Vera Lengsfeld / 16.01.2007 / 16:43 / 0 / Seite ausdrucken

Keine Dichtung, sondern Wahrheit

Der Polit-Thriller „Aufstand der Alten“ heute, am18. und am 23. Januar im ZDF:

Die öffentlich-rechtlichen Sender sind nicht gerade bekannt für ihre kritische Haltung zur Sozialpolitik. Deshalb ist der Polit-Thriller „Aufstand der Alten“, der nach einem Konzept von Regina Ziegler und Heiner Gatzemeier entstand, umso bemerkenswerter. Erstmals werden eindrücklich die zu erwartenden Folgen der heutigen politischen Fehlentscheidungen drastisch vor Augen geführt. Im Jahre 2030 recherchiert eine Fernsehreporterin die Ursachen der herrschenden Rentenmisere und des für viele unbezahlbar gewordenen Gesundheitssystems. Von der staatlichen Einheitsrente von 550 Euro ist nur noch ein Leben auf Obdachlosen-Niveau möglich. Medikamente und medizinische Behandlungen sind für viele alte Menschen nicht mehr erschwinglich, bzw. ruinieren deren Familien.

Sehr schnell wird klar, dass die Weichen für die katastrophalen Verhältnisse schon vor mehr als dreißig Jahren gestellt wurden. Und da wird der Film richtig spannend. Norbert Blüm wird vorgeführt mit seiner Jahrhundert-Lüge „Die Rente ist sicher“ Was schon heute wie ein schlechter Scherz anmutet, ist vor kaum zehn Jahren von niemandem bezweifelt worden, obwohl damals schon alle Fakten auf dem Tisch lagen, die darauf hinwiesen, dass die Blümschen Versprechungen entweder pure Demagogie oder vollständigem Wirklichkeitsverlust geschuldet waren. Doch ist die Politik bis heute nicht von Blüm abgerückt. Im Gegenteil. Wie die eifrige Reporterin im Film feststellt, fügt die Politik vor unser aller Augen der Rentenlüge die Gesundheitslüge hinzu. Wieder werden die Hauptverantwortlichen benannt : die Gesundheitspolitiker dieser Legislaturperiode mit Frau Ulla Schmidt an der Spitze, aber auch Angela Merkel, die sich als Oppositionspolitikerin noch als Gesundheitsreformerin gerierte und nun als Kanzlerin die notwendige Umstrukturierung ihren Machtinteressen opfert.
Wenn man mit wachsender Beklemmung im Film die wahrscheinlichen Folgen der gegenwärtigen politischen Fehlentwicklung betrachtet, wird das orwellsche Ausmaß der
Lügen unserer Politiker klar. Bereits im Jahr 2003 war eine informelle Große Koalition unter der Leitung von Schmidt und Seehofer an der Gesundheitsreform gescheitert. Keines der gefeierten Ergebnisse überlebte das Ende der Legislaturperiode. Zu der versprochenen Beitragssenkung kam es nie. Bleibend war nur die Kostenerhöhung für die Versicherten.
Trotzdem erkor die Regierung Merkel die Gesundheitsreform zum Herzstück ihrer Koalition, obwohl klar war, dass die Konzepte von SPD und CDU unvereinbar sind. Was nun am Ende eines Verhandlungsmarathons als „Durchbruch“ ausgegeben wird, hat mit der Lösung der Probleme nicht mal ansatzweise zu tun. Es gibt in dieser „Reform“ keine Elemente, die zur Förderung von Leistung und zur Senkung der Kosten taugen. Nicht einmal die versicherungsfremden Leistungen wie Kochkurse oder Wellness-Wochenenden, mit denen die gesetzlichen Kassen Jahr für Jahr mindestens 7,25 Milliarden verplempern, werden aus der Beitragspflicht herausgenommen.

Am Ende steht neben einer exorbitanten Beitragserhöhung nur eine Zwangsversicherungspflicht, die zu einer Gefahr für die privaten Versicherungen wird. Der notwendige Einstieg in einen Systemwechsel ist nirgends in Sicht. Wenn es nicht eher früher als später zu dem im Film prognostizierten „Aufstand der Alten“ kommen soll, müssten alle Bundestagsabgeordneten in ein Kino gesperrt werden und gezwungen sein, sich den Film so lange anzusehen, bis ihnen klar geworden ist, dass ihre Aufgabe nicht darin besteht, ihre persönlichen Machtinteressen zu verfolgen, sondern die Probleme unserer Gesellschaft zu lösen, damit uns eine Zukunft erspart bleibt, wie sie dieser Film in beklemmender Eindrücklichkeit darstellt.

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