Gerald Wolf, Gastautor / 15.06.2018 / 17:00 / Foto: Pixabay / 2 / Seite ausdrucken

Kant und der Burkini für den Verstand

Sapere aude! („Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“). Eigentlich ein Widerspruch in sich: Immanuel Kant, der große Denker, verlangt von uns, wir sollen selber denken und nicht Andere für uns denken lassen, er aber, er denkt für uns und gibt uns obendrein noch eine Denkanweisung! Mehr als 200 Jahre ist das mit seinem „Sapere aude!“ her, wörtlich übersetzt mit „Wage, weise zu sein!“. Kant hatte etwas viel von uns verlangt, aber versuchen sollten wir schon, ihm wenigstens ein bisschen entgegenzukommen. Jeder auf seine Weise. 

Kants Aufruf wurde zum Leitspruch der Aufklärung. In der Folge waren die Dichter und Denker überzeugt, dass sich die Hauptprobleme des menschlichen Zusammenlebens lösen lassen, wenn sich ihrer eine kritisch gestimmte, vernunftorientierte Öffentlichkeit annimmt. Freiheit vorausgesetzt.

Zwar hat der Verstand durch Erkenntnis der Natur, von uns selbst wie auch von unserer Gesellschaft, ständig hinzugewonnen. Die Techniken, mit denen die Natur und der Mensch zu begreifen und zu beherrschen sind, wurden immer raffinierter, ebenso die, mit denen die Folgen der Technik zu meistern sind, und die Folgen der Folgen. Indes die Weisheit, die blieb über weite Strecken auf der Strecke. Die Kriege wurden immer verheerender und die Opferzahlen ständig größer.

Probleme traten zutage, die es vordem gar nicht gab. Und das alles durch und mit Menschen, die zunehmend aufgeklärter und freier wurden. Freiheit, was eigentlich ist das, fragt unser Verstand. Jeder glaubt, es zu wissen, aber keiner weiß es zu sagen. Vor allem dann nicht, wenn er versucht, darüber tiefer nachzudenken. Freiheit wovon, Freiheit für wen und gegen wen? Ist „Freiheit“ etwa nur eine Begriffs-Hure, von Politikern nach Belieben eingesetzt, wenn sie um unseren Zuspruch buhlen?

Löcher im Verstand 

Und der Verstand, so muss er sich selbst fragen, was ist aus ihm geworden? Jahr für Jahr erscheinen weltweit allein auf naturwissenschaftlich-medizinischem Gebiet über eine Million Originalarbeiten (sogenannte Papers), davon (im Jahre 2017) 84.990, die den Begriff „brain“ (Gehirn) enthalten! Was sich zur selben Zeit in Wissenschaft und Technik insgesamt ereignet hat, weiß niemand zu messen, kann niemand auch nur erahnen, geschweige denn verstehen. „Sapere aude!“ – ja wie denn, wenn der Verstand nicht ausreicht? Jedenfalls nicht der des Einzelnen, und an den hatte sich Kant gewendet.

Das Verständnis dieser für uns Einzelne völlig unverständlichen Welt ist, wenn überhaupt, nur noch kollektiv zu meistern. Teams von Experten sind gefragt: Wissenschaftler, Praktiker, Erfinder, Tüftler, Politiker, Journalisten, Philosophen und andere Denker. Ihr Verstand muss ran, wenn wir wissen wollen, woher die subatomaren Teilchen ihre Masse bekommen, Fachleute sind gefragt, wenn der Computer spinnt, das Auto streikt, die Gesundheit abhanden kommt, wenn unser Erspartes dahinschmilzt, neuartige Pflanzenschädlinge oder Antibiotika-Resistenzen auftauchen oder die Vermehrung der Menschheit aus dem Ruder läuft. Spezialisten müssen ran, wenn Menschen Menschen bedrohen, beklauen, ermorden, wenn Drogen zum Problem werden, der Rücken schmerzt oder der Kopf. Auch dann, wenn für den Einzelnen das Leben zu Ende geht.

Experten bieten sich an, wenn sich Unbehagen an der Welt breitmacht, das Wetter von morgen oder das der nächsten Woche vorhergesagt werden soll. Oder das Klima in 20 oder 50 Jahren. Überall sind sie, und überall drängen sie sich auf, die Experten: im Fernsehen, in der Zeitung, in der Werbung, in Vorträgen und Seminaren, ja selbst am Küchentisch. Nicht länger haben dort die Eltern das Sagen oder die Großeltern, nein, die Jungen sind‘s, die Pubertierenden, die sich als Welterklärer aufspielen. Und das mit Halbverstandenem, das sie irgendwo aufgeschnappt haben, in der Schule, im Internet, durch Freunde. Es scheint, dass uns die Anderen um den Verstand bringen, denn die, die wissen alles besser. Viel, viel besser. Nur eben, dass sie sich untereinander nicht grün sind, all diese Bescheidwisser, einfach weil sie alles viel besser wissen als die anderen Besserwisser.

Koryphäen, bloß nicht!

Fragen Sie mal eine dieser Koryphäen, was die wichtigsten Probleme für die Fortexistenz der Menschheit sind. Oder wie viele Menschen die Erde zu tragen vermag. Es wird immer enger auf unserem Planeten, dennoch reden die Politiker kaum noch von Überbevölkerung. Warum? Viel lieber reden sie davon, dass Gen-Mais gefährlich ist, überhaupt die Grüne Gentechnik, selbst wenn das Experten in anderen Ländern ganz anders sehen. Auch in Deutschland, aber heimlich nur, sie hängen am Tropf der schönen Fördergelder. Was macht Klimatologen so sicher, dass das CO2 der Klimakiller Nummer eins ist? Nicht wenige glauben, für die Erderwärmung ganz andere Faktoren zu erkennen.

Es ist hier, wie in all den anderen Fällen: Wer stets und ständig seine Ansichten in aller Öffentlichkeit wiederholt und andere dabei ausklammert oder gar verunglimpft, hat schließlich recht. Auch wenn er nicht recht hat. Und die Empfänger all dieser Botschaften, das „einfache“ Volk? Anstelle von Selberdenken lässt man es halt denken. Woher auch sollte man als Einzelner all das Wissen beziehen, das man braucht, um Kants „Sapere aude!“ zu befolgen? Verstandesmangel ist es nicht, aber wie sich seines Verstandes in dieser immer komplizierter werdenden Welt bedienen?

Was dem Einzelnen bleibt, sind Fragen. Sofort aber taucht es wieder auf, das Problem: Eine Frage an zehn verschiedene Fachleute macht fünfzehn verschiedene Antworten. Und diese scheinen alle richtig zu sein. Hören Sie mal in Talk-Runden hinein: Jeder, der gerade spricht, hat recht, irgendwie jedenfalls. Wenn die Nächsten drankommen, behaupten die etwas anderes, mitunter das glatte Gegenteil und: Sie haben ebenfalls recht! Allerdings sind die vielen Antworten immer noch besser als gar keine, und wenn wir genau zuhören, schärft dies unser eigenes Urteil.

Leider handelt es sich bei solchen Talks um Einbahnstraßen. Wir, die da am Bildschirm, wir hören zu, werden aber nicht gehört. Natürlich können wir zu Informationsveranstaltungen gehen und dort fragen. Mit etwas Glück nimmt man uns auch dran. Bloß zu fragen ist nicht weiter heikel, wenn es sich zum Beispiel um Naturwissenschaften handelt oder um Medizin oder Technik. Anders, wenn die Fragen politischer Art sind und womöglich als arglistig oder als absichtsvoll arglos aufgefasst werden könnten, nämlich gegen den sogenannten Mainstream gerichtet.

Die Fragen purzeln nur so

Etwa: Was ist Religionsfreiheit und wo hat sie zu enden? Wo bleibt die Entrüstung der christlichen Kirchen, wenn ihre Glaubensschwestern und -brüder zu tausenden und abertausenden verfolgt, gar massakriert werden, weil sie nicht den „richtigen“ Glauben haben? Was können die Kirchen tun, wenn sie nicht länger ganz, ganz leise sein wollen? Vielleicht das Licht ausmachen, so wie sie es auf den Plätzen vor ihren Kirchen tun, um sich über Entrüstete zu entrüsten? Und was unternehmen die Islam-Verbände, wenn ihre Glaubensbrüder und -schwestern ihre Glaubensbrüder und -schwestern umbringen? Oder auch bloß Nicht- oder Andersgläubige? Überhaupt, welche Rolle wird der religiöse Fanatismus in den nächsten zehn, zwanzig Jahren spielen, in der Welt und bei uns in Deutschland?

Einmal mit der Fragerei angefangen, purzelt es nur so: Warum werden trügerische Werbeversprechen der Gesundheitsindustrie nicht als kriminell verfolgt? Wird Deutschland in der Weltwirtschaft noch in zwanzig Jahren eine bedeutende Rolle spielen? Wenn ein Nein droht, was machen wir falsch? Darf das Prinzip der beruflichen Eignung durch Quotenregelungen ausgehebelt werden? Dürfen Leistungsträger durch jene übertrumpft werden, die von ihnen leben? Gibt es überhaupt noch Faulheit oder nur noch Motivationsstörungen? Was passiert mit unserem Euro? Sind die Nicht-EU-Länder weniger europäisch? Wer von den Politikern steht für seine Fehlentscheidungen gerade – morgen, in zehn Jahren, in zwanzig?

Und weiter rumort es in unserem Verstandesgehäuse: Was eigentlich sind Gender-Typen, gibt es tatsächlich hunderte oder gar tausende, wie die privilegierte Gender-Forschung herausgefunden haben will? Welche Rolle spielen die Gene bei der Ausprägung der Intelligenz, der von sonstigen Persönlichkeitsmerkmalen und bei den jeweiligen Angehörigen und Verwandten? In welchen Schulen bringen die Politiker ihre Kinder und Enkelkinder unter? In ganz normalen, auch in Klassen mit mehrheitlichem Migrationshintergrund? Haben die Deutschen noch ein Recht auf nationale Identität, auf Patriotismus gar? Trotz Auschwitz, trotz der Abermillionen Toten im 2. Weltkrieg, trotz des unsäglichen Leides, das sie damals in die Welt getragen haben? Sollten wir ... – O Gott, erspar uns die Fortsetzung!

Fehlgeleiteter politischer Verstand muss umüberzeugt werden

Eigentümlicherweise gibt es in Hinblick auf die Verteilung der Verstandesgaben wenig Zwist. Weithin ist man mit der Zuteilung zufrieden. Ganz anders als bei der von Glück oder Gesundheit oder von Vermögen, Entfaltungsmöglichkeiten oder – bei Menschen, die so was brauchen – Macht. Menschen, die Macht haben, tendieren dazu, den Anderen, die sie nicht haben, einzureden, dass sie die Macht ja nur in deren Interesse ausübten. Sie selber, so appellieren sie an den Verstand der Machtlosen, hätten nichts davon, nur Arbeit und Ärger. In Demokratien wie der unsrigen hier in Deutschland definieren die Mächtigen ihre Macht sehr gern als Instrument, das sie im Dienste des Gemeinwohls anwenden. Dem entsprächen alle die Strömungen, die sich im Hauptstrom der Gesellschaft, dem „Mainstream“, zusammentun.

Quertreiber, die in diesem Strom nicht mitpaddeln oder gar ihm entgegenpaddeln wollen, richten sich – logischerweise, so die Mächtigen – gegen das Gemeinwohl und müssen zum Einlenken bewegt werden. Durch Aufzeigen, wie fehlgeleitet ihr politischer Verstand ist und durch entsprechendes Umüberzeugen. Erforderlichenfalls, wenn bei Massenerhebungen die Nebenströme den Hauptstrom so bedrängen, dass sie seine Dominanz bedrohen, ist aus allen zur Verfügung stehenden medialen Rohren zu feuern. Statt mit Argumenten zur Sache (schwierig, oft Erfolgsumkehr!) weit wirkungsvoller mit Diffamierung, durch Verwendung politischer Popanz-Begriffe etwa, durch Massendemonstrationen beziehungsweise Massengegendemonstrationen, zur Not auch durch den Einsatz von Gewalt der Straße. 

Ein großer Teil der Bürger wird seinen bürgerlichen Verstand einsetzen, der ihm rät: ducken, nicht mucken! Aber still vor sich hingrübeln wird er. Zum Beispiel im Sinne des Kantschen Auftrags. Allerdings diesen wohl doch lieber als Frage gedacht: Selber denken? Sapere aude? Wozu?

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Leserpost (2)
Cornelia Weyhmann / 15.06.2018

Ein wahnsinnig guter Artikel, den ich tatsächlich zweimal gelesen habe, um auch die scheinbar leicht hingeworfenen Facetten zu erfassen: alles verblüffend wahr und klar. Besonders gut gefällt mir das neue Wort ‘‘Umüberzeugung’’ .... Ein großer Dank dem klugen Autor.

Thorsten Helbing / 15.06.2018

Sehr schön. Danke dafür! Weshalb? Wohin? Und neudeutsch: Was tun? Diese Fragen stelle ich mir mittlerweile täglich. Wäre Kant ein Zeitgenosse, was würde er sagen? Sapere aude. Denke tue? Ausführlicher: Denke nach,  Überdenke und führe das Ergebnis aus? Während mein Kollege und ich unserer Arbeit nachgingen - gemeinsam, stellte ich ihm spontan mir einfallend und mit angrenzend hundert prozentiger Sicherheit in überfordernd folgende Frage: „Denkst du das dein Leben in 10-20 Jahren noch genauso verläuft und das der Status Quo Bestand hat?“ Niemals zuvor war ich mir sicherer das mein Kollege mit jeder Frage oder Aktion gerechnet hat - wahrscheinlich hat er mit gar nichts gerechnet und war im Gedanken weit weit weg, DIESE Frage warf ihn sichtlich aus der Bahn. Er hofft in ungefähr 6-8 Jahren in Rente gehen zu können. Das ist sein Antrieb, darauf arbeitet er sozusagen hin. Sein Umfeld, das ist Komplett ausgeblendet, ob bewusst oder unbewusst sei unbeantwortet. Welche Masse ein Elementarteilchen besitzt und warum eigentlich, diese Fragen wird dieser - wirklich sehr nette und zuvorkommende - Kollege niemals stellen. Für ihn sind andere Strukturen wichtig, seine ihn ganz persönlich Betreffenden. Das akzeptiere ich. Für das Fortkommen unserer Spezies sehe ich allerdings schwarz, denn ein Experte ist nur dann zu Rate ziehbar, solange er physisch auf diesem Planeten weilt. Wissen ist vergänglich, und selbst zu Lebzeiten scheinen wir aus der Vergangenheit gelerntes einfach der Zeit zu überlassen, sogar willentlich zu verblassen. Weshalb? Da müssen Sie Kant fragen, vielleicht weiß er Antwort.

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