Henryk M. Broder / 20.04.2009 / 10:54 / 0 / Seite ausdrucken

Kein Grund zur Dankbarkeit

So weit sind wir also schon, dass wir unsere tiefe Dankbarkeit artkulieren, wenn Leute das tun, wofür sie bezahlt werden bzw. gewählt wurden: das Selbstverständliche.
Wenn ein Lokführer zum Dienst erscheint, wenn der Postbote die Post bringt, wenn bei ALDI an der Kasse jemand sitzt, wenn der Arzt nicht streikt, wenn die Müllabfuhr den Müll abholt und wenn Außenminister Steinmeier fünf Minuten vor zwölf entscheidet, nicht an der Durban-2-Konferenz teilzunehmen. Dann geraten selbst kritische Köpfe ganz aus dem Häuschen und können sich vor Dankbarkeit nicht mehr einkriegen. Danke, Frank-Walter, danke! Toda raba, thank you, merci, dziekuje, magna tak, spasiba, schukran! Nein, wir sind Frank-Walter Steinmeier für seine Entscheidung, nicht nach Genf zu fahren, keine Dankbarkeit schuldig, so wenig wie wir einem Autofahrer, der an einer roten Ampel stehenbleibt, Dankbarkeit schulden, oder einem Lehrer, der seine Schüler nicht misshandelt. Wir schulden auch Nicht-Antisemiten keinen Dank dafür, dass sie nichts gegen Juden haben, und keine Frau muss einem Mann dankbar sein, der sie nicht vergewaltigt. Auch ein schwarzer Afrikaner, der sich bei einem weissen Afrikaner dafür bedankt, dass er kein Rassist ist, wäre eine Witznummer. Nur bei Juden gibt es einen bedingten Reflex, der dazu führt, dass sie sich immer dafür bedanken wollen, wenn sie mal keinen Arschtritt bekommen. Im anderen Zusammenhang nennt man das eine “deformation professionelle”, bei Juden ist es der Dhimmi-Reflex.

Einen kleinen Grund zur Freude und Dankbarkeit gibt es trotzdem: Sergey Lagodinsky, Sprecher des Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in der SPD (wo denn sonst?) wird seine Partei ganz allein in Genf vertreten. Letzte Woche setzte er sich noch vehement für die Teilnahme an der Durban-2-Konferenz ein (“Entgiften statt torpedieren!”), entsprechend der sozialdemokratischen Faustregel, dass man Schlimmes machen muss, um Schlimmeres zu verhüten. Auch der Antisemitismus und der Antizionismus sind viel zu ernste Sachen, als dass man sie den Antisemiten, den Antizionisten, den verzweifelten Hausfrauen, den durchgeknallten Rentnern und den visionären Raumplanern überlassen könnte. Sozialdemokrat Sergey, übernehmen Sie!

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Henryk M. Broder / 09.02.2020 / 14:30 / 12

Bei Sturm ins Babylon

Sturmtief Sabine ist im Anmarsch. Bundesbahn und Luftansa raten, von Reisen abzusehen und daheim zu bleiben. Allein daheim kann freilich fad sein. Gehen Sie lieber ins…/ mehr

Henryk M. Broder / 26.12.2019 / 06:25 / 53

Das Europa Parlament lässt es krachen

Das Europäische Parlament, Endstation und Abkühlbecken großer politischer Talente – Bütikofer, Weber, Barley – verabschiedet am Fließband Resolutionen zur Lage in Europa und der Welt. Zum Beispiel "die wegweisende…/ mehr

Henryk M. Broder / 25.12.2019 / 08:34 / 38

All I Want for Christmas Is… Jews!

Hier, wie jedes Jahr, unser Klassiker zu Weihnachten. Aber bitte, lass es weder Micha Brumlik noch Sergey Lagodinsky sein, und auch nicht Maxim Biller. / mehr

Henryk M. Broder / 12.12.2019 / 12:00 / 105

Steinmeiers sachliche Streitkultur

Wann immer ich unseren Bundespräsidenten reden höre, frage ich mich: Wer schreibt eigentlich seine Reden? Doch nicht etwa er selbst? Als Gastredner bei der Jahresversammlung…/ mehr

Henryk M. Broder / 06.09.2019 / 11:00 / 93

Wofür bekam Sawsan Chebli den Steh-auf-Preis für Toleranz und Zivilcourage?

Am 29. August gab Sawsan Chebli, die Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement, über Twitter bekannt, dass sie soeben für…/ mehr

Henryk M. Broder / 11.03.2019 / 10:00 / 49

Schweden, unser großes Vorbild

Am 5. September erschien in der Augsburger Allgemeinen ein längeres Interview mit dem Pastor einer Freikirche, der einen Verein gegen Menschenhandel gegründet hatte. Die Überschrift lautete: "Pfarrer…/ mehr

Henryk M. Broder / 16.11.2018 / 13:00 / 35

Bedeutende Denkerinnen und Denker des 21. Jahrhunderts: Werner B.

Wohl nicht zufällig erschien pünktlich zu Beginn der närrischen Jahreszeit, am 11. November, in der SZ ein Beitrag über "Puritanische Vorurteile jenseits aller Wissenschaft", der…/ mehr

Henryk M. Broder / 11.11.2018 / 10:00 / 35

Endlich da! Die Europäische Republik

Möglicherweise haben Sie es nicht einmal gemerkt, die Erde hat nicht gebebt, und die Luft hat nicht gebrannt. Die Kirchenglocken haben nicht geläutet, und die Bio-Bauern…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com