Giuseppe Gracia, Gastautor / 12.04.2020 / 14:00 / 8 / Seite ausdrucken

Keine Auferstehung, keine Gerechtigkeit

Die Vorstellung einer gerechten Welt ist so alt wie die Menschheit. Genauso alt ist allerdings die Erfahrung von Unrecht und menschlicher Bösartigkeit. Neben Epidemien und Naturkatastrophen erleben wir weltweit nahezu täglich Mord, Totschlag und Massenhunger. Wir schaffen es nicht, das von uns selbst verursachte Leid aus der Welt zu schaffen.

Nach dem zivilisatorischen Schock der Schrecken des Nationalsozialismus, entfesselt im aufgeklärten Deutschland der Industrialisierung, mitten im neuzeitlichen Europa, hat der Philosoph Theodor Adorno (1903–1969) die Problematik des Glaubens an den Fortschritt der Menschheit so formuliert: Was wir Fortschritt nennen, sei im Grunde nur der Fortschritt von der Steinschleuder zur Megabombe. Aber auch wenn man es so drastisch sieht, stellt sich trotzdem die Frage, was eigentlich die Gründe dafür sind. Warum bringt die Menschheit zwar große Fortschritte im Wissenschaftlichen, Technischen, Medizinischen hervor, zugleich aber auch die abgründigsten Möglichkeiten der Zerstörung?

Das hat damit zu tun, dass es einen generell ansteigenden Fortschritt nur im materiellen Bereich geben kann. Die wachsende Erkenntnis der Strukturen der Materie führt zu besserer Forschung, zu einer größeren Beherrschung von Natur und Technik. Aber im Bereich des moralischen Bewusstseins? Nein, wenn es um Entscheidungen des Einzelnen geht, kann es kein vergleichbares Wachstum geben. Aus dem einfachen Grund, weil die Freiheit des Menschen immer neu ist. Der rechte Gebrauch der Freiheit ist keine wissenschaftliche Formel, man kann das nicht wie eine physikalische Theorie weitergeben.

Jeder Mensch muss seine eigenen Entscheide fällen, und zwar jeden Tag neu. Auch kann jede Generation ihre eigenen kulturellen Standards aufrichten. Dabei mögen die Erkenntnisse und Erfahrungen früherer Generationen helfen, inspirieren, orientieren. Aber diese Erkenntnisse und Erfahrungen können auch abgelehnt werden. Man kann sie als verstaubte, überflüssige Tradition belächeln. Das ist unsere Freiheit. Jeder Mensch muss immer neu für das Gute gewonnen werden – mitten in der Gefahr, sich für das Zerstörerische zu entscheiden.

Die Welt bleibt ungerecht

Das ist der Grund, warum auch in Zukunft zwar wissenschaftlich-technische Fortschritte zu erwarten sind, aber keine gerechte Welt, keine moralisch optimierte Menschheit. Das ist kein großer Trost, wenn es nur diese Welt gibt, nur dieses zeitlich begrenzte Dasein. Dann enden alle Hoffnungen auf Gerechtigkeit im Staub der Geschichte. Dann lautet die bittere Pille: nach Hitler, Stalin, Lenin, Mao, Mobutu, Dschingis Kahn oder Caligula, nach all dem Blutvergießen zwischen Steinschleuder und Megabombe sehnen wir uns zwar nach Gerechtigkeit, nach Heilung und Wiedergutmachung, aber das ist vergeblich. Oder wie es das Alte Testament ausdrückt: „Windhauch und Luftgespinst.“

Die Welt bleibt ungerecht, die Menschheit unberechenbar. Und selbst wenn dem nicht so wäre, selbst wenn wir es eines Tages doch schaffen würden, die ideale Gesellschaft aufzubauen, eine Welt, in der niemand mehr Unrecht erfährt, selbst dann wäre damit keine Gerechtigkeit geschaffen. Denn davon hätten ja die von Millionen Unschuldiger nichts, die bis zur Errichtung dieser idealen Gesellschaft bereits ermordet worden sind. Millionen Kinder, Frauen und Männer, deren Schreie ungehört in der Dunkelheit der Vergangenheit verhallen.

Diese Überlegung führt wieder zu Theodor Adorno. In seinem Buch „Negative Dialektik“ (1966) schreibt er, dass wirkliche Gerechtigkeit eine Welt verlangen würde, „in der nicht nur bestehendes Leid abgeschafft, sondern das unwiderruflich Vergangene ebenfalls widerrufen wäre“. Das legt nahe, dass es für Menschen keine Gerechtigkeit geben kann, wenn der Tod das letzte Wort hat, wenn es nicht so etwas gibt wie die Auferweckung der Toten. Als Atheist lehnt Adorno die Auferstehung zwar ab, aber im Bewusstsein: Ohne Auferstehung bleibt die Welt im letzten trostlos, hoffnungslos.

Aus dieser radikalen Perspektive wird deutlich, was Ostern bedeutet, was die Christen meinen, wenn sie von Auferstehung sprechen, wenn sie der Kreuzigung Jesu’ gedenken und seine Auferstehung feiern. Es geht um den Glauben, dass Gott mit den Menschen mitleidet und unsere Gottverlassenheit am Kreuz mitträgt. Ostern ist das Fest, das sagt: Ja, es gibt die Auferstehung. Es gibt das letzte Gericht. So wie es die ewige Liebe Gottes gibt.

Mit dem Glauben an die leibliche Auferstehung, Höhepunkt von Ostern, behauptet das Christentum: Die Sehnsucht nach wahrer Liebe und Gerechtigkeit sind keine Hirngespinste. So, wie der körperliche Durst darauf hindeutet, dass es Wasser gibt, um diesen Durst zu löschen, so deutet der seelische Durst nach wahrer Liebe und Gerechtigkeit darauf hin, dass diese existieren. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat es einmal so formuliert: „Ich bin überzeugt, dass die Frage der Gerechtigkeit das stärkste Argument für den Glauben an das ewige Leben ist.“

 

Giuseppe Gracia (52) ist Schriftsteller und Medienbeauftragter des Bistums Chur.

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Leserpost

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Dov Nesher / 12.04.2020

@Ralf Pöhling. Beim Christlichen Glauben geht es vielmehr darum, dass Jesus uns endlich in die Lage versetzt unsere Probleme zu lösen

T. Rager / 12.04.2020

Vielen Dank für diese zeitlosen Gedanken zu Ostern, die vom täglichen Ärger über die Politik auf diesen Seiten etwas Abstand gewinnen lassen.

Wilfried Cremer / 12.04.2020

@ Herrn Ralf Pöhling - Unvollendete Gerechtigkeit ist letztlich Unrecht. Die Hoffnung auf Vollendung zwingt zu Gott (Jesus). Das macht nicht passiv, sondern aktiv. Sie denken falsch rum.

Ralf Pöhling / 12.04.2020

Wer als gläubiger Mensch Gerechtigkeit durch eine höhere Macht erhofft, der betreibt quasi das “Outsourcing” der Lösung seiner eigenen Probleme an andere und versetzt sich selbst in abwartende Passivität. Wenn Adorno als Atheist sagt, dass die Welt ohne Auferstehung trostlos und hoffnungslos sei, dann ist das im Resultat das selbe, denn es unterdrückt jeden Antrieb zur Selbsthilfe. Mein Weltbild ist ein anderes. Das Leben ist kurz und es endet immer mit dem Tod. Also nutze den Tag! Wer eine bessere und gerechtere Welt erhofft, der soll bei sich selbst anfangen. Er soll sich Gedanken darüber machen, was er selbst in seinem Leben für sich und für andere besser machen kann. Nicht(!), was andere für ihn tun können. Eine Gesellschaft ist immer nur so gut, wie jedes einzelne Mitglied selbst zu leisten bereit ist. Womit hier nicht das “Schuften im Akkord” gemeint ist, sondern das Anpacken und lösen von Problemen. Nicht nur im Sinne des einzelnen oder einer irgendwie gearteten eigenen Lobbygruppe, sondern letztlich auch im Sinne der gesamten Allgemeinheit der Menschen auf diesem Planeten. Der Platz auf Erden ist begrenzt und die stetig wachsende Weltbevölkerung verlangt ein umgängliches und rücksichtsvolles Miteinander. Von jedem(!) gegenüber jedem(!) anderen. Andernfalls verwandelt sich dieser Planet in die Hölle auf Erden. Wem es an Umgangsformen, Rücksicht und Toleranz gegenüber anderen mangelt, der muss ganz weltlich in seine Schranken gewiesen werden. Und zwar in jede(!) Richtung. Nicht nur in die eigene Richtung oder die andere. Natürlich hat dies Grenzen. Nämlich dort, wo dieses in die Schranken weisen der Allgemeinheit mehr schadet, als es hilft. Dann sollte man besser Distanz waren. Es ist alles eine Frage von Augenmaß und der richtigen Balance. Nur sollte man eins nicht tun: Darauf warten, dass andere die eigenen Probleme für einen lösen. Denn eine Gesellschaft die so denkt, stirbt ganz weltlich dahin. Und das wäre nicht im Sinne der Schöpfung.

Hans Reinhardt / 12.04.2020

Häh? Und nächsten Monat gibt es Erbauliches von irgendeinem Mullah (Ramadan!)? Da denkt man sich nichts Böses und wird dann auf der Achse mit religiösem Stuss belästigt. Das hätte ich mir im Traum nicht gedacht. War wohl doch keine so gute Idee, das mit der Patenschaft.

Gisela Tiedt / 12.04.2020

Der Versuch, eine gerechte Welt zu errichten, der sozialistische Traum vom Himmel auf Erden, hat bisher noch jedes Mal die Hölle hervorgebracht. Wenn materieller Reichtum gleichmäßig verteilt werden könnte, träten die Ungleichheit der Machtbefugnisse in den Vordergrund, die Ungleichheit der körperlichen Kraft und Anziehungskraft, des Intellekts, der Liebenswürdigkeit usw. Wenn wir tatsächlich einen Schnitt machen könnten, jeder bei Null anfangen müsste, und wir heute jedem die gleiche Geldsumme auszahlen würden: wie sähe die Verteilung in zehn Jahren aus? Ungleich, natürlich, weil jeder anders mit dem Geld gewirtschaftet hat, warum auch immer. Was nun? Neu verteilen? Wäre das dann gerecht?

Rudolf Dietze / 12.04.2020

Mein Glaube ist von einfach kindlicher Art. Die Kirche vorallem als Kirchenvorstandsmitglied hat mich eher vom Glauben entfernt. Ich glaube an den mosaischen Gott, Jesus Christ und den Heiligen Geist. Das ist nicht einfach ein Spruch. Es ist gegenwärtig. Da mag mancher Atheist lästern. Es ist so. Die Krise jetzt lässt mich nicht über die Krankheit und deren Auslöser nachdenken, sondern über die Genesung über 90 jähriger und das Sterben von Kindern und Säuglingen. Da mag man von statistischer Wahrscheinlichkeit sprechen. Es gibt die unerklärlichen Dinge die Quelle unseres Glauben sind. Deshalb glaube ich auch an die Kraft des Gebetes.  Gerechtigkeit? Man hat in Kuks eine schöne Galerie der Sünden und Tugenden, man denkt schon ewig über dieses Thema nach. Die heutige Morallehre hat da vieles nicht mehr auf dem Radar oder es gilt als scheinbar überholt. Umkehr, weg von der Dekadenz, bedeutet allerdings sich die wirklich wichtigen Dinge des Lebens klar zu machen.

Dov Nesher / 12.04.2020

Danke. Und so möchte ich hinzufügen, es gibt auch eine Auferstehung für uns. Nicht erst im “Jenseits”. Anders ausgedrückt: theoretisch hat Günter Grünwald mit “Bleiben Sie, wie Sie sind, was anderes bleibt Ihnen sowieso nicht übrig.” recht. Er beschreibt, wie verloren wir *eigentlich* sind. Doch dann kam Jesus und hat die Theorie widerlegt…

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