René Zeyer, Gastautor / 28.01.2020 / 15:00 / Foto: Ken Teegardin / 18 / Seite ausdrucken

Kassensturz bei Sigi

Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral, das ist sicherlich einer der bekanntesten Aussprüche des Stückeschreibers Bertolt Brecht. Nun hat sich Sigmar Gabriel schon vor Jahren einer strengen Diät unterzogen und sich dafür sogar von einem Teil seiner Innereien getrennt.

Also ist es mit dem Fressen nicht mehr so weit her. Wie steht’s dann mit der Moral? Er fände es schlimm, beschwerte sich Gabriel, dass der Verdacht entstünde, man würde seine Seele verkaufen, wenn man nach dem Ende seiner politischen Laufbahn „eine Aufgabe in der Wirtschaft“ wahrnehme. „Ich jedenfalls werde auch in Zukunft nicht anders denken und handeln als vorher“, kündigte Gabriel im Hoforgan der moralischen Weltbeschreibung an, der „Bild am Sonntag“.

Nun wäre es wohlfeil, einem Politiker sein „dummes Geschwätz von gestern“ vorzuwerfen, was geht ihn das heute an. Bei diesem Zitat streitet man sich ein wenig, ob es von Lenin oder von Adenauer stammt. Gut ist es auf jeden Fall.

Crowdfunding für Siggi nicht nötig

Aber betreiben wir doch ein wenig marxistische Analyse des materiellen Unterbaus. Gabriel ist von Haus aus Lehrer und übte diese Tätigkeit auch ein paar Jahre aus. 1976 trat er in die SPD-nahe Jugendorganisation „Die Falken“ ein, 1977 in die SPD selbst. Von da an ging’s bergauf. Kommunal- und Landespolitik, Ministerpräsident, Bundesminister, Vizekanzler und natürlich Mitglied im Land- und Bundestag. Da läppert sich was, bis Gabriel im November letzten Jahres sein Bundestagsmandat grummelnd niederlegte.

Was läppert sich da? Greifen wir einige Einnahmen aus dem bunten Strauß heraus, den sich ein Berufspolitiker abgreifen und dann in den Vorruhestand mitnehmen kann. Als Bundestagsabgeordneter kassierte Gabriel rund 10.000 Euro. Zwar steuerpflichtig, aber von Rentenbeiträgen befreit. Plus 1.000 im Monat für allgemeine Infrastruktur. Plus 4.400 Kostenpauschale, steuerfrei. Plus freie Fahrt auf dem Boden und in der Luft. Plus 22.200 für Mitarbeiter. Im Monat, klar.

Darauf verzichtet Gabriel nun seit November. Bevor hier ein Aufruf zum Crowdfunding unter dem Slogan „rettet Sigi“ gestartet wird: Da läppert sich noch anderes. Als ehemaliger Minister bekommt Gabriel irgendwas zwischen 4.500 und 11.600 Euro. Ruhestand mit 60, kein Problem, bei der Belastung und der Leistung. Aber das ist noch lange nicht alles. Damit ein Ex-Minister nicht bei der Suppenküche anstehen muss, hat er Anrecht auf ein Übergangsgeld. Nach einem Tag Amtszeit sind das bereits 73.000 Euro. Bei längerer Tätigkeit steigt das auf bis zu 220.000 Euro.

Richtig Kohle verdient man in Ausschüssen

Das Gleiche gilt natürlich auch für ehemalige Abgeordnete. Kommen sie, wegen Abwahl oder eigener Entscheidung, nicht mehr in den Genuss der „Abgeordnetenentschädigung“ – Gehalt wäre da der völlig falsche Ausdruck –, haben auch sie Anrecht auf ein Übergangsgeld von bis zu 171.000 Euro. War’s das? Aber nein, auch Abgeordnete haben natürlich Anrecht auf eine Altersentschädigung. Sonst noch was? Ach, lassen wir die Themen Ministerpräsident, Länderparlament und ein paar andere Kleinigkeiten beiseite. Schauen wir stattdessen in die Zukunft. Was wird Gabriel als Aufsichtsrat der Deutschen Bank kassieren?

Auf den ersten Blick könnte man auch hier eine Spendensammlung starten. Denn das Grundgehalt beträgt 100.000 Euro. Im Jahr. Für den Vorsitzenden der Deutschen Bank beträgt es 200.000. Wieso kassierte dann Paul Achleitner im letzten Jahr 858.000 Euro? An seiner Leistung kann es kaum gelegen haben. Nein, richtig Kohle verdient man im Aufsichtsrat, wenn man auch noch Mitglied in diversen Ausschüssen ist. Und so ein Ausschussvorsitz wird auch schon mal mit zusätzlichen 200.000 im Jahr honoriert.

Sollte Gabriel also planen, in einige dieser Ausschüsse einzutreten und vielleicht noch einen neuen Ausschuss unter dem Namen Popkultur schaffen, verdient er sich problemlos ein mächtiges Zubrot. Dann machen wir doch mal Kassensturz und fragen uns, wie denn die materielle Grundlage dafür aussieht, dass Sigi Pop auch in Zukunft nicht anders denken und handeln wird als zuvor. Was immer er da gedacht und gehandelt hat.

Hat da etwa einer gelacht?

Nachdem er seine politische Laufbahn für beendet erklärt hat, bleibt ihm aus dieser Tätigkeit pro Monat, nun ja, sagen wir mal knapp 10.000 Euro, brutto. Denn diverse Ansprüche werden teilweise miteinander verrechnet. Das kann man vielleicht als Basiseinkommen, als Grundeinkommen für einen ehemaligen Abgeordneten, Ministerpräsidenten, Vizekanzler und SPD-Chef bezeichnen. Aber die schwarze Limousine mit Chauffeur, die Wichtigkeit, die Bedeutsamkeit, der große Auftritt? Nein, dafür reicht das nicht, das würde auch heute noch jedes Führungsmitglied der Deutschen Bank als Peanuts bezeichnen.

Richtig lebenswert wird das Leben erst, wenn noch, na ja, so mindestens 20.000 im Monat, plus hübsches Spesenkonto, am liebsten mit der schwarzen Centurion-Kreditkarte und ohne Limit, draufgesattelt werden. Was verlangt die Deutsche Bank eigentlich für dieses Geld von Gabriel? Will sie damit seine Seele kaufen, will sie ihn einer Gehirnwäsche unterziehen, will sie, dass er nun ganz anders handelt als vorher? Also wirklich, man sollte doch einfach zur Kenntnis nehmen, wie die Deutsche Bank diese Entscheidung begründet:

„Als ehemaliger Umwelt-, Wirtschafts- und Außenminister wird Sigmar Gabriel mit seinem großen Erfahrungsschatz einen besonderen Beitrag leisten und unsere Kompetenz im Aufsichtsrat ergänzen.“ Alles klar? Nein? Also wirklich, wer das nicht versteht, zeigt wieder einmal, dass er ein finanztechnischer Laie ist und von Strategien in der Führungsetage der Hochfinanz keine Ahnung hat. Und bloß keinen Sozialneid: Was immer auch Gabriel verdient, das ist er wert. Einfach so, als Mensch. Als Genosse. Als Arbeiterführer. Moment, hat da einer gelacht? Das verbitte ich mir aber. Etwas mehr Respekt vor dieser Lebensleistung, also wirklich.

Leserpost

netiquette:

Werner Arning / 28.01.2020

Es gibt ja genug abschreckende Beispiele von klugen Köpfen, die ärmlich geendet haben. Dann doch lieber ein kluger Kopf sein, der aus seiner Klugheit Kapital schlägt. Das kann man dem Siggi nicht übel nehmen. Und die Sache mit dem Arbeiterführer vergessen wir mal. Muss man denn alles so genau nehmen? Betrachten wir die Angelegenheit mit etwas rheinischem Frohsinn und freuen uns des Lebens.

Albert Pflüger / 28.01.2020

Der eine verkauft Gas, der andere hilft beim Spekulieren. Da ist man doch positiv überrascht, wenn SPDler mal nicht über Enteignungen, sondern übers Geldverdienen mit positiver Grundeinstellung nachdenken. Können die das eigentlich? Kevin, Eskia und der Borzausel auch?

K.Richter / 28.01.2020

Lupenreiner Sozi, der Siggi! Wo ist eigentlich die dicke Nahles “untergekommen”?

Bernd Ackermann / 28.01.2020

Dem Bürger die “Respektrente”, dem Politiker das “Respekteinkommen”. Ist doch nur gerecht. Und der Siggi bei der Deutschen Bank? Zwei Loser, die sich gefunden haben? Wenn die Genossen ihn nicht mehr mitspielen lassen, muss er sich halt neue Freunde suchen.Vielleicht ist aber auch nur sein Magenband nach oben gerutscht und schnürt jetzt die Blutzufuhr zum Hirn ab.

Gert Köppe / 28.01.2020

So sind sie halt, die Genossen “Arbeiter-Vertreter” der SPD. Immer für die kleinen Leute da. Darum wurde aus Schröder Putins bestbezahlter “Gasmann” und der Siggi tummelt sich bei der Arbeitnehmer freundlichsten “Unterschichten-Bank”, der Deutschen Bank, um nur Gutes für die Menschen zu tun. Eben ein richtiger Sozi, der Siggi. Wenigstens ist er raus aus der Bedeutungslosigkeit. Jetzt kann er wieder mit den großen Hunden pinkeln gehen. Das ist “gelebter Sozialismus”!

Angela Seegers / 28.01.2020

Ich an seiner Stelle würde mir einen schönen Hut aufsetzen, eine Wachstuchjacke und Gummistiefel anziehen und tolle Galloways züchten oder einen Bio Hof aufmachen. Gut fürs Image, für die Kinder, fürs Zeitkonto. Politik und Wirtschaft endgültig Ade sagen erfordert einen wachen Geist und Rückgrat. Er war auf so einem guten Weg, bis Herr Achleitner anklopfte, um ihn zurückzuholen ins dreckige Geschäft des Geldes.

Karla Kuhn / 28.01.2020

“Alles klar? Nein? Also wirklich, wer das nicht versteht, zeigt wieder einmal, dass er ein finanztechnischer Laie ist und von Strategien in der Führungsetage der Hochfinanz keine Ahnung hat. Und bloß keinen Sozialneid: Was immer auch Gabriel verdient, das ist er wert. Einfach so, als Mensch. Als Genosse. Als Arbeiterführer. Moment, hat da einer gelacht? Das verbitte ich mir aber. Etwas mehr Respekt vor dieser Lebensleistung, also wirklich.”  Also von ROT/LINKS zu der “NULL ZINS ELITE?”  Klasse !  Aber wahrscheinlich ist das “PACK”  nur neidisch !  Warum soll denn Gabriel nicht auf so einen Posten gesetzt werden ?? WIE VIEL KOMPETENZ ist denn generell überhaupt vorhanden , auch in der POLITIK ?? Und wieviel MORAL ?? Paßt er da nicht ganz hervorragend dazu ??

Richard Loewe / 28.01.2020

ich weiss nicht, warum die DB Siggi braucht: die DB ist doch auch dort, wohin Siggis Faehigkeiten die SPD gebracht haben.

Robert Korn / 28.01.2020

Och Siggi, du oller “Falke” und “JuSo”. Da habt ihr doch bestimmt auch Lenins “Staat und Revolution” gelesen. Ist ja ein gewaltiges Werk, mächtig inspirierend… Hatte der Lenin doch tatsächlich drin geschrieben, daß jede Tätigkeit für den Staat oder was davon übrig geblieben wäre mit dem “Arbeiterlohn” zu entgelten sei. Echt, ich habs hier vorliegen, in meiner Ausgabe des “Verlags für fremdsprachige Literatur Peking 1971”, S. 62 und 138. Ist ja auch schon eine Weile her… Ja gut, die Arbeiterklasse hat nicht die Macht ergriffen und das alte System mit bewaffneter Faust hinweggefegt. Und der Lenin hat sich ja auch durch Tod den Weiterungen des Umsturzes noch rechtzeitig entzogen. Da kannst Du jetzt ruhig Deine Pensionen verfressen und bei der Deutschen Bank den Affen geben. Geht in Ordnung.

Rolf Mainz / 28.01.2020

Der Fachkräftemangel in Deutschland muss tatsächlich immens sein, wenn man sich anschaut, welche Art von Personalressourcen die Deutsche Bank oder etwa Siemens im Aufsichtsrat offenbar rekrutieren müssen.

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