Die Frühlingssonne lacht über dem Schtetl, und weil ich gerade frisch vom Friseur komme und gut aussehe, beschließe ich, dass es ein guter Zeitpunkt wäre, die Saison zu eröffnen und einen Kaffee zu trinken. Im Freien. Draußen. Mit Aschenbecher. Die Sonnenbrille aufzusetzen und das Gesicht in unser Zentralgestirn zu halten, auf dass ich viel Vitamin D, Nikotin und Koffein tanken möge.
Also hin zu den Sitzen des „Cocolores“, schön hingesetzt und bei dem jungen Kellner mit dem Männerdutt und den drei Nasen- und Ohrringen einen schönen Kaffee bestellt. Ja, groß, gerne. Nein, kein Zucker, ich bin Diabetiker, da muss man auf die Gesundheit achten. Darauf einen Zug aus dem Zigarillo.
Während ich mich rauchend um die Weltgeschehnisse auf X kümmere, klirrt es hinter mir. Dem MamiDu („Mann mit Dutt“) ist eine Kaffeetasse heruntergefallen, ich vermute, er jobbt hier nur, um sich ein paar Kröten während seines Studiums der Genderwissenschaften dazuzuverdienen. Ich stehe kurz auf und helfe ihm, die Scherben aufzulesen. Macht man so. Und da fällt mein Blick auf ein DIN-A4-Blatt im Schaufenster, auf dem in schöner Mädchenhandschrift steht: „Kein Kaffee für AFD-Wähler“.
Das ist jetzt doof. Nicht, dass ich die AfD je gewählt hätte, also außer mit der Erststimme bei der letzten Bundestagswahl, weil ich den Direktkandidaten gut kannte und kenne und nett finde, in dem Wissen, dass er hier im schwarzen Bayern eh keine Chance hat, aber jede Stimme für ihn war eine Stimme, die die trachtentragende Tussi von der CSU nicht bekam, das war also risikolos und trotzdem ein demokratischer Willensakt, in einer Demokratie muss sowas …
„Haha, ich habe aber AfD gewählt.“
Wo war ich? Ach ja: Ich sitze wieder vor meiner Kaffeetasse. Nehme ich den Zettel genau, dann dürfte ich diesen Kaffee, von dem ich schon ein paar Schlucke hatte, eigentlich nicht trinken. Ich trinke den Kaffee sozusagen unberechtigt. Als westdeutsches Kind, gewohnt, Anweisungen zu befolgen, habe ich jetzt ein schlechtes Gewissen. Ich könnte natürlich so tun, als beträfe mich das Schild nicht, aber das wäre nicht ehrlich. Ich habe immerhin den Direktkandidaten gewählt. Auch wenn ich mir des Nicht-Effekts meiner Wahl durchaus bewusst war, so habe ich, rein formal, die AfD gewählt. Also den Typen von der AfD. Das gilt. Oder?
Ich könnte dem ungeschickten MamiDu jetzt mein Vergehen beichten und ihn die Abwägung treffen lassen, ob das gilt oder nicht. Er könnte mir die Kaffeetasse entziehen oder mich vor den anderen Leuten dann bloßstellen, sich hinstellen, mit dem Finger auf mich zeigen und sagen: „Sehet her, gute Leute! Dieser Mann hat die AfD gewählt UND trotzdem hier einen Kaffee getrunken! Er möge verdammt sein!“ Und alle sehen mich zornig an und rufen im Chor: „Schande! Schande! Schande!“ Das möchte ich eigentlich heute Morgen nicht. Um die Mittagszeit eigentlich auch nicht.
Es ist ein moralisches Dilemma. Der Fall ist ganz klar: Hätte ich das Schild gelesen, wäre ich nicht reingegangen, ins Café. Oder ich wäre reingegangen und hätte gesagt, dass ich mit der Erststimme den Direktkandidaten gewählt hätte, aber nur, um die CSU-Tante zu ärgern. Dann hätte ich ihn entscheiden lassen können, ob er mir den Kaffee bringt oder mich öffentlich und mit energischer Geste dazu auffordert, den mit diesen lächerlichen, mit Hanuta-Aufklebern verschandelten Holzbänken umzäunten Raum germanischer Gastfreundschaft zu verlassen. Das kommt ja noch hinzu! Ich habe ihm schlicht die Möglichkeit genommen, Haltung „gegen rechts“ im öffentlichen Raum zu zeigen.
Ich könnte es ja nachher, beim Bezahlen, allein schon aus Gründen der Selbstachtung, mit Häme probieren: „Haha, ich habe aber AfD gewählt, also mit der Erststimme, und sie haben mir trotzdem einen Kaffee gebracht, ha ha, Loser!“ Aber das wäre kindisch. Oder? Oder?
„Herr Schneider, Sie glauben nicht, wie bekannt Sie hier in der Stadt sind.“
Ich hätte es ahnen können: Hier, an diesem Hort gepflegter Gastfreundschaft sitzen jede Menge Leute mit schlechten Tätowierungen und Blech im Gesicht, und direkt an der Tür klebt ein „Refugees welcome“-Aufkleber von 2015 neben einer kleinen Regenbogenfahne, und sie sind stolz darauf, ihren Kaffee fair zu traden und keine Kokain-Anbauer in Kolumbien zu bescheißen, ich war einfach so in Gedanken, weil doch die Sonne scheint und ich so gut aussehe und es eh auf dem Weg lag. Aber ich will mich nicht rausreden: Ich habe Kaffee gewählt und AfD getrunken.
Nein, es nutzt alles nichts. Ich befinde mich jetzt auf feindlichem Territorium, jeder Schritt kann der letzte sein! Dann wiederum überlege ich, wie sie es sonst handhaben? Er hat mich nicht gefragt, ob ich AfD wähle, es ist also nicht meine Schuld, dass er mir einen Kaffee gebracht hat! Er hätte mich ja fragen können, Wahlgeheimnis hin oder her. Oder hat er anhand meines frisch geschnittenen Haupthaares beschlossen, dass ich nicht wie ein AfD-Wähler aussehe? Andererseits sind gerade die ja immer gut frisiert, so mit an der Seite kurz und oben lang, wie bei der Hitlerjugend. Oder weil mein Friseur Italiener ist, einer der wenigen, die keine Pizzeria oder Eisdiele betreiben, das könnte vielleicht auch sein, dass er mich aus dem italienischen Friseursalon kommen sah und dachte: „Wer sich die Haare beim Italiener schneiden lässt, ist nicht nur mutig, sondern auch kein AfD-Wähler.“
Ich bin liberal-konservativ. Meine Ehre verbietet es mir, einen aufrechten Streiter für das Wahre, Gute, Schöne um seine Haltungsmöglichkeit zu bescheißen. Oder um das Trinkgeld. Ich trinke aus und warte, dass MamiDu wiederkommt. Das tut er und fragt, ob es noch etwas sein darf. Zerknirscht antworte ich: „Eigentlich ja, aber ich habe bei der letzten Bundestagswahl mit der Erststimme Dr. Rottenmeyer von der AfD gewählt. Aber nur, weil er eh keine Chance hatte und ich ihn kenne und recht nett finde!“ Er lächelt. „Ich weiß“, sagt er. „Ja, aber woher wollten Sie das wissen?“ Er sieht mich einen Moment spöttisch an: „Herr Schneider, Sie glauben nicht, wie bekannt Sie hier in der Stadt sind. Sie schreiben für die Achse und andere umstrittene Magazine und haben schon für die FDP und diese andere Kleinpartei Wahlkampf gemacht. Sie sind ein Rechtspopulist. Man kennt Sie!“ Ich bin verblüfft. In Computerspielen ist „Drinks for free“ eine extra Eigenschaft, die sich beim Aufleveln nach dem Erschlagen vieler Monster freischalten lässt. Ich dachte nicht, dass das auch im richtigen Leben funktioniert.
„Ja, aber … Warum haben Sie mich dann bedient?“, will ich wissen. Er lächelt immer noch, jetzt kälter: „Weil ich Ihnen unbedingt in den Kaffee spucken wollte. Ich hoffe, er hat geschmeckt. Nein, lassen Sie stecken – geht aufs Haus!“ Spricht's und geht wieder nach drinnen, anderen Leuten in den Kaffee spucken.
Nun, okay. Strafe für mich muss sein. Außerdem war der Kaffee trotzdem gut. Vielleicht lag es ja an seinem Speichel und ich werde es nie erfahren. Andererseits werde ich ihm das nicht sagen und ihm so die Million-Dollar-Idee für seine Karriere liefern. Beschämt und etwas angeekelt stehe ich auf und gehe. Und beschäftige mich mit der Frage, was er wohl mit dem Schokohörnchen gemacht hätte, das ich trotz Diabetes mir überlegte, zu bestellen …
Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten. Weitere Kaffeehauslektüre des Autors unter www.politticker.de.
Beitragsbild: DMarx22 - catturato da me, Copyrighted, via Wikimedia Commons

Es geht doch! Selbst unser Herr Schneider hat es getan. Und wenn es nur der nette Herr Dr. war der ja eh keine Chance hatte, für den er gestimmt hat. Und – hat es weh getan? Na also. Da geht doch noch mehr.
Einzelhändler, Kaffeehausbesitzer, Buchhändler oder Weinhändler die der Meinung sind mir ihre UnserDemokratie durch Plakate oder Aufkleber aufzudrängen haben automatisch einen Kunden weniger. Ich möchte einkaufen, Kaffee trinken, ein Buch kaufen oder eine Weinberatung erhalten- Punkt! Jegliches politisches Statement gehört in den privaten und nicht in den geschäftlichen Bereich. Als „Ungeimpfte“ bin ich Ausgrenzungen gewohnt und meide konsequent diese Geschäfte – für immer! Offensichtlich brauchen diese Unternehmer mein Geld nicht.
Wer anderen in den Kaffee spuckt ist nicht nur hinterhältig, er hat auch ein Problem mit mangelnder Reife. Aber ob man es jetzt glaubt oder nicht: Das Problem geht in beide Richtungen. Und die, die einfach nur das Land wieder auf einen funktionierenden Kurs bringen wollen, werden dabei zerrieben. Mal von den Unreifen auf der einen, mal von den Unreifen auf der anderen Seite. Wie jemand aussieht ist irrelevant. Was jemand wirklich tut ist es. Ich versuche genau das immer wieder zu erklären. Klappt aber kaum, da Menschen in vielen Fällen nichts anderes sind als Affen, denen irgendwann mal die Körperbehaarung ausgefallen ist. Und Affen lassen sich dummerweise auch noch viel einfacher in die falsche Richtung ködern und gegeneinander aufbringen als intelligente Menschen, was deshalb auch am laufenden Meter passiert. Wir brauchen in der Breite mehr Menschen, die die Dinge wirklich verstehen und viel weniger Affen. Sonst wird das nichts mit der horizontalen Gesellschaft und der Basisdemokratie.
Wer sich, nur weil er mal darüber nachgedacht hat, die AfD zu wählen, in den Kaffee spucken lässt und diesen dann auch noch bezahlt, hat auch den letzten Rest an Selbstachtung verloren. Wenigstens kann Herr Schneider aber behaupten, dass er damit kein Einzelfall ist.
Kein Kaffee wegen Achgut?
Schwacher Artikel, ich hätte den Kaffee einfach nicht bezahlt und dann den Artikel geschrieben, wie das Lokal dann reagiert hätte…
Als Aschaffenburger hätte Thilo Schneider auch den Bayernpartei Kandidaten wählen können. Meines Wissens ist doch der ehemalige LKR – Vorsitzender zur BP gewechselt. Dann wäre der Kaffee besser bekommen. Kein Trinkgeld geben wie Markus Kranz vorschlägt ist auch für einen solchen Fall eine gute Idee.
@Lutz Liebezeit: Die gefühlten Linken von heute sind doch die echten Nazis von gestern.