Nach einer Woche Sonne in Cornwall, tröstet mich ein Einheimischer, also ein Cornishman: „Keine Sorge. Es wird schon noch regnen.“ Aus diesen fürsorglichen Worten spricht etwas, was man typisch für den Charakter der britischen Insulaner insgesamt nennen kann.
Nun sind die Cornishmen zwar entschiedene Kelten, die sich nur ungern als Engländer bezeichnen lassen, wenn auch nicht ganz so ungern wie die Schotten, die unter die Decke gehen, wenn man sie Engländer nennt. Auch ist die keltische Sprache Cornwalls eine fast tote Sprache. Die Schottlands wird unter großen Anstrengungen am Leben erhalten. Ein prekäres, aber echtes Leben führt das Keltische immerhin noch in Wales, und in der irischen Republik sogar noch ein offizielles.)
Aber das Keltische ist auch historisches Erbe in den englischeren Teilen der Insel. Es sind eben nicht nur die Angelsachsen, also die Vettern unserer Niedersachsen und regulären Sachsen, die die Psyche der Insel prägen. Das Keltische schimmert überall durch, jedenfalls stärker als im keltischen Deutschland entlang des Rheins und in Schwaben. Es keltelt auf der Insel einfach heftiger als bei uns. Nimmt man noch die französisch-normannischen Eroberer und die Einwanderungswellen skandinavischer Wikinger hinzu, so ist die Verwandtschaft zwischen den Insulanern und den heutigen Festlandgermanen nicht ganz so eng, wie man es von Sachse zu Sachse gelegentlich darstellt. Abgesehen davon, dass bei uns jede Menge Leute aus dem Osten dazu gekommen sind, was das deutsche Sachsentum ja auch heftig, wenn auch anders, aufgemischt hat.
Das erinnert mich an eine herrliche Verallgemeinerung, die mir ein langjähriger Polen-Korrespondent mal geboten hat. Er sagte: „Die Polen sehen aus wie wir, aber sie sind ganz anders.“ Für mich als Junge aus dem Ruhrgebiet, das fast so polnisch ist wie Polen selbst, war das eine besonders interessante Bemerkung. Sie warf die Frage auf: Sind wir vielleicht auch ganz anders und nicht nur „die Polen“? Ja, schlimmer noch: Sind vielleicht alle ganz anders? Ist vielleicht keiner so wie er aussieht?
Nun gut. Jedenfalls sind die Briten, ob mehr oder weniger keltisch, etwas anderser als wir manchmal meinen. Womit ich wieder beim Wetter bin. Denn hier, beim Wetter, hole ich meinen völkerkundlichen Beleg für das britische Anderssein.
„Keine Sorge. Es wird schon noch regnen.“ Das war nicht die Aussage einer Einzelperson sondern eines ganzen Volkes. Diese meteorologische Grundhaltung findet ihren feinsten Ausdruck in einer geradezu klassischen englischen Redewendung. Sie geht so: „It has been trying to rain all day.“ Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. „Es hat den ganzen Tag versucht zu regnen.“ Man spürt förmlich das Mitgefühl des Sprechers mit dem „es“, das den ganzen Tag versucht hat zu regnen, aber leider vergeblich. Die Sehnsucht nach Regen blieb trotz einer tagelangen Bemühung ungestillt.
It has been trying to rain all day. Wer ein so positives, ja geradezu schmachtendes Verhältnis zum Sauwetter hat, ist doch ganz anders gestrickt als der moderne Kontinentalgermane, der nichts lieber tut, als in der Sonne zu braten und dafür endlose Reisen nach Florida oder gar Thailand auf sich nimmt.
Hier in Cornwall versucht es nun schon seit über einer Woche vergeblich zu regnen. Einmal kamen ein paar Tropfen, aber der Versuch ist gescheitert. Der blaue Himmel setzte sich schnell wieder durch. Aber ist es jetzt soweit? Werden die Wolken am Himmel vorüberziehen oder werden sie sich festsetzen? Meine deutsche Sorge ist, dass der Regen, zur Freude der Briten, die es ihm von Herzen gönnen, schließlich doch noch die Oberhand gewinnen wird.