Der Streit um die Reportersitzplätze beim Münchener NSU-Prozess geht in die falsche Richtung. Kritisiert wird die Unbeweglichkeit der deutschen Richter. Das ist sinnlos. Jeder weiß doch: Ein Richter spricht nicht nur Recht, er hat auch Recht. Das eine ergibt sich aus dem anderen. Hätte ein Richter nicht Recht, wenn er Recht spricht, spräche er ja Unrecht. Und das geht nun mal nicht. Richter, Recht sprechen, Recht haben, Recht behalten – das sind im Grunde nur verschiedene Wörter für ein und das selbe, und zwar für einen Humanzustand, für den die katholische Kirche das beste Wort geschöpft hat: Unfehlbarkeit. Wer also gegen den Sitzplatzbeschluss der Münchener Richter revoltiert, (jawohl revoltiert, denn Widerspruch in und um einen deutschen Gerichtssaal kann nur als Revolte bezeichnet werden,) wer also gegen die Richter des Rechtsterroristenprozesses revoltiert, könnte genauso gut gegen den Papst revoltieren. Es hebt den Blutdruck, erzeugt den einen oder anderen Beifall, ist sonst aber zur Wirkungslosigkeit verdammt.
Aber das nur am Rande oder besser: vorab. Eigentlich wollte ich sagen: Das Münchener Sitzplatzproblem ist kein Problem der Rechtsprechung sondern eines der Volkspsychologie. Als Beispiel soll hier die Handtuch-Thematik auf Mallorca dienen. Seit Jahren findet auf der Ferieninsel ein erbitterter Strandkampf zwischen Deutschen und Engländern um die besten Liegestühle statt. Es ist ein Kampf, den die Engländer nicht gewinnen können. Denn der Deutsche steht auch im Urlaub früher auf und flitzt schneller als der Engländer zum Strand. Ob dies genetische oder erzieherische Ursachen hat, ist bisher unerforscht. Ich vermute aber: beides.
Ist der Deutsche also nach durchzechter Nacht ausdauernder und frühmorgens fitter? Keineswegs. Er hat einen psychologischen Vorteil, profitiert von einem tief sitzenden Reflex. Sobald es etwas zu ergattern gibt, springt der Deutsche, notfalls noch im Zustand sangriadebingter Unzurechnungsfähigkeit, aus dem Bett, saust zum Strand und schmeißt sein Handtuch auf den besten Liegestuhl. In seinem Zustand kann er dort natürlich nicht bleiben. Er schwankt zurück ins Bett, hat sich aber durch die frühe Handtuchaktion seinen Platz an der Sonne gesichert.
Mehrere Stunden später kommt der Engländer, fast völlig genesen vom Vorabend, und findet die besten Plätze mit deutschen Handtüchern belegt. Was kann er tun? Früher aufstehen? Früher als der Deutsche? Unmöglich. Schneller zum Strand flitzen? Schneller als der Deutsche? Unmöglich.
In der gleichen Lage befindet sich der Türke, der einen Medienplatz im Münchener Gerichtssaal sucht. Mit dem Beschluss des Gerichts, die Plätze an die Schnellsten zu geben, war die Entscheidung schon gefallen. Fast kompletter Sieg der Deutschen. Kaum war der Startschuss gegeben, schon lagen die deutschen Handtücher auf den Zuschauerbänken. Ob Engländer auf Mallorca oder Türken im Münchener Gerichtssaal: Keiner ist so schnell wie die Deutschen, wenn es etwas zu ergattern gibt.
Die Briten auf der Ferieninsel sind inzwischen dazu übergegangen, die deutschen Handtücher einfach von den Liegen zu werfen und sich selbst draufzusetzen. Das führt hie und da zu Handgreiflichkeiten, wenn die deutschen Urlauber, von ihrem Nachschlaf erfrischt, zu ihren vermeintlich gesicherten Strandliegen zurückkehren und dort statt ihres schmalen Handtuchs einen weniger schmalen Briten vorfinden. Immerhin erfahren die empörten Deutschen auf diese Weise: Flitzen allein und Handtuch drauflegen, macht nicht glücklich.
Für den Münchener Gerichtssaal kann das natürlich kein Vorbild sein. Würden türkische Journalisten den deutschen Kollegen ein Handgemenge um die Zuschauerplätze liefern, so käme das einer Revolte gegen die richterliche Unfehlbarkeit gleich. Was, wie ich darzustellen versucht habe, nicht nur strafbar sondern auch sinnlos ist. Hinzu kommt, dass sich diese deutschen Handtücher nicht auf einer neutralen Ferieninsel sondern auf deutschem Hoheitsgebiet befinden. Und gegen ein deutsches Handtuch in einem deutschen Gerichtssaal gibt es weder Berufung noch Revision. Tut mit leid, liebe Türken. Euch bleibt nur eines: Ihr müsst das Handtuch werfen.