Klaus-Dieter Humpich, Gastautor / 26.09.2021 / 14:00 / Foto: Oixabay / 12 / Seite ausdrucken

Kernenergie in Tschechien

Hin und wieder empfiehlt es sich, mal einen Blick auf seine „kleinen“ Nachbarn zu werfen. Dies gilt ganz besonders für die, die glauben, immer voran gehen zu können – sonst könnten die irgendwann feststellen, dass sie ganz allein dastehen, umzingelt von Andersdenkenden. Tschechien war und ist Kohlenland. Zwar ist der Primärenergie-Anteil nach dem Zusammenbruch des Ostblocks schon deutlich geringer geworden (1990 –63,2%, 2020 – 30,3%), aber immer noch sehr hoch. Im Ostblock war Tschechien sogar Nettoexporteur. Der Energieverbrauch an Kohle betrug 2019 rund 14 Mtoe (Millionen Tonnen Öläquivalent), von dem etwa 74 Prozent für Wärme und Stromerzeugung eingesetzt wurden. Der Anteil an Steinkohle an der inländischen Förderung ist nur noch gering und soll bis 2023 vollständig auslaufen.

Bei Braunkohle sieht es noch anders aus: Die Jahresproduktion betrug 2020 über 31 Millionen Tonnen. Die laufenden Tagebaue verfügen noch über Reserven von knapp 600 Mto. Allerdings kommt der Bergbau auch in Tschechien an seine wirtschaftlichen Grenzen und die Kohleimporte nehmen stetig zu. Der Löwenanteil wird – wie in Deutschland auch – in elektrische Energie umgewandelt. Eine Besonderheit ist, dass jährlich 2 bis 3 Millionen Tonnen Braunkohle für die Gebäudeheizung verwendet werden – überwiegend in Fernwärmenetzen in den Städten – und nur in geringem Umfang als Brikett in ländlichen Regionen.

Der Druck aus Brüssel

Braunkohle ist ein heimischer Energieträger, der dem Staat sogar noch direkte Einnahmen über Royalties und indirekte über die Arbeitsplätze verschafft. Brüssel nimmt nun diese Industrie auf mehreren Wegen in die Zange:

  • Durch den Emissionshandel ETS verteuert sich der heimische Energieträger Braunkohle rapide gegenüber dem importierten Erdgas (aus Russland).
  • Die strengen Abgasvorschriften der EU für Kraftwerke zwingen Tschechien zu einem teueren Nachrüstungsprogramm oder sogar zur Schließung der Kraftwerke. So sollen bis 2023 knapp 1,6 GW Braunkohle-Kraftwerke vom Netz gehen. Das sind etwa 14% der Gesamtleistung. Konsequenz ist, dass der Kohlestrom schon 2025 nur noch 25% und ab 2030 wahrscheinlich nur noch 12,5% betragen soll. Eine enorme Bürde für ein so kleines Land mit seiner leidvollen Geschichte.

Die sozialen Verwerfungen der „Großen Transformation“ werden gewaltig sein. Wie weltfremd und absurd Brüssel dabei vorgeht, zeigt sich z.B. an den zu erwartenden Heizkostensteigerungen in den sozialen Brennpunkten der Großstädte: Man unterwirft die Heizkraftwerke der vollen ETS-Abgabe, während Individual-Heizungen davon befreit bleiben – wehe, wenn Zentralismus und „Sozialpolitik“ aufeinander treffen. Die Zeche zahlen nicht nur die Mieter in den Plattenbausiedlungen, sondern letztlich auch noch die Natur, denn Kraft-Wärme-Kopplung ist einer der umweltfreundlichsten Formen der Heizung. Immerhin wird ungefähr die Hälfte der Bevölkerung durch Fernwärme versorgt.

Die Alternativen

Tschechien hat 10,7 Millionen Einwohner auf einer Fläche von 79 000 qkm. 75% der Einwohner leben in Städten. „Bioenergie“ kann deshalb keine Alternative, bestenfalls eine Ergänzung sein. Offshore-Wind geht in einem Binnenstaat auch nicht. Mit Sonnenenergie ein Industrieland in solch nördlichen Breiten versorgen zu wollen ist absurd. Die totale Abhängigkeit von russischem Erdgas will auch keiner, die Verschandelung der Höhenzüge mit Windmühlen geht mangels Platz und fehlender Speicher auch nicht. Es bleibt also nur mit voller Kraft voraus ins Kernenergiezeitalter. Keine neue Erkenntnis, die Bevölkerung war und ist immer positiv gegenüber Kernkraftwerken eingestellt. Daran hat dort auch keine Flutwelle im fernen Japan etwas ändern können.

Tschechien besitzt die Kernkraftwerke Dukovani (vier Blöcke mit zusammen 2.040 MW) und Temelin (zwei Blöcke mit zusammen 2.250 MW). Die Reaktoren in Dukovani (VVER-440/213) gingen zwischen 1985 und 1987 ans Netz. Die Reaktoren in Temelin (VVER-1000/320) wurden 2002 und 2003 – also erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks – fertiggestellt. Bemerkenswert ist die Kontinuität im Bau von Kernkraftwerken über alle System-Brüche hinweg. Alle Reaktoren sind noch sowjetische Konstruktionen. Sie wurden aber auf westliche Sicherheitsstandards nachgerüstet bzw. durch Westinghouse zu Ende gebaut. Verständlich, dass man sich nach dem „Prager Frühling“ gegenüber Russland etwas distanziert verhält. 2020 produzierten diese Kraftwerke etwa 37,5% der elektrischen Energie bzw. 19,5% der Primärenergie.

Bemerkenswert ist die Versorgung mit Fernwärme für zwei Nachbarstädte von Temelin. Der Ausbau für die 26 km entfernte Stadt České Budějovice (100.000 Einwohner) ist in Arbeit. Der Ausbau der Fernwärme um den Standort Dukovani in Planung (Brno mit 380.000 Einwohnern, 40 km entfernt). Ein so konsequentes Bekenntnis für Kernenergie zur Gebäudeheizung findet man sonst nirgendwo (noch nicht) in Europa.

Die tschechischen Kernkraftwerke wurden nicht nur sicherheitstechnisch auf internationalen Standard nachgerüstet, sondern auch beständig modernisiert. So wurde die Leistung des Kraftwerks Dukovani bis 2021 um 12% auf 2.040 MWel gesteigert. Ein ähnliches Programm für Temelin läuft noch. Das alles ist möglich, weil Tschechien über eine bemerkenswerte Forschungs- (3 Forschungsreaktoren) und Ausbildungskapazität verfügt. Skoda war schon im Ostblock ein angesehener Lieferant für Kraftwerkskomponenten.

Neubauprogramm

In den letzten Jahrzehnten wurde immer wieder der Ausbau befürwortet und Angebote wurden eingeholt. 2015 wurde im Rahmen eines Langzeitprogramms für die kerntechnische Industrie der Zubau von drei Reaktoren an den alten Standorten genehmigt. Priorität hat Dukovani 5 als Ersatz für die vorhandenen Blöcke nach (bisher geplant) 60 Jahren Betriebszeit. Geplant ist der Baubeginn für 2029 und die Fertigstellung 2036. Aufgerufen sind nur Modelle mit nachgewiesener Betriebserfahrung. Favorisiert werden der französische EPR, der koreanische APR1400 und der AP1000 aus den USA. Die endgültige Entscheidung wird für den Herbst 2021 – nach den Parlamentswahlen – erwartet.

Die neu gegründete Zweckgesellschaft Elektrárna Dukovany II geht von Baukosten von 6 bis 7 Milliarden USD aus (5.000–5.833 USD/kWe ohne Finanzierungskosten). Die tschechische Regierung beschloss 2020, dass 70 Prozent der Investitionskosten durch einen staatlichen Kredit finanziert werden, der während der Bauzeit zinslos ist und nach Inbetriebnahme mit 2% verzinst wird. Darüber hinaus verabschiedete 2020 die tschechische Regierung ein Gesetz, das es dem Staat erlaubt, ein festes Kontingent (>100 MWel) für mindestens 30 Jahre vom Erzeuger abzukaufen. Diese Energiemenge wird über den Großhandel verkauft. Etwaige Verluste oder Gewinne werden über den Einzelhandelspreis umgelegt. Bei Lichte betrachtet, entspricht dieser Ansatz einer öffentlichen Investition – z.B. für eine Autobahn, einen Kanal etc. – die zu einem Festpreis (das Risiko von Kostensteigerungen während der Bauzeit geht voll zu Lasten des Lieferanten) vergeben wird und die Nutzung (Preis der kWh) meistbietend versteigert wird.

Dies ist eine besonders intelligente Lösung, wenn man bedenkt, daß Temelin z.B. nur 60 km von der deutschen und 50 km von der österreichischen Grenze entfernt ist. Diese beiden Länder können sich gern bei Dunkelflaute Strom in Tschechien (zu hohen Preisen wegen der Nachfrage) ersteigern, der „Profit“ kommt dann unmittelbar dem tschechischen Stromkunden zugute. Energiepolitik einmal ohne Ideologie, dafür aber clever. Sie ist nicht gegen die eigene Bevölkerung gerichtet. Anders als z.B. in Deutschland, wo alle Risiken über das EEG von der Allgemeinheit (den Stromkunden) voll getragen werden müssen, die Gewinne aber ausschließlich garantiert in die Taschen der Sonnen- und Windbarone fließen.

Tschechien geht aber auch mit der Zeit. Frühzeitig wurden Kooperationen für Small Modular Reactors (SMR) mit GE Hitachi (300 MWel Siedewasserreaktor), NuScale (77 MWel Druckwasser-Module) und Rolls-Royce (477 MWel Leichtwasserreaktor) geschlossen. Kleine Reaktoren können für die Kraft-Wärme-Kopplung und die Industrie eine sinnvolle Ergänzung darstellen. Außerdem kann sich die heimische Industrie (Skoda) besser in die Lieferketten einbringen. Der Eigenanteil könnte wesentlich höher sein.

Konsequenzen für Deutschland

Man kann die Ausbaupläne mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachten. In Deutschland werden die Strom- und Heizkosten weiter explodieren – die momentanen Preissteigerungen bei Erdgas sind nur das Wetterleuchten. Wer auf Wind und Sonne zur Energieversorgung setzt, setzt in Wirklichkeit auf Erdgas, wenn er aus Kohle und Kernenergie aussteigt. Immer, wenn der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint (ausgerechnet im Winter bis zu 16 h täglich) müssen die Erdgaskraftwerke ran. Wasserstoff aus der Nordsee oder Batterien sind in diesem Sinne reines Schlangenöl.

Die Bayern können sich glücklich schätzen, wenn Tschechien vor ihrer Tür neue Kernkraftwerke baut. Teurer Strom ist immer noch besser, als gar kein Strom. Teuer wird er werden, denn der Preis richtet sich immer nach Angebot und Nachfrage, nicht nach den Produktionskosten. Warum sollte Tschechien auch Mitleid mit Deutschland haben? Der eine oder andere Deutsche kann vielleicht sogar als Gastarbeiter über die Grenze gehen, wenn er entsprechend qualifiziert ist. Glückliches Bayern, mit Rindviechern und Biobauern.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Klaus Humpichs Webseite hier.

Foto: Pixabay

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Christian Schneider / 26.09.2021

Abseits des interessanten Artikelthemas möchte ich anmerken, dass ich es befremdlich finde, die tschechischen Ortsbezeichnungen zu verwenden für Städte, für die es seit jeher eine deutschsprachige Bezeichnung gibt. Von Budweis und Brünn zu sprechen sollte ebenso normal sein, wie Mailand statt Milano oder Lissabon statt Lisboa zu schreiben. Ich selbst benenne auch die Hauptstadt des Nachbarlandes Slowakei gerne weiterhin mit Pressburg und nicht nur Bratislava. Die sprachliche Selbstverleugnung muss doch nicht auch noch auf der Achse vorangetrieben werden, oder?

Karla Kuhn / 26.09.2021

Jörg Plath, “Das Temelin westliche Standards erfüllt und sicher sei dürfte so nicht stimmen.”  Zu Ostblockzeiten war das sicher so aber jetzt sitzen die Tschechen auch nicht mehr hinter der Säule. Und wer weiß, ob nicht die Russen oder Chinesen mit von der Partie sind? Wir Deutschen sind schon seit Jahren nicht mehr der Nabel der Welt, wer weiß denn genau, ob bei UNS alles sicher ist ? Und ob was vertuscht wird ?  Die Globalisierung und Merkels geforderte “Anpassung” deutscher Standards an die anderen Länder verheißen absolut nichts Gutes !

Elias Schwarz / 26.09.2021

Wollen die Tschechen nichts mehr mit VVER-ITER zu tun haben? Immerhin ist es der modernste Reaktor und entspricht auch dem Post-Fukuschima-Standards mit einer Möglichkeit, das geschmolzene Stoff abzufangen (ich vermute, die Erfahrungen aus Tschernobyl haben den Konstrukteuren neue Wege gezeigt). Außerdem hat Skoda z.B. die Antriebe für Bremsstäbe für VVER gebaut. Und wenn die Wikipedia nicht lügt, gehört Skoda JS den Ischora-Werken in Sankt-Petersburg, die u.a. die Reaktorgehäuse für VVERs baut.

Helmut Driesel / 26.09.2021

  Wollen wir nicht froh sein über jeden Nachbarn, der ohne Neid und Missgunst auf unser Land schaut? Ich finde, das hätte alles viel schlechter laufen können. Es sind gerade unsere kleineren Nachbarn, die uns Halt und Orientierung geben, während wir uns hier auf dieses heikle Experiment eingelassen haben. Ich finde das perfekt. Hier werden als neuester Schrei jetzt Schwungräder empfohlen, 500 KWh das Stück, ich weiß zwar nicht, wie Hightec das ist, aber billig kommt das bestimmt nicht. Im Mast von Windrädern ist es wahrscheinlich bautechnischer Wahnsinn, aber ansonsten müsste man eben Erdbohrungen dafür machen. 10 bis 20 Stück pro Windrad schätze ich mal laienhaft. Ist wahrscheinlich totaler Blödsinn, aus der Not geboren, in der Not frisst der Teufel Fliegen, hat meine Oma immer gesagt. Nun, durchaus ehrbare deutsche Ingenieure fressen auch Fliegen, wie man sieht. Oder vielleicht kriegen sie auch viel zu viele Fördermittel, die irgendwie verbraten werden müssen. Man muss ja heute froh sein, wenn sich nicht alle cool zurücklehnen und grinsen, die sich das leisten könnten. Aber klar ist schon, dass die Anlagen unrentabel sein werden, egal ob ein Stromüberschuss oder ein Mangel herrschen wird. Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben. Wir gönnen uns das eben. In der Hoffnung, dass die ganze Welt eines Tages kommt, um zu sehen, wie wir das machen. Habe ich schon von meinem neuen Bügeleisen erzählt, das aussieht wie ein Miniaturmodell des amerikanischen Raumshuttles? Das Design ist phänomenal, der Stromverbrauch ist ungeheuer, es sieht auch aus, als könnte es fliegen. Aber beim Bügeln wird es zu schnell kalt, darum nehme ich lieber das hässliche aus den siebziger Jahren von meiner Mutter. Und ich fürchte schon den Tag, wo es kaputt geht. Aber vielleicht wird das Bügeln ja sowieso verboten, wegen der Nachhaltigkeit und dem Klima.

Karla Kuhn / 26.09.2021

Kernenergie in Tschechien ? Naja, vielleicht sind die Tschechen bereit gegen ein kleines “Taschengeld” uns vom Atomstrom im Notfall etwas abzugeben ? “Russengas” und “Tschechenstrom” ins einst hoch industrialisierte Deutschland ? Zumal die zukünftig geplanten E Autos mit wahrscheinlich “schmutzigen” Akkus auch irgendwann mal fahren wollen. Ach ja, da gibts dann eben Lastenräder. Wäre eigentlich für den einen oder anderen Polittypen sicher gesundheitsfördernd.

Dr. Gerd Brosowski / 26.09.2021

In der Zeit meiner Kindheit vor sechzig-siebzig Jahren wusste jeder noch, was mit einem Rikscha-Kuli gemeint war – das Wort wäre heute als rassistisch oder als spätkolonialistisch, jedenfalls als politisch inkorrekt verpönt. Gemeint waren die armen Teufel, die zu Fuß oder per Lastenfahrrad eine zweirädrige halboffene Kutsche hinter sich herzogen, in der sich ein oder zwei Touristen räkelten. Nun scheint ja das von politischer Seite bevorzugte Mobilitätselement das Lastenfahrrad zu sein. So mag denn Deutschland vom Land der Dichter und Denker und nachmals Land der Tüftler und Malocher zum Land der Rikscha-Kulis (und Kulias) neueren Datums werden, während ringsumher die Kerntechnik ihre Renaissance erlebt.

Jörg Plath / 26.09.2021

Das Temelin westliche Standards erfüllt und sicher sei dürfte so nicht stimmen.

Walter Weimar / 26.09.2021

In ein paar Jahren sieht Europa aus dem Weltall ganz markant aus. Inmitten einem Lichtermeer gibt es einen dunklen Fleck: Deutschland. Ob man den Transitverkehr auf Lastenfahrräder umläd oder uns großräumig umfährt ist heute noch reine Spekulation.

Hartwig Dorner / 26.09.2021

In Tschechien scheint noch Sinn für gehaltvolle Technik vorhanden zu sein; nicht zufällig hat man dort auch die aktuell weltweit höchste Busproduktionsquote je Einwohner (Iveco/Karosa, Sor).

Nico Schmidt / 26.09.2021

Sehr geehrter Herr Humpich, ich wollte nie etwas mit Kernenergie zu tun haben, war aber aufgeschlossen. Seit 19 80 hat sich die Technik deutlich weiterentwickelt und seit wir einen Dual Fluid Reaktor haben, bin ich ein Fan geworden. Der Schrott aus Gorleben kann als Rohstoff verbrannt werden und der Abfall strahlt 300 Jahre. Damit kann ich leben. In Deutschland nicht kommunizierbar und der personifizierte Antichrist. Frieren lassen und abwarten. MFG Nico Schmidt

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