René Zeyer, Gastautor / 08.04.2019 / 16:00 / Foto: Pixabay / 6 / Seite ausdrucken

Kapitalismus auf Kubanisch

Luxus hat sicherlich auch etwas mit exorbitanten Preisen zu tun. Wohlan, wie wäre es mit einem privaten oder staatlichen Restaurant, in dem ein Abendessen für zwei Personen, die nicht über die Stränge schlagen, zwei durchschnittliche Monatsgehälter kostet? Das wären in Deutschland – laut Statistik – netto zweimal 1.900 Euro. Also kleine Vorspeise, zweimal Hauptgericht, zweimal Kaffee, und zur Begleitung zwei Bier. Danach, man gönnt sich ja sonst nichts, zwei Tragitos, zweimal Rum. Würde umgerechnet in Deutschland 3.800 Euro kosten. In Kuba kostet das 60 CUC, die Zweitwährung, bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 30 CUC. Wobei ein CUC ungefähr gleich viel wert ist wie ein Euro. Diese Währung wird eigentlich nur beibehalten, damit der Kubaner nicht erschrickt, wenn der Preis in Pesos angegeben wird, der eigentlichen Nationalwährung: Dann wären es nämlich 1.500 Pesos.

Gut, bei solchen Preisen ist es vielleicht vernünftiger, zu Hause zu bleiben und selber zu kochen. Nur: Womit? Selbst fundamentale Bestandteile jeder kubanischen Küche wie Speiseöl, Huhn, Brot oder Mehl sind nur schwer zu bekommen oder zu unerschwinglichen Preisen. Ein Kilo Rindfleisch auf den Sonntagstisch stellen? Nun, in der Metzgerei im Einkaufszentrum Carlos III im Zentrum Havannas kostet das Kilo 20 CUC. Also zwei Drittel eines Monatsgehalts, also locker 1.270 Euro. Gut, auf einer Insel sollten dann aber Meeresfrüchte erschwinglich sein, die könnte man ja auch selber fischen.

Zunächst: Nein. Fischen ist nur mit staatlicher Lizenz erlaubt. Das Fangen von Meeresfrüchten wie Langusten oder Schrimps ist verboten. Das Benützen eines Bootes ist verboten – es sei denn, der Fischer fängt frische Fische und Langusten für den Staat. Gut, dann kann man Langusten doch sicher in den Staatsläden kaufen. Im Prinzip ja, kann man mit Radio Eriwan sagen. Zum Beispiel kosten zwei Kilo tiefgefrorene Garnelen fast 80 CUC. Dafür sind sie auch aus Argentinien importiert, obwohl das Meer um Kuba von Fischen, Langusten und Garnelen fast überquillt.

Fahrende Aschenbecher

Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Gibt es noch weitere Luxusprodukte auf der letzten Insel des Sozialismus? Oh ja, Autos. Nein, damit sind nicht die Oldtimer gemeint, die mit unendlicher Liebe, kubanischer Improvisationskunst und genialem Engineering am Leben und am Laufen gehalten werden. Dass es die bis heute gibt, hat einen ganz profanen Grund. Jeder, der vor 1959, dem Jahr des Triumphs der Revolution, Besitzer eines Autos war, durfte es behalten. Außer, er flüchtete oder hatte Dreck am Stecken. Dann wurde das Gefährt nationalisiert, also einem verdienten Genossen übereignet.

Aber: Nach 1959 durfte der Besitzer den Wagen zwar fahren, aber nicht verkaufen. Das wäre ja zu kapitalistisch gewesen. Nur – die Schlitten sind wirklich langlebig – vererben, das ist erlaubt. Wie kam dann ein Kubaner zu einem Auto? Die einfachste Antwort wäre: gar nicht. Autos waren lange Jahre eine Prämie, die verdienten Genossen nach einem Auslandseinsatz oder jahrelanger herausragender Arbeit verliehen wurde. Meistens handelte es sich um einen Lada aus sowjetischer Produktion, für kleinere Verdienste gab es einen Polski, den Nachbau des fahrenden Aschenbechers Cinquecento von Fiat. Auch diese Autos durften natürlich nicht verkauft, aber vererbt werden.

Hilfreich war in diesen Zeiten des strammen Sozialismus allerdings, dass fast alle Staatsfirmen über eine Wagenflotte verfügten. Die konnte für private Zwecke umfunktioniert werden. Ideal war dann, dass ab 1990 – nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers – viele Staatsfirmen die Tätigkeit einstellten. Mangels Nachschub, mangels Ersatzteilen, mangels allem. Aber auf dem Papier existierten sie weiterhin, samt ihren Angestellten, die auch weiterhin – denn im Sozialismus gibt es ja keine Arbeitslosigkeit – für Nichtstun ihren Lohn erhielten. Und mit wichtiger Miene in den fabrikeigenen Autos Familienausflüge unternahmen. Bis die dann, mangels Ersatzteilen und Unterhalt, den Geist aufgaben.

700 Jahre sparen für einen Peugeot

Nun könnte man meinen, dass man doch schließlich Autos importieren könnte, wenn einem der Staat schon keine verkaufen will. Auch da gilt: im Prinzip nein. Denn der Staat legt großen Wert auf sein Import- und Exportmonopol. Wie kam dann früher ein Ausländer zu einem Auto, wenn er aus geschäftlichen oder anderen Gründen offiziell auf der Insel lebte? Ganz einfach, da gab es nur einen einzigen riesigen Freiluftparkplatz der Staatsfirma Cubalse. Das ist die Abkürzung für „Kuba im Dienst der Ausländer“. Das war allerdings leicht übertrieben. Der Dienst bestand auf diesem Parkplatz, auf dem hunderte von Autos in verschiedenen Stadien des Zerfalls vor sich hinrosteten, darin, dem Ausländer die freie Wahl zu lassen. „Zurzeit haben wir diesen Lada im Angebot. Richtig, nur diesen.“ Die Wahl bestand dann darin, stolze 6.000 Dollar für einen Lada Baujahr anno Breshnjew auszugeben – oder es zu lassen.

Aber auf dem Weg zur Perfektionierung des Sozialismus hat der kubanische Staat in seiner unendlichen Weisheit und Güte vor wenigen Jahren den Kauf und Verkauf von Autos freigegeben. Völlig. Jeder Kubaner darf sich ein Auto kaufen. Jeder Kubaner darf ein Auto verkaufen. So er kann und hat. Hier spielt nun auch im Sozialismus ein urtypisches kapitalistisches Prinzip. Kleines und gleichbleibendes Angebot, ständig steigende Nachfrage: Die Preise steigen in den Himmel. Dem wollte der Staat natürlich Einhalt gebieten, also begann er mit dem Import von Autos und bot sie der Bevölkerung zum Kauf an.

Wer allerdings bislang meinte, ein Mittelklassewagen von Peugeot, Baujahr 2016, sei ein Wagen für den Mittelstand, täuscht sich wieder gewaltig. Vor der Peugeot-Vertretung in Havanna bildeten sich Trauben von Kubanern. Die fluchten und packten den gesamten, umfangreichen Wortschatz an Schimpfwörtern aus. Denn dieser Mittelklasse-Peugeot wurde zum Schnäppchenpreis von 250.000 CUC angeboten. Das ist kein Tippfehler, das sind umgerechnet fast 250.000 Euro. Oder, ein Kubaner müsste rund 700 Jahre lang sein gesamtes Einkommen sparen, um sich das leisten zu können. Aber er müsste ja gleichzeitig auch von etwas leben, und trotz des vielgelobten kubanischen Gesundheitssystems: 700 wird keiner. Nachdem der Unmut in der Bevölkerung ungesunde Ausmaße erreicht hatte, zog der Staat in seiner anhaltenden Weisheit dieses Angebot zurück. Seither ist es „in Überprüfung“. Also weg.

Dekadenz dank Illegalität

Aber es muss ja nicht unbedingt ein fast neuer Peugeot sein, man kann doch auch bescheidener anfangen, also beispielsweise an einen gebrauchten Polski oder Lada denken. Sicher, auch die gibt es im Angebot. Allerdings: Fährt der Polski noch mit eigener Kraft vom Platz und explodiert dabei nicht, ist – unabhängig von seinem Jahrgang – ein Einstiegspreis von 20.000 CUC fällig. Selbst Ruinen werden für tausende von CUC verkauft, solange sie ein gültiges Nummernschild haben. Denn ein solches zu ergattern, wäre dann noch eine andere Geschichte.

Wer also denkt, Protzerei fängt mit einem Lamborghini oder einem Porsche an, sollte in Kuba umdenken. Wer dort einen Jeep selbst älterer Bauweise fährt, sitzt am Steuer von mindestens 80.000 Euro. So viel ist beispielsweise ein Nissan Terreno, Baujahr 1992, heute wert. Abgenützt, ausgeleiert, aber fährt und hat ein offizielles neues Nummernschild. Das ist entscheidend, nicht der Zustand.

Nun mag sich der Leser fragen, der sich in den Sitten und Gebräuchen im Sozialismus nicht richtig auskennt: Wenn es ein paar hundert Jahre eisernes Sparen bräuchte, um sich einen fahrbaren Untersatz leisten zu können, dann sind die angeführten Preise ja gut und schön, aber im Kapitalismus haben wir gelernt, dass eine Sache nur so viel wert ist, wie auch tatsächlich bezahlt wird. Toll, wenn ein stolzer Besitzer eines halb verrosteten Polski dafür 20.000 Euro will, aber wer kann das denn bezahlen? Ganz einfach: Alle Kubaner, die Verwandte im Ausland haben. Und alle Kubaner, die mit legalen oder illegalen Geschäften genügend Geld verdienen. Die können dann auch – der Gipfel der kapitalistischen Dekadenz – einen zugegebenermaßen großen Laib Käse für – schluck – 807,5 CUC kaufen.

Allerdings, das ist das Merkwürdige am kubanischen Weg zum Kommunismus: Alle Kubaner, die noch tapfer für den Staat arbeiten, mit revolutionärer Gesinnung milde Gaben aus dem Ausland oder von Touristen als Beleidigung zurückweisen, also alle, die mit Überzeugung „socialismo o muerte“ rufen und sich bis heute nicht überlegt haben, wo denn da eigentlich der Unterschied liegt: Alle die können sich kein Auto leisten. Nicht mal ein anständiges Abendessen in einem Restaurant. Und auch keinen Rindsbraten, keine Languste. Und auch kein Smartphone, mit dem weniger revolutionär gestimmte Kubaner all diese Wahnsinnspreise abfotografieren und inzwischen ins Netz stellen.

Foto: Pixabay

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Albert Pflüger / 08.04.2019

Ach, wie romantisch! Wenn es so gar nichts Materielles gibt, blüht bestimmt die Liebe umso mehr, und die Menschen sind nicht vereinsamt, sondern halten zusammen und helfen sich gegenseitig. Gut dran sind hübsche junge Frauen, haben sie doch die Freiheit, sich an Revolutionär gesinnte linke Touristen zu prostituieren. Dazu braucht man nichts weiter, solange der zarte Schmelz der Jugend Schminke unnötig macht- aber halt, die kann man dann ja auch bezahlen. Irgendwie richtig vorrevolutionär. Allerdings waren damals die Geschäfte noch nicht so leer. Da es schon so lange so geht, kommen die Kubaner bestimmt viel besser zurecht, als die Venezuelaner. Sie können auch schwerer flüchten, wegen der Insellage. Sonst wären die meisten schon in Miami.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
René Zeyer, Gastautor / 04.03.2019 / 14:00 / 4

Kuba: Der real existierende Surrealismus

Wenn Rechtsstaatlichkeit fehlt, nimmt Willkür ihren Platz ein. Bis heute werden Privatinitiativen, Kleinunternehmertum auf Kuba zwar geduldet, aber sind den immer noch existierenden ideologischen Hardlinern…/ mehr

René Zeyer, Gastautor / 20.02.2019 / 12:00 / 28

Venezuela und das dröhnende Schweigen der Linken

„Guaidó ist eine Marionette von Donald Trump. Maduro ist der legitime Präsident.“ Eines muss man dem 85-jährigen Jean Ziegler, dem Schweizer Bestsellerautor, lassen: Er bleibt…/ mehr

René Zeyer, Gastautor / 07.09.2018 / 12:00 / 66

“Die sollten dringend ihre Medikamente nehmen”

Von René Zeyer. Der Spiegel weiß es mal wieder ganz genau: "Wer die AfD wählt, wählt Nazis." Die ansonsten zurückhaltende Frankfurter Allgemeine Zeitung beobachtet einen "Lynchmob",…/ mehr

René Zeyer, Gastautor / 23.04.2014 / 10:23 / 4

So demokratisch wie Nordkorea

Rene Zeyer 380 Millionen Wahlberechtigte wählen 751 Abgeordnete aus 28 Ländern. Weltweit einmalig. Und ungefähr so wirkungsvoll wie die letzten Parlamentswahlen in Nordkorea. Kennt jemand…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com