Dirk Maxeiner / 11.01.2008 / 14:02 / 0 / Seite ausdrucken

Karneval der Knutisierung

Von Maxeiner & Miersch erschienen in DIE WELT vom 11.1.2008

Fasching steht vor der Tür und damit für viele die Frage: Wie soll man sich verkleiden? Pirat oder Pastor? Bin Laden oder Biene Maja? Wir wissen was Besseres. Nach Auskunft von Kostümverleihern ist eine andere Spezies der Renner der Saison: Der Eisbär! Bei E-Bay kann man eine bärige „Vollkopfmaske“ schon für 18,95 Euro erstehen. Wer sich komplett knutisieren will, sollte allerdings zum Ganzkörperfell für 139,95 Euro greifen. Wem das dann doch zu teuer und anstrengend ist, der geht einfach als Sigmar Gabriel und ernennt sich zum Eisbären-Paten. Zeitgenossen, denen das parteipolitisch widerstrebt, verkleiden sich ersatzweise als Markus Söder.  „Es ist absolut herzlos was da abläuft, man hätte die Kleinen retten müssen,“ ließ Bayerns Europaminister verlauten, als die Nürnberger Eisbärin Vilma ihren Nachwuchs verspeiste.

Von einer Art der Verkleidung raten wir dringend ab: Nürnberger Zoodirektor. Noch schlimmer ist lediglich stellvertretender Nürnberger Zoodirektor. „Warum sind sie so herzlos?“ musste ersterer sich von der Bild-Zeitung fragen lassen. Der antwortete: „Natürlich müssen wir damit rechnen als Tierquäler bezeichnet zu werden. Aber die Flaschenaufzucht entspricht nicht den neuesten Erkenntnissen des europäischen Erhaltungszuchtprogramms.“ Und sein Stellvertreter sagte in der Süddeutschen über Eisbärenmütter: „Wenn sie ihre Kleinsten sterben lassen wollen, dann müssen die eben sterben.“ Und dann teilte er der Öffentlichkeit noch mit: „Wir werden alles dafür tun, dass sich die doofe Knutomanie in Nürnberg nicht wiederholt“. Der Aufschrei war entsprechend, genauso gut hätte er in einem katholischen Gottesdienst ein Präservativ aufblasen können.

Nun gibt’s im Nürnberger Zoo nicht nur Vilma sondern auch Vera. Die zog ihr Kleines vorbildlich auf, bis sie von einem Kamerateam gestört wurde, das in unerlaubter Nähe zu ihrer Höhle lärmte. Die Bärin wusste nicht mehr wohin mit ihrem Jungen. Die Zooleitung musste beide trennen und das Jungtier nun doch mit der Flasche aufziehen. Zum Entsetzen der Zoologen schuf der Medienzirkus sich Deutschlands zweiten Knut selbst.

Wenn das mal nicht ausbaufähig ist. Wahrscheinlich wird die Nuckelflasche bald auch in der Arktis Pflicht. Dort treiben sich rund 20 000 der großen Raubtiere herum. Und ein Teil des Nachwuchses überlebt nun mal nicht, er verhungert, wird verstoßen oder gefressen. Kannibalismus ist unter Eisbären durchaus verbreitet. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie das deutsche Grundgesetz nicht gelesen haben. Ein Sprecher der Tierrechtsorganisation PETA ließ jedenfalls verlauten: „Wir lesen die Verpflichtung, den Babys zu helfen, aus dem Grundgesetz ab.“

Herr Söder übernehmen Sie! Nicht nur in Deutschland, sondern überall dort, wo es Eisbären gibt. Wie wäre es mit einer arktischen Peace-Keeping-Mission? Man könnte die beiden bayrischen Bärenbeauftragten an den Nordpol schicken. Die sind doch arbeitslos, seit der Sache mit Bruno. Überhaupt: Die Welt-Eisbärenpopulation sollte als Ganze von Deutschland adoptiert werden. In diesem Zusammenhang schlagen wir arktische Erziehungscamps und Warnschuss-Arrest für Eisbären Rabenmütter- vor.  Und in deren Mitte könnte man vielleicht das Knut-Pressecorps internieren.

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