Von Santiago Fraser
In „Utopie eines müden Mannes“, einer Erzählung des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges (1899-1986), erfährt die Hauptfigur, Eudoro Acevedo, dass es in der Zukunft „keine Regierungen mehr geben wird“ und „Politiker eine ehrliche Arbeit finden müssen. Einige werden gute Komiker sein“, wird ihm prophezeit, „andere gute Quacksalber.“ Diese Auffassung der Politik spiegelt die eigenen Ideale des Autors wider. Stets plädierte Borges, um es mit seinen eigenen Worten auszudrücken, für „einen minimalen Staat und ein maximales Individuum.“
Teilweise wurden die politischen Ansichten Borges‘ von seiner Bewunderung für die Schweiz geprägt, in die er 1914 als Jugendlicher mit seiner Familie auswanderte, damit sein Vater an einer sich verschlechternden Augenkrankheit behandelt werden konnte, die sein Sohn Jorge Luis eventuell von ihm erbte. Bei seiner Ankunft in Genf war Borges über das zurückhaltende Wesen der Schweizer Politik erstaunt. Später erinnert er sich: „Wir sind in der Schweiz angekommen und, wie typische Südamerikaner, haben wir sofort gefragt, wer der Präsident der Eidgenossenschaft sei. Unsere Gesprächspartner haben einfach geschwiegen und vor sich hingestarrt, weil niemand es wusste.“
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verlängerte den Aufenthalt der Familie Borges in Genf, wo sie bis 1921 blieb. Zu dieser Zeit erhielt der junge Borges die höchste Art formeller Bildung seines Lebens – in einem humanistischen Gymnasium. Als Borges Jahre später an den sanften Freiheitssinn, der das politische Leben der Alpenrepublik prägte, zurückdachte, hob er hervor: „In der Schweiz gab es einen sehr wirkungsvollen Staat – eben deshalb, weil er unsichtbar war.“ Dies konnte er von seinem eigenen Heimatland kaum behaupten. Als Borges zurück nach Argentinien kam, fand er einen aufdringlichen Staatsapparat vor, der sogar in sein eigenes Leben eindrang. Nachdem Borges sich weigerte, die erste Regierung Juan Domingo Peróns (1946-1952) zu unterstützen, wurde er aus seiner Stellung als Bibliothekar in einer Stadtbibliothek in Buenos Aires entlassen und zum „staatlichen Kommissar für Vögel und Hasen“ „befördert“.
Diese Demütigung zeigt, dass der regierende Caudillo oder zumindest einige seiner Anhänger
mit dem Werk Borges‘ einigermaßen vertraut waren. In seinem im Jahre 1936 herausgegebenen Aufsatz „Die Kunst des Beleidigens“ schrieb Borges: „Einen Liebhaber der Bücher und der Schönheit“ zu zwingen, öffentliche Märkte zu inspizieren, sei ein Beispiel für eine Beschimpfung durch „eine bedingungslose Umkehrung der Verhältnisse.“ Der sofortige Rücktritt Borges‘ von seiner neuen Stelle war vor diesem Hintergrund keine Überraschung. Bald danach aber schlug die Regierung Peróns erneut zu, als sie seine Mutter und seine Schwester festnehmen ließ, nachdem diese an einer Demonstration gegen das Regime teilgenommen hatten.
Es ist wenig überraschend, dass solche Ereignisse Borges misstrauisch gegenüber dem Staat machten, sogar so sehr, dass er sich selbst oftmals als Anarchisten bezeichnete. Seine Wertschätzung der Schweiz deutet jedoch darauf hin, dass Borges kein Radikaler war. Er selbst sagte von sich, er sei ein „spencerischer Anarchist.“ Genau wie sein Vater wurde Borges vom Denken des englischen Philosophen Herbert Spencer stark beeinflusst. Besonders eindrucksvoll fand Borges das Werk „Der Mensch gegen den Staat“ (1884), in dem Spencer den progressiven Etatismus kritisiert und den wahren, klassischen Liberalismus, der „gewöhnlich für die Freiheit des Individuums gegen den Zwang des Staates stand,“ verteidigt.
Während Spencer die Politik der Progressisten aufgrund ihres harten Durchgreifens in Frage stellt, geht Borges noch einen Schritt weiter und greift die moderne Politik an sich an. Politik und Sport, „die zwei großen Spektakel der Moderne“, sind für Borges bloßer Leichtsinn, mit der Ausnahme jedoch, dass die Politik „ein gefährlicher Leichtsinn“ sei. Die Politiker, die Hauptfiguren innerhalb dieses modernen, frivolen Spektakels, sind aus der Perspektive Borges‘ eine Quelle des Misstrauens. Zu den tyrannischen Trieben einiger Menschen sagt Borges, „die Vorstellung, anderen zu befehlen“ entspreche eher dem Geist eines Kindes als dem eines Mannes.“
Trotzdem schneiden die Politiker auch innerhalb der Demokratie selbst, einem System, das Borges als „einen sonderbaren Missbrauch der Statistik“ bezeichnet, kaum besser ab:„Ich glaube kein Politiker kann ein ehrlicher Mensch sein,“ sagte Borges, „weil er stets Wähler sucht und deshalb sagt, was die anderen von ihm erwarten… Im Falle einer politischen Rede, ist der Redner eine Art Spiegel oder Widerhall dessen, was die Zuhörer sowieso schon denken.“ Laut Borges sind Politiker keine anständigen Menschen, sondern Individuen, „die sich die Gewohnheit der Lügerei, des Lächelns, der Bestechung und der Beliebtheit zu eigen gemacht haben, um auf gutem Fuß mit allen zu stehen.“
Trotz seiner harten Worte gegenüber den Politkern in einer Demokratie trat Borges stets für das Recht auf Meinungsfreiheit ein. Die Pressefreiheit führe zwar höchst selten zur Förderung von Tugend innerhalb der Gesellschaft, da wir eine „Vergötterung der Pornografie“ im Alltag erlebten. Borges ist jedoch auch der Ansicht, dies sei immer noch eine bessere Alternative dazu, die Pflicht, die Bürger auf dem Laufenden zu halten, „in jemand anderes Obhut, besonders in die Obhut des Staates, zu übergeben.“
Angesichts seiner Abneigung gegenüber Staat und Politikern misstraute Borges auch der Politikwissenschaft, genauso wie er die Wirtschaftswissenschaften geringschätzte. „Früher“, merkte er einst an, „sprach niemand über Ökonomie, und das Land blühte. Heutzutage wird über kaum ein anderes Thema gesprochen, und das Ergebnis solcher Expertenmeinungen ist der Ruin des Landes.“ Noch schärfer kritisierte Borges die Soziologie, das Musterbeispiel der modernen Sozialwissenschaften. „Wir wissen noch nicht,“ kommentierte er, „ob die Soziologie existiert oder ob sie eine erfundene Wissenschaft ist. Nach ihren Ergebnissen zu urteilen, besteht sie nicht.“
Borges basiert diese Ansicht auf seine Ablehnung der Vorstellung, dass die Gesellschaft eine
greifbare Einheit oder ein konkretes Wesen sei. Laut Borges existiere das Kollektiv nicht, denn nur das Individuum sei real. Sogar Gesellschaftsklassen und Staatsangehörigkeiten seien „bloße intellektuelle Bequemlichkeiten“, Sitten oder „von Politikern ausgebeutete abstrakte Begrifflichkeiten.“ Staaten seien zum Beispiel „das Produkt menschlicher Fantasiebilder: Wie sonst ließe es sich erklären, dass sich der Name eines Landes südlich einer erfundenen Linie ändert?“ Laut Borges könne das Individuum sich von solchen einschränkenden Begriffen befreien, und wenn dieser Versuch einem Menschen gelinge, verbreite er seine gewonnene Freiheit weiter. Über sich selbst sagte Borges: „Ich bin ein Kosmopolit, der Grenzen überquert, weil sie mir nicht gefallen.“
Die meisten lateinamerikanischen Regierungen waren nicht nach dem Geschmack Borges‘, eingeschlossen der Militärjunta, die er zunächst unterstützte, nachdem die Generäle Isabel Perón 1976 gestürzt hatten. Wahrscheinlich aufgrund seiner anfänglichen Unterstützung der Regierung des Generals Videla erhielt Borges nie den Literaturnobelpreis, der vier Jahre vor seinem Tod (1982) dem lebenslangen Kommunisten und engen Freund Fidel Castros, Gabriel García Márquez, verliehen wurde.
Borges war kritisch gegenüber Revolutionen. Er würde nur eine Revolution unterstützen, nämlich eine „Revolution der Moral“, die uns von dem übermäßigen Wert befreit, den wir Geld und Ruhm beimessen. Für Borges war die politische Macht ein unwürdiges Lebensziel. Als er gefragt wurde, warum er die am Rande befindliche Demokratische Konservative Partei Argentiniens unterstützte, antwortete Borges: „Ein Gentleman interessiert sich nur für aussichtslose Sachen.“
Da hoffnungslose Fälle kaum im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, wird das politische Denken Borges‘ üblicherweise ignoriert, und vielleicht zu Recht. Borges kritisiert die Mängel der Demokratie, ohne jedoch eine bessere Alternative anzubieten – und das, obwohl er die Schweiz, ein zutiefst demokratisches Land, als ein Vorbild betrachtete. Seine Meinung über die Politiker könnte als Vorurteil interpretiert werden, jedenfalls kann es in seiner Denkweise keinen bewundernswerten Staatsmann geben. Außerdem ist es schwierig, für Borges‘ Verleugnung der Gesellschaftsklassen und der Staatsangehörigkeiten zu plädieren, besonders im Lande seines Helden Spencer. Dennoch ist die bedingungslose Verteidigung des Individuums, die Borges verkörpert, ermutigend, insbesondere wenn man sich für Freiheit in einer Epoche des wachsenden Etatismus einsetzt.
Santiago Fraser ist Chefredaktor von „Certamen“ (http://www.certamenenlinea.com), einer kolumbianischen Online-Zeitschrift.