzeit sind sie Apparatschiks über (aktuell noch sichere) Listenplätze an den Futtertrögen der Macht. Insofern würde ich doch sagen: Gleich und gleich gesellt sich gern.

Christoph Kaiser / 05.12.2019

Und jetzt alle: Beten für unter 5% !!!;-D

Andreas Rühl / 05.12.2019

Es wäre so einfach fuer die SPD. Als partei der werktaetigen, nicht der staatsversorgten, der abhängig beschäftigten, die deren Rechte stärkt, die durch weniger Steuern und Abgaben die lohntueten aufpeppt. Aber nein. Die SPD hat sich dafür entschieden, die partei der faulen, der staatssubventionierten zu sein, die umverteilerpartei, die es den arbeitenden nimmt, um es den nichtstuern in den arsch zu schieben. Dafuer steht Kevin. Er wird den Leichenzug als erster anfuehren, das steht auch für mich fest.

Albert Pflüger / 05.12.2019

Kühnert- das ist doch der, der glaubt, man sollte BMW verstaatlichen. Bestimmt weiß er auch ganz genau, wie ein solcher Konzern zu führen ist. Ich bin sicher, er ist der Überzeugung, ein Jahr Callcenter reicht als Qualifikation dafür dicke aus. Ich bin anderer Meinung. Daß einer, der die Jugendabteilung der am schnellsten dahinschwindenden Partei von allen anführt, irgendwie mächtig sei, muß ein feuchter Traum des Spiegel-Schreiberlings sein. Ich glaube das nicht. Das ist wohl eher die Binnenperspektive einer sterbenden Partei.

S.Schmitt / 05.12.2019

Was die Zukunft der SPD angeht, so heißt es da wohl bald: “Kevin ist allein zu Hause!”

Rolf Menzen / 05.12.2019

Wäre die SPD nach der letzten Bundestagswahl in die Opposition gegangen, sähe heute alles anders aus.

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