Felix Schnoor, Gastautor / 03.08.2014 / 09:10 / 2 / Seite ausdrucken

Judenrein und dennoch besetzt

Felix Schnoor

In der Aktuellen Stunde des WDR wurde am 1. August über den Krieg im Nahen Osten zwischen Israel und der Hamas berichtet.

Zunächst wurde standesgemäß auf die im Vergleich zu Israel geringe Größe des Gazastreifens verwiesen: Er sei so groß wie Köln. Damit wurde eine Gemeinsamkeit erwähnt zwischen der Domstadt und Gaza. Vorsichtshalber wurde es unterlassen, weitere Vergleiche anzustellen, oder sogar Unterschiede anzuführen. Die mit betroffener Miene dreinblickenden Moderatoren hätten durchaus erwähnen können, dass Schwulenbars in Gaza eher eine Rarität sind, da deren Betreiber und deren Gäste im Nu hingerichtet werden würden. Aber dafür kann man schwerlich Israel verantwortlich machen, insofern wurde dann auch schnell auf etwas anderes eingegangen, nämlich auf das Scheitern der geplanten 72-stündigen Waffenruhe.

Der Regierungssprecher Israels wird in dem folgenden Beitrag interviewt. Er sagt, dass die Hamas die Waffenruhe beendet hätte, indem sie nach nur einanhalb Stunden nach Beginn der Waffenruhe das Feuer auf israelische Streitkräfte eröffnet und sogar einen IDF-Soldaten entführt hätte. Israel habe dann zurückgefeuert.

An diesen letzten Satz knüft der Sprecher dieses Beitrag an: “...und beendete damit jede Hoffnung auf ein Ende des Sterbens der Zivilbevölkerung”. Israel hat also nach Meinung des WDR sämtliche Hoffnungen zerstört. Nicht die Hamas. Es erinnert ein wenig an eine Schlagzeile von Focus-Online aus dem Jahr 2012: “Weiter Raketen auf Israel – aber Waffenruhe hält vorerst”.

Es folgt eine Einschätzung des Islam-Lobbyisten Michael Lüders, den Tagesschau-Zuschauern auch als “Nahostexperte” bekannt. Dieser beschreibt das Ziel Israels darin, den Gazastreifen zu entmilitarisieren, während das Ziel der Hamas darin bestünde, die Blockade zu beenden, “damit die Menschen nicht länger wie in den letzten sieben Jahren in einen Freiluftgefängnis leben müssen”.

Das ist ja wirklich nett von der Hamas, wie sie sich für die Menschen im Gazastreifen einsetzt. Nur Unmenschen könnten nach dieser Darstellung des WDR tatsächlich auf der Seite Israels stehen. Aber lassen Sie uns mal rechnen: Die letzten sieben Jahre…also seit 2007. Israel hat sich aber schon 2005 aus dem Gazastreifen zurückgezogen, dieser ist also seit neun Jahren gänzlich “judenrein”, wie von den Palästinensern und der gesamten Weltgemeinschaft gefordert. Fehlen also zwei Jahre, auf die Lüders nicht eingeht. Das hat natürlich seinen Grund. Nämlich den, dass es in diesen zwei Jahren keine Blockade gab. Dafür gab es aber einen massiven Raketenbeschuss auf Israel.

Es wäre interessant zu hören, wie Lüders und Co. diesen rechtfertigen, aber darauf einzugehen kann man den öffentlich-rechtlichen Zuschauern nicht zumuten, zumal man ja in drei Minuten Sendezeit auch Schwerpunkte setzen muss. Es ist jedenfalls schon sehr gemein von den Israelis, keine Terroristen freiwillig ins Land reisen zu lassen und diese stattdessen dazu zu zwingen, einen immensen Aufwand in den Tunnelbau zu stecken. Und dass auch Ägypten den Gazastreifen blockiert, im Gegensatz zu Israel aber häufig nicht einmal Lenbensmittel und Medikamente hineinlässt, verdient es ebenfalls nicht, erwähnt zu werden.

Lüders weiter: Israels Politik habe mit Selbstverteidigung nichts mehr zu tun, sie sei ein Akt staatlicher Gewalt und nehme ganz bewusst zivile Opfer in Kauf.

Es war natürlich auch keine Zeit, Lüders zu fragen, wie Israel denn auf den Raketenbeschuss und die Terrortunnel reagieren sollte. Und ob Kämpfer, die bewusst aus zivilen Einrichtungen heraus operieren, nicht auch bewusst zivile Opfer in Kauf nehmen.

Anschließend ließ es sich der WDR nicht nehmen, noch einmal ausdrücklich gegen Antisemitismus Stellung zu beziehen und darauf hinzuweisen, dass in Deutschland lebende Juden selbstverständlich nichts mit der vorher beschriebenen Politik Israels zutun hätten und es keinerlei Rechtfertigung gäbe, diese dafür verantwortlich zu machen.

Dann waren die drei Minuten aber auch schon um, und es konnte sich endlich wichtigen Themen gewidmet werden: In einem Bochumer Auto wurde ein Königspython gefunden.

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Leserpost

netiquette:

Peter Korne / 04.08.2014

Die Kunst des manipulierenden Journalismus besteht darin, stimmungsaufpeitschende Fakten hervorzuheben und alle anderen Fakten zu unterdrücken, aber dabei trotzdem den Eindruck eines seriösen Journalismus zu vermitteln. Darin waren die Deutschen schon immer Meister ihres Faches (auch jetzt bei WDR, deutscher Welle und ZDF etc.).

Rudolf Steger / 03.08.2014

Hallo, lieber Herr Schnoor, falls Sie ein paar Hinweise brauchen, um zu verstehen, warum Öffentlich-Rechtliche Medien den Israelgegner Lüders ihren Zuschauern gerne als neutralen Experten zumuten, nachfolgend ein Antwortschreiben des ZDF an mich. Sehr geehrte/r Zuschauer/in, vielen Dank für Ihre Zuschrift. Michael Lüders gehört zu den erfahrenen und profiliertesten Politikwissenschaftlern und Publizisten des Landes. Dabei hat er sich über Jahre hinweg als kenntnisreicher und politisch unvoreingenommener Beobachter des Nahen Ostens und der arabisch-islamischen Welt einen Namen gemacht. Als profunder Kenner der Länder und ihrer politischen Entwicklung berät er unter anderem die Bundesregierung und ihr nahestehende Institutionen. Wenn es sich thematisch anbietet, wird er daher in den aktuellen Sendungen des ZDF zu seiner Sicht der Dinge befragt. Dabei ist er sich seiner Verantwortung für eine inhaltlich überzeugende und politisch aufklärende Berichterstattung im Sinne der Zuschauer durchaus bewusst. Ihre Kritik an Michael Lüders Einschätzung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern haben wir gerne unserer Nachrichtenredaktion mitgeteilt. Ihre Stellungnahme wird außerdem als Teil der Zuschauerresonanz festgehalten und trägt dazu bei, die weitere Programmarbeit des ZDF zu diskutieren und zu bereichern. Mit freundlichen Grüßen Ihre ZDF-Zuschauerredaktion Auf dieses Antwortschreiben des ZDF habe ich folgendermaßen geantwortet: Sehr geehrte ZDF-Zuschauerredaktion, ich bedanke mich für Ihre Reaktion auf meine kritische Zuschrift. Ich kann Ihnen zustimmen, wenn Sie Michael Lüders als einen erfahrenen und profilierten Politikwissenschaftler und Publizisten bezeichnen. Er ist sicher auch kenntnisreich, aber er ist kein politisch unvoreingenommener Beobachter des Nahen Ostens. Offenbar sind es vor allem seine guten Kontakte zur arabisch-islamischen Welt, die ihn in seinen Kommentaren zum israelisch-arabischen Konflikt häufig eine israelfeindliche Betrachtungsweise  vortragen lässt.  Es gibt genügend kritische Stimmen zu seiner Person, die Ihnen sicher bekannt sein werden. Ich bezweifle, dass er, wie Sie schreiben, “seiner Verantwortung für eine inhaltlich überzeugende und politisch aufklärende Berichterstattung im Sinne der Zuschauer durchaus bewusst ” ist. Er trägt vielmehr zu einer erschreckend hohen Israelfeindlichkeit und zu zunehmendem Antisemitismus in unserer Gesellschaft bei, wie sie insbesondere in den letzten Tagen zu beobachten ist. Diese entsteht, wie könnte es anders sein, durch die überwiegend israelfeindliche Berichterstattung in deutschen Medien, zu der leider auch das ZDF oft beiträgt. Ich denke, es gibt kompetentere und neutraler argumentierende “Experten” für den Nahostkonflikt als Michael Lüders, auf die das ZDF zurückgreifen könnte. Viel Erfolg und mit freundlichen Grüßen R. S. Es bleibt die Frage, ob die Auswahl von israelfeindlichen „Experten“ im ZDF durch Ahnungslosigkeit oder bewusst erfolgt. Vielleicht könnten zahlreiche Protestschreiben von Achgut-Lesern an die ZDF-Zuschauerredaktion und an Medien allgemein nach Auftritten von Lüders etwas Nachdenklichkeit in den Redaktionen bewirken.

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