Volker Seitz / 06.10.2018 / 15:00 / Foto: Lawrence Jackson / 9 / Seite ausdrucken

Kamerun wählt morgen alles, was in Afrika schief läuft

Am 7. Oktober finden in Kamerun Präsidentschaftswahlen statt. Der amtierende Paul Biya (85) kandidiert erneut, mit den besten Aussichten, wiedergewählt zu werden.

Biya ist seit 36 Jahren an der Macht. Eine gemeinsame Debatte über wichtige Fragen findet nicht einmal in der Regierung statt. Es gibt nämlich so gut wie keine Kabinettssitzungen mit dem Präsidenten. Der will offensichtlich keine Demokratie. Er hat ein informelles Subsystem von Personenbeziehungen aufgebaut, das seiner Machtausübung und Machtsicherung dient. Minister oder Präfekte erfahren ihre Ernennung oder Absetzung – zur selben Zeit wie alle Bürger – durch das staatliche Fernsehen CRTV. Sie wurden zuvor nicht einmal gefragt. Zu Reformen sagt Biya mit Blick auf die Entwicklungshilfegeber regelmäßig ja, ohne sie anwenden zu wollen.

Biya ist gesundheitlich angeschlagen. Trotzdem ist er fest entschlossen, das Land weitere sieben Jahre zu regieren. Er führt Kamerun mehr schlecht als recht. Während seiner Amtszeit hat er seit 1982 viereinhalb Jahre (1.645 Tage) im Ausland verbracht und 65 Millionen Euro an Reisespesen ausgegeben (vergleiche Achse 1.3.2018). Kamerun wird seit Ende 2016 von schweren Unruhen im englischsprachigen Teil erschüttert. Wirtschaftskrise, Massenflucht und der blutige Konflikt im anglofonen Teil mit etwa tausend Toten lähmen das westafrikanische Land. Die brutale Vorgehensweise auf beiden Seiten produziert Flüchtlinge und Vertriebene. Die radikalsten Gruppierungen in Kameruns Süd- und Nordwesten fordern, dass die Region zum eigenen Staat Ambazonien wird. Statt Dialogbereitschaft zu zeigen, setzt das Regime auf militärische Repression.

Die EU wird das „freie und faire“ Wahl-Ergebnis hinnehmen

Die Denkfabrik International Crisis Group analysiert die Lage: „Die überzogene Zentralisierung der Regierungsführung in Kamerun ist eine der Grundursachen für die aktuelle Lage. Für die Menschen im englischsprachigen Teil des Landes ist diese schlechte Regierungsführung, gerade auch in der Wirtschaft, einer der Auslöser für ihre Forderungen gewesen. Einschränkend muss man sagen, dass die Anglofonen immer denken, die Lage sei nur bei ihnen schlecht. Und dass sie schlecht sei, weil sie als Anglofone gezielt benachteiligt würden. Sie reisen einfach nicht genug in andere Landesteile Kameruns. Der Norden ist viel ärmer als der englischsprachige Teil. Das gilt auch für bestimmte Gebiete im Osten Kameruns.“

Paul Biyas autoritärer Führungsstil stößt nicht nur in der englischsprachigen Region auf Protest. Viele junge Kameruner, auch aus dem größeren frankofonen Teil, sind arbeitslos und schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch oder versuchen, nach Europa zu kommen. Ohne eine soziale Angleichung droht Kamerun zu zerbrechen. Dennoch werden Deutschland und die EU – auch im Namen der „Entwicklungszusammenarbeit“ – das „freie und faire“ Wahl-Ergebnis auch diesmal hinnehmen – egal wie es zustande kommt. Sie werden höchstens von ein paar Unregelmäßigkeiten reden. Sie sehen trotz einer verbreiteten Unzufriedenheit über Biyas Amtsführung und der Ungewissheit über den Gesundheitszustand seine Wiederwahl als „Stabilität“.

Biya steht für all das, was in Afrika gründlich schiefläuft.

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe erschien im September 2018. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

Foto: Lawrence Jackson Flickr via Wikimedia Commons

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Leserpost (9)
Georg Förster / 06.10.2018

Lieber Volker, es sind nicht die radikalsten Gruppen die in Westkamerun einen eigenständigen Staat Ambazonien ausrufen wollen sondern die Mehrheit der dortigen Bevölkerung möchte sich dort endlich von dem Staat loslösen dem sie eher unfreiwillig 1961 beigetreten sind. Die Ursache des Konflikts liegt in der fehlgeschlagenen Entkolonisierung der Southern Cameroons und der anschließender Annektion und völkerrechtswiedrigen Übertragung der Souveränität auf die Republik Kamerun. Das wird in der Debatte überhaupt nicht thematisiert. Alles dreht sich nur um die Effekte dieser Krise. Wenn es sich nur um eine kleine unbedeutende Gruppe von “Separatisten” handeln würde hätte die gut ausgebildete und ausgerüstete kamerunische Armee sie schon längst zerschlagen. Nein die bewaffneten Gruppen werden von der anglophonen Bevölkerung voll unterstützt. Sie sind Teil von ihr. Natürlich spielen wirtschaftliche Interessen in dem Konflikt eine große Rolle. Ein großer Teil des kamerunischen BIP wird in den anglophonen Regionen erwirtschaftet. Noch wichtiger die Dollar Devisen aus Erdöleinnahmen um den Staatshaushalt zu finanzieren. Sie stammen zu 100% aus Westkamerun / Ambazonien. Angeblich wurden allein dieses Jahr 300 Millionen Dollar daraus schon wieder veruntreut.

E. Stella Burke / 06.10.2018

einfach Danke ! für Ihre Informationen. und dass Sie unbeirrbar weitermachen . Migration ist ja - wie wir inzwischen durch die UN wissen - absolut gewollt (triple.win); es geht ja keinesfalls um Mitmenschlichkeit oder Hilfe für Notleidende , auch die Arbeitskräfte sind nicht vorrangig wichtig (Arbeit wird zunehmend technisch - Roboter - übernommen) -  erforderlich + gewollt dürften Konsumenten-Steuerzahler- Wähler (Stimmvieh)  sein . das sollen die Migranten als beliebig manipulierbare entwurzelte Menschenmasse wohl richten.

Caroline Neufert / 06.10.2018

36 Jahre, da können wir uns in Deutschland ja noch freuen

Heinrich Rabe / 06.10.2018

“Biya steht für all das, was in Afrika gründlich schiefläuft.”. Und für eine Afrikapolitik des Wegsehens, Schönredens und mit Ansage wirkungslosen Entwicklungshelfens, die Europa und Deutschland weiterhin stur betreiben und mit “Entwicklungshilfe” noch unterstützen. Sarkastisch könnte man sagen, daß Europa in der Tat selbst für die Millionen von Migranten verantwortlich ist, die aktuell nach Europa drängen. Die Ursache sind allerdings nicht Kolonialismus oder Rassismus, sondern postkoloniale Naivität, gesinnungsethische Realitätsverweigerung und wissenschaftliche Blindheit der europäischen Afrikapolitik.

Hubert Bauer / 06.10.2018

Wahrscheinlich wird Merkel auch noch mit 85 Jahren Deutschland regieren.

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