Hannes Stein (Archiv) / 22.07.2012 / 18:37 / 0 / Seite ausdrucken

“Juden raus!”

“Dem Christentum steht es gut zu Gesicht, durch Jesus einen ,neuen Bund’ geschlossen zu haben, was zu einer Relativierung des Alten Testamentes geführt hat. Dem Judentum kann man zubilligen, dass seine Schriften heutzutage meist nicht mehr wörtlich genommen werden, was auch zu der einzigen Demokratie im Nahen Osten, dem modernen Israel, geführt hat. Wenn sich aber jüdische Verbände und Organisationen beispielsweise so an die uralte Vorschrift der Beschneidung klammern, zeigen sie damit, dass sie sich in diesem Punkt nicht vom Islam unterscheiden. So etwas hat nach meiner festen Überzeugung in unserem Land nichts zu suchen.”

 

Dies schreibt ein intellektuell und moralisch Schwachsinniger auf dem rechtsradikalen Blog “Politically Incorrect”, zu dem ich aus ästhetisch-politisch Gründen keinen Link lege. Jörg Lau hat Recht: Schön, dass man es endlich schriftlich hat. Jörg Lau hat ferner Recht, dass bei Karikaturen wie dieser hier der Streit, ob es sich nun um Antisemitismus, Islamophobie oder einfach arischen Dreck handelt, als müßig entfallen kann.

Ich habe mich im Verlauf meines Lebens an allerhand Kummer gewöhnt. An das antiisraelische Hintergrundrauschen aus dem fernen Europa etwa: das war Blabla, es ging längst beim einen Ohr rein und beim anderen Ohr wieder raus.

Auch der Antiamerikanismus in Europa geht mich schon lange nichts mehr an. Mein Gefühl dazu: Bitte, wenn´s Euch Spaß macht. Israel ist ein souveräner Nationalstaat mit einer erstklassigen Armee. Und Amerika hat ein paar Flugzeugträger mehr als seine Kritiker. Zum Glück.

Aber diese unsägliche Beschneidungsdebatte verblüfft mich nun doch. Da stellen sich also Leute hin und behaupten, ohne die Miene zu verziehen und “Spaß, Spaß!” zu rufen, Kinder hätten ein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Nein, das haben sie nicht. Kinder haben ein Recht auf ein Dach über dem Kopf; auf Essen; auf Zuwendung; sie haben ein Recht, nicht geschlagen oder anders misshandelt zu werden.

Sie haben kein Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Operationen (auch schwere) und Impfungen (auch schmerzhafte) werden an Kindern vorgenommen, ohne dass man sie um Einwilligung fragen müsste; die Einwilligung geben vielmehr die Eltern. Ihr sagt, hier handle es sich aber immer um medizinisch notwendige Operationen. Von wegen! Kindern, deren Eltern es sich leisten können, werden in Amerika routinemäßig “die Zähne gerichtet”, damit ihre Beißer weiß strahlen und in Reih´und Glied ausgerichtet sind – dies vergrößert später ihre Chancen bei der Jobsuche. Außerdem sieht es gut aus.

Ich habe eine Frau mit besonders schönen Zähnen danach gefragt: Jawohl, es tut aasig weh. Ihr wurde praktisch der Kiefer gebrochen. Sie fand es im Rückblick übrigens richtig.

Dann ist da die Sache mit dem Sport. Bekanntlich gibt es in Europa ein archaisches und blutiges Ritual, das “Fußball” heißt. Ich wurde als Kind im Sportunterricht zum Fußballspielen gezwungen: Tritte vors Schienbein, Bälle, die mir mit Karacho mitten ins Gesicht flogen. DAS war ein Trauma. An meine Beschneidung erinnere ich mich naturgemäß überhaupt nicht. Und nein, ich bin nicht verstümmelt. Lächerlich.

Warum sollte ausgerechnet Religion nicht als Grund für einen körperlichen Eingriff zählen, den Erwachsene an ihren eigenen Kindern durchführen lassen? Weil irgendwelche Deutschen nicht an diese Religion glauben? Pardon, das ist kein Grund. (Selbstverständlich kann man fordern, dass die Beschneidung fachgerecht, also nicht mit der Küchenschere ohne Betäubung, ausgeführt wird; aber das ist eine andere Frage.)

Auch hätte ich mir nicht träumen lassen, wie viele Leute, die sich selbst für liberal halten, unter “säkularer Staat” einen Staat verstehen, der die Religion BEKÄMPFT bzw. seine Staatsbürger zur Gottlosigkeit erzieht.

Staaten, die gegen Religion kämpfen, stehen für mich unter Monstrositätsverdacht. Die Jakobiner haben in der Vendée hunderttausende katholische Bauern ermordet, weil diese Leute sich nicht dem regimetreuen Klerus unterwarfen, sondern auf ihren eigenen Geistlichen bestanden.

Ich bin für die Trennung von Staat und Religion (eine Trennung, die es bei Euch in Deutschland bekanntlich nicht gibt). Dies bedeutet, dass der Staat die Religionsgemeinschaften erstmal in Ruhe lässt.

Quizfrage: Wo und unter welchen Herrschern war die religiöse Beschneidung von Männern verboten? Ich will jetzt nicht mit Antiochus IV. oder dem Imperium Romanum unter Kaiser Hadrian kommen; beides lange her. (Beides waren Versuche, das Judentum auszurotten.) In der Moderne fallen mir zwei Beispiele ein: das franquistische Spanien und die Sowjetunion.

Allerdings hat Spanien unter Franco nur die jüdische, nicht auch die muslimische Beschneidung verboten – der Generalissimo wollte es sich nicht mit den marokkanischen Arabern verderben, die ihm gerade noch geholfen hatten, diesen glänzenden militärischen Sieg über sein eigenes Volk zu erringen. Und in der Sowjetunion war die Brit Milah nur de facto, nicht aber de jure verboten. Das haben diese atheistischen Armleuchter sich dann doch nicht getraut.

Beschneidung gehört noch zu den harmloseren Dingen, die religiöse Eltern ihren Kindern antun.

Eine mir näher bekannte Frau ist ultraorthodox aufgewachsen; sie bekam nur eine unzulängliche Erziehung, ihr Kopf wurde mit viel Blödsinn vollgestopft (leider nicht mit dem Talmud – talmudische Tricks lernen bei den Chassidim nur die Jungs); als sehr junge Frau hätte sie eigentlich unter dem Baldachin stehen sollen, um ihrem Ehemann danach ein Dutzend Kinder zu gebären. Statt dessen ist sie aus eigener Kraft ausgebrochen, ging aufs College, hat Jura studiert; heute hilft sie als Anwältin Opfern häuslicher Gewalt.

Ich fragte sie, ob sie sich je gewünscht hätte, dass der Staat sie aus ihrem Milieu befreit. “Nein”, sagte sie. “Warum nicht?”, fragte ich. “Weil das nicht die Aufgabe des Staates ist. Weil Eltern das Recht haben, ihren Kindern ihre eigenen Werte zu vermitteln.”

Dass der Staat die armen Kleinen vor der religiösen Indoktrination durch ihre Eltern beschützen müsse – das gehörte zur Staatsdoktrin der Sowjetunion. Ich empfinde übrigens das Verbot des “home schooling” in Deutschland als ziemlich sowjetisch. Und bevor jemand fragt: Ja, ich bin gegen das Burkaverbot. Der Staat hat keine Kleiderordnung zu erlassen. Basta. Jedenfalls im Land des First Amendment; Gott sei Dank.

Die “Beschneidungsdebatte” in dieser Form und Heftigkeit ist eine deutsche Angelegenheit. Sie kommt zum Beispiel nicht aus Dänemark oder Bulgarien – zwei Ländern, in denen viele Leute das Leben jüdischer Kinder gerettet haben. Deutschland dagegen ist und bleibt das Land, das Janusz Korczak und seine Kinder ins Gas geschickt hat.

Sollten Sie ohne Googeln nicht wissen, wer Janusz Korczak war, bitte ich Sie an dieser Stelle, sich still zu verabschieden, in die nächste Bibliothek zu gehen und ein paar Bücher zu lesen.

Die Beschneidungsdebatte entbrennt ferner in einem Land, in dem mir ins Gesicht gespuckt wurde (ich verwende keine poetische Metapher, sondern referiere einen Vorfall), als ich in den Neunzigerjahren forderte, Nato-Bombenflugzeuge einzusetzen, um das Leben muslimischer Kinder in Bosnien vor den faschistischen serbischen Milizen zu schützen. Ich erinnere mich auch gut, was in Deutschlad nach dem Massaker von Srebrenica passierte: nichts. Viele Deutschen protestierten damals gegen französische Atomtests im Mururoa-Atoll; niemand ging auf die Straße, weil UNO-Soldaten die bosnischen Muslime ihren Schlächtern auslieferten.

Mit anderen Worten: Radioaktiv verseuchte Fische waren den allermeisten Deutschen wichtiger als der Mord an 8500 muslimischen Jungen und Männern. Tut mir leid, Eure Meinung gibt mir kein Maß vor. Sie ist im tiefsten Sinne dieses Wortes: unmaßgeblich.

Ich habe verschiedene Mails erhalten, in denen steht, Itzigs und Musels wie ich hätten sich aus Deutschland zu verpissen,  denn in einem aufgeklärten Land hätten wir nichts zu suchen. Aber ich Itzig und Musel habe mich doch längst verpisst! Und jetzt lebe ich in einer Stadt in der es von Itzigs und Musels nur so wimmelt (”hymietown” hat Jesse Jackson New York genannt, dem das aber längst leid tut). Und wir alle pflegen unsere archaischen Riten, dass es nur so kracht.

Wir sind eben furchtbar unaufgeklärt. Liegt wohl an den Genen. Sogar die meisten Gojm sind hier beschnitten.

Post Scriptum: Ein Gutes hat der Sturm aus Scheiße, der da grade über uns hinweggeht, immerhin. Noch nie habe ich mich meinen muslimischen Brüdern und Schwestern so nahe gefühlt wie jetzt. Das wird sich beim übernächsten Terroranschlag wieder ändern, oder schon bei der nächsten Predigt von Jussuf el-Qaradawi. Aber in diesem Moment würde ich gern im tiefsten, im türkischen Kreuzberg eine Linsensuppe mit Zwiebelessig essen. Oder ein paar Türken einladen, mit mir in New York koschere Steaks zu verdrücken. Von Rindern, die vorschriftsmäßig geschächtet wurden.

Und jetzt will ich von diesem ganzen Blödsinn wirklich nichts mehr hören.

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