Das letzte der islamischen Großreiche, das türkisch-osmanische Reich, begann im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert rapide zu zerfallen. Zugleich gelang es den Engländern, sich in Ägypten festzusetzen, vor allem seit 1859 durch den Bau des Suez-Kanals und die dadurch entstehende finanzielle Abhängigkeit der herrschenden Dynastie Muhamad Ali Paschas und seiner Nachfahren. Noch gehörten Ägypten und das Herrscherhaus der Pascha nominell zum Osmanischen Reich, doch dessen zunehmende Schwäche begünstigte ägyptische Bestrebungen der Emanzipation von der unbeliebten türkischen Kolonialmacht und eigene Eroberungen, etwa in Darfur und Abessinien.
Doch durch solche Unternehmungen vertiefte sich die finanzielle Abhängigkeit der ägyptischen Khediven oder Vizekönige von europäischen Mächten. 1875 war Ägypten de facto bankrott und musste den Suez-Kanal an die Briten verkaufen. Sieben Jahre später, nach einem erfolglosen nationalistischen Aufbegehren gegen die zunehmende Bevormundung durch Londoner Beamte, wurden zur Sicherheit größere britische Truppenkontingente in Ägypten stationiert. Großbritannien kontrollierte das Land, ohne dessen formelle Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich zu beenden. Dennoch hatten die Briten 1914, bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, so starke Kräfte in Ägypten massiert, dass sie von dort aus gegen die türkische Kolonialmacht in den Krieg ziehen konnten. Der britische Feldzug war dadurch legitimiert, dass die Türkei im Ersten Weltkrieg Deutschlands Verbündeter war und daher automatisch Kriegsgegner Großbritanniens.
Der Vorstoß aus Ägypten war nicht der Beginn britischer Operationen gegen die Türken, aber der entscheidende Schlag, der das Osmanische Reich nach über 600 Jahren Bestehen kollabieren ließ. Zuvor hatten die Briten 1915 erfolglos die Meerenge von Gallipoli attackiert, dann im Irak eine zweite Front eröffnet, um ihre dortigen Erdölinteressen zu sichern. Nach langem Ringen, reich an Rückschlägen und Verlusten, wurde 1917 Bagdad eingenommen, einstige Metropole des Mittleren Ostens, unter der osmanischen Herrschaft verarmt und halb verfallen. Die türkische Kolonialmacht hatte die Araber in ihrem Herrschaftsgebiet seit Jahrhunderten verächtlich behandelt und ausgeplündert. Die Stämme nutzten die Wüste als Fluchtort, wo sie schwer greifbar waren. Bei Beginn des Ersten Weltkrieges waren nur noch der Norden der arabischen Halbinsel und der Küstenstreifen am Roten Meer, der Hedschas, unter osmanischer Kontrolle.
Seit langem hatten Europäische Orient-Reisende (schon Wilhelm von Boldensele um 1350 oder Karsten Niebuhr, 1770) in ihren Berichten und Büchern auf die Spannungen zwischen den Wüstenarabern und den osmanischen Sultanen hingewiesen. Die Beduinenstämme der Wüste schienen diesen Reisenden ein Potenzial für Aufstände gegen die islamische Staatsmacht zu sein – ein strategischer Ansatz, den Jahrhunderte später die britische Nahostpolitik übernahm. Die arabischen Stämme lebten im türkisch-osmanischen Reich in unvorstellbarer Armut, obwohl eigentlich sie die Urheber der islamischen Großreiche waren. „Die Araber sind in dem türkischen Vielvölkergebilde zerlumpte Untertanen und bleiben es bis ins frühe 20. Jahrhundert“, schrieb der Islamwissenschaftler Thomas Widmer. Ihr in der Härte des Wüstenlebens bewährter Stolz blieb jedoch ungebrochen, auch der Traum von einem eigenen Staat.
Beteiligung der Beduinenstämme an der Vertreibung der Türken
Als ihr Anführer, zugleich als höchster lokaler Beamter der osmanischen Regierung in Istanbul, fungierte der Sherif, auch Emir von Mekka genannt. Dieses jahrhundertealte Amt bekleidete seit 1908 Hussain ibn Ali vom Stamm der Banu Hashim. Die Sherifen-Dynastien hatten traditionell ihre Söhne kurz nach der Geburt zu Beduinenstämmen in die Wüste geschickt, um sie dort zu Kämpfern ausbilden zu lassen. Emir Hussain, ein ahnenstolzer, wagemutiger Mann, war der Unterdrückung und Ausplünderung durch die korrupten türkischen Beamten leid und begann sich zu widersetzen. Über seinen Sohn Faisal und dessen englischen Freund, den Archäologen und Schriftsteller Thomas Edward Lawrence, nahm er Kontakt zum britischen Militärkommando auf. Lawrence agierte im Auftrag des britischen Geheimdienstes, wie sich zur gleichen Zeit auch der deutsche Nahost-Agent Baron von Oppenheim um eine Allianz mit den aufsässigen Stämmen bemühte.
Doch die Briten wussten geschickter mit ihnen umzugehen, denn sie waren besser informiert. Sie stützten sich auf Vor-Ort-Analysen britischer Reisender oder des genialen jungen Baslers Johann Ludwig Burckhardt, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Auftrag der britischen African Association unter falscher muslimischer Identität mit Beduinenstämmen in der Wüste gelebt und darüber detaillierte Berichte nach London geschickt hatte. Man war daher nicht wirklich überrascht, als der Emir von Mekka eine Allianz anbot, um gemeinsam mit den britischen Truppen die türkischen Glaubensbrüder aus der arabischen Halbinsel zu vertreiben. Während die Beamten in London noch misstrauisch abwarteten, rief Emir Hussain, durch einen deutsch-türkischen Vorstoß in Panik versetzt, im Juni 1916 die Beduinen der arabischen Halbinsel zum Befreiungskampf auf.
Seinem Aufruf folgten allerdings nur einige tausend Stammeskrieger, nicht die hundert- bis zweihunderttausend, die er der britischen Regierung in Aussicht gestellt hatte. Einige Erfolge, etwa die Einnahme der mit geringen türkischen Kontingenten besetzten Städte Mekka und Jidda, konnten nicht über die militärische Schwäche des Aufstands hinwegtäuschen. Die strategisch entscheidenden Militäraktionen spielten sich ohnehin weiter westlich ab, nahe der Mittelmeerküste.
Dort versuchten die britischen Truppen zunächst erfolglos, Gaza einzunehmen, wo das türkische Oberkommando der Region seinen Sitz hatte, und wandten sich dann Beer Sheva zu, dem zentralen Verkehrsknotenpunkt der Negev-Wüste. Beer Sheva wurde im Oktober 1917 von den Truppen General Allenbys erobert, damit war der Weg nach Jerusalem frei, das im Dezember an die Briten fiel. Doch auch hierbei spielten weniger die aufständischen Araber eine Rolle als die australische Wüsten-Kavallerie. Obwohl der arabische Aufstand aus Sicht der Londoner Regierung eine Enttäuschung war, hatte die Beteiligung der Beduinenstämme an der Vertreibung der Türken eine weitreichende politisch-symbolische Bedeutung: Großbritannien galt fortan als Freund der arabischen Völker, was erstens für die Sicherung des Erdöls von entscheidender Bedeutung war, zum zweiten für die Legitimierung der weiteren britischen Präsenz in der Region.
Abtrennung „Transjordaniens“ brachte die Juden um Großteil des ihnen zugesprochenen Gebiets
Durch ihre Allianzen mit den Mächtigen der arabischen Sphäre rückversichert, begannen die Siegermächte des Ersten Weltkriegs, England und Frankreich, um 1920 mit der Aufteilung des Nahen Ostens. Mit der britisch-arabischen Allianz gegen die Türken endete das letzte islamische Großreich. Der die Region verändernde Krieg, der nebenbei auch die Unverträglichkeit der vom Islam zusammengeklammerten Völker enthüllte, ist Gegenstand von Thomas Edward Lawrences Buch The Seven Pillars of Wisdom, einem Klassiker der modernen Wüstenliteratur.
Ein berühmtes Foto zeigt Lawrence, Gertrude Bell und Winston Churchill 1921 auf Kamelen vor der Sphinx in Ägypten. In jenem Frühjahr gelang es Gertrude Bell, einer reichen Industriellen-Tochter und Mitarbeiterin des britischen Geheimdienstes, den damaligen Kolonialminister Churchill davon zu überzeugen, zunächst dem Irak, später Jordanien weitgehende Autonomie zuzugestehen. Kurz zuvor, auf der Konferenz von San Remo 1920, waren die Einflussgebiete aufgeteilt worden, sie folgten einem schon 1916 in geheimer Abmachung, dem sogenannten Sykes-Picot-Abkommen, zwischen den neuen Kolonialmächten ausgehandelten Deal. Danach sollte sich der Traum des Emirs vom arabischen Staat erfüllen. Im Norden des Hedschas konnte sich Hussain einige Jahre als von den Briten eingesetzter „Emir von Transjordanien“ und selbsternannter „König der Araber“ halten, ehe ihn 1924 der stärkere Clan Al Saud aus der Halbinsel vertrieb und er Exil auf Zypern suchen musste.
Um dem Clan des Emirs, den Hashimiten, im Norden der arabischen Halbinsel ein Land und sich selbst einen dauerhaften Brückenkopf zu sichern, trennten die Briten 1923 den flächenmäßig größeren Teil vom eigentlich der jüdischen Remigration zugedachten „Britischen Mandatsgebiets Palästina“ ab und nannten dieses Gebiet „Transjordanien“. Erst kurz zuvor, 1922, hatte der Völkerbund der britischen Regierung das „Mandat für Palästina“ erteilt, mit der Auflage, dort den Juden „eine Heimstatt“ zu schaffen und im gesamten Mandatsgebiet – also dem Gebiet des heutigen Israel, der Westbank und des heutigen Jordanien – die „dichte jüdische Besiedlung“ voranzutreiben. Die willkürliche Abtrennung „Transjordaniens“ brachte die Juden um fast achtzig Prozent des ihnen vom Völkerbund zugesprochenen Gebiets.
Hussains Sohn Abdallah wurde als Emir in „Transjordanien“ installiert, 1946 erfolgte die Umbenennung des Landes in „Jordanien“, der Emir nannte sich fortan „König“. Der von den Briten erfundene Staat konnte sich im Krieg 1948 des Westjordanlandes bemächtigen und es bis 1967 militärisch besetzen. Die dort lebenden Juden wurden vertrieben, die Araber erhielten die jordanische Staatsbürgerschaft (die meisten im Westjordanland lebenden arabischen Familien halten sie bis heute), fast wäre die Annexion des Gebiets durch Jordanien gelungen. Als entscheidender Fehler erwies sich Jordaniens Beteiligung am Überfall der arabischen Staaten auf Israel im „Sechs-Tage-Krieg“ 1967, in dem Jordanien das Westjordanland an Israel verlor.
Abhängig von US-Militärpäsenz und Trinkwasser aus Israel
Im Verlauf der Jahrzehnte wanderten hunderttausende Westbank-Araber – seit Mitte der Sechziger Jahre „Palästinenser“ genannt – nach Jordanien ein; heute stellen sie dort die Mehrheit der Bevölkerung, schätzungsweise sechzig bis achtzig Prozent. Wenn es, demographisch gesehen, einen Staat gibt, der die Bezeichnung „Palästinenserstaat“ verdiente, wäre es Jordanien. Das hashimitische Königshaus wird vom Ausland an der Macht gehalten, da niemand in der Region daran Interesse hat, dass dort radikale Palästinenser die Macht ergreifen, wie es 1971 fast gelungen wäre – das Königshaus konnte seine Position nur durch blutige Gewalt gegenüber den palästinensischen Aufständischen behaupten, in einem Bürgerkrieg mit mehreren tausend Toten.
Jordanien, ein wirtschaftlich schwaches Land ohne nennenswerte Wirtschaft oder Bodenschätze, fast ohne eigene Wasserquellen, ist heute abhängig von einer amerikanischen Militärpräsenz (mehrere tausend US-Soldaten, der Luftwaffenstützpunkt Al-Azraq und Abwehrsysteme gegen regionale Raketen- und Drohnenangriffe), außerdem von Israel, von wo es fast sein gesamtes Trinkwasser sowie Erdgas zur Energieversorgung erhält, und von den reichen arabischen Staaten, die das Land finanziell unterstützen. Seine Bedeutung liegt – neben dem Tourismus – in seiner strategischen Position und seiner politischen Beispielwirkung: das hashimitische Königshaus schloss 1994 als eine der ersten arabischen Mächte Frieden mit seinem Nachbarn Israel und wurde dadurch zum Wegbereiter einer Entspannung im Nahen Osten.
Außer Jordanien kreierten die europäischen Mächte nach 1920 noch weitere arabische Staaten, die es vorher nicht gab, Syrien, Irak, Libanon. Die globale Anti-Israel-Propaganda linker und muslimischer Gruppen geht davon aus, der Staat Israel sei eine späte kolonialistische Gründung, die einen bereits etablierten, historisch gewachsenen Nahen Osten in ständige Unruhe und Kriege versetzt hätte. Die zionistischen Gründer gelten im Bewusstsein jüngerer Europäer als fremde Eindringlinge in die schon lange bestehenden Strukturen eines islamischen Kulturkreises. Dabei wird ignoriert, dass die meisten heute bestehenden islamischen Staaten der Region Neugründungen sind, politische Kreationen der vorübergehenden Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich oder, wie das erst 1932 gegründete Saudi-Arabien, durch inner-islamische Kriege eroberte Gebiete. Genaueres Hinsehen, in diesem Fall ein Blick in die Geschichte des „Königreichs Jordanien“, eines in Europa kritiklos akzeptierten Staates, kann dabei helfen, dieses einseitige Bild zu korrigieren und in der europäischen Nahost-Politik zu vernünftigeren Ansätzen zu finden.
Der Text erschien am 1.9.2026 zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.
Foto: Strassenszene in Amman, Jordanien, Imago.

Ein Volltreffer. Mal abgesehen davon, dass Türken keine Araber und damit eigentlich auch keine ursprünglichen Mohammedaner sondern Tengristen sind, war das Osmanische Reich ein künstliches Gebilde, dessen Gebiet nach seiner Auflösung neu verteilt worden ist. Und das bisweilen mutwillig und überschnell mit dem Lineal auf der Karte, anstatt die Stämme und Völker so aufzuteilen, zusammenzufassen und mit dem nötigen Platz zu bedenken, dass es für jeden passt. Im Endeffekt ist das so gelaufen, wie wenn sich eine Gruppe von verschiedensten Interessenten über das selbe Büffet hermacht. Und das endet dann nicht unbedingt so, dass alle zufrieden und voll bedient werden. Sevres und Sykes-Picot sind bis heute ein im Nahen Osten ein Thema. Israel spielt da gar nicht mal die erste Geige, auch wenn das immer so dargestellt wird. Letztlich sollte man mal darüber nachdenken, die Völker wirklich so zusammenzufassen, dass es endlich passt. Man denke da an die Umsiedlungen zwischen Griechen und Türken, die bis auf Zypern die Streitigkeiten zwischen beiden Völkern auf kontrollierbares Niveau reduziert haben. Wo man sich aber vor hüten sollte, wäre die dortigen Monarchien gänzlich infrage zu stellen, denn das was danach käme, wäre mit Sicherheit für Israel und besonders auch Europa deutlich schlechter. Stichwort: Islamischer Staat.
Zur damaligen Zeit lebten in Nahost keine 5 Millionen Menschen. Die Bevölkerungsexplosion kam erst mit dem Erdöl und nicht zu vergessen der weltweiten Agrarrevolution (durch Norman Borlaugs Hybridweizen). Mit der Bevölkerungsexplosion kamen die Kriege, die vorher nur kleine Scharmützel waren. Auch hier entkommt niemand den Erkenntnissen Gunnar Heinsohns. Der Grenzziehung der Kolonialmächte lag auch keine vorausschauende Intelligenz zugrunde. Das ist eine nachträgliche linke Verschwörungstheorie. Von Staaten war im Sykes-Picot-Abkommen überhaupt keine Rede, nur von Zonen. Was die Juden betrifft, so waren sie um 1910 prozentual gesehen eine sehr viel größere Minderheit in Nahost als heute. Das sie erst mit der Gründung Israels nach Nahost kamen, ist pure Geschichtsklitterung. Allerdings ist richtig, dass sie vorwiegend in der Levante lebten. Jerusalem war eine verschlafene Kleinstadt, Jaffa ein Dorf. Tel Aviv existerte nicht.
Gut, so war es. Und was machen wir jetzt? Wollen wir Grenzen verändern? Wollen wir Menschen umsiedeln? Nehmt euch ein Beispiel an der Schweiz. Geht seit fünfhundert Jahren. Oder ist der Islam das Problem? Ist Krieg dann die Lösung? Einfach Mal neutral nachdenken.
Es ist nicht meine Gegend. Ich frage nur welche Pläne die Bewohner haben. Die könnte man doch auch beteiligen. Abstimmung 1920 Deutschland und Dänemark. Frieden seitdem. Wer meint dass Krieg und Vertreibungen die Sache zum Frieden bringen werden, der soll das offen sagen. Ich glaube es wird nicht funktionieren, angesichts der Waffen von heute.
Lieber Herr Noll, vielen Dank für diesen komprimierten Überblick und wichtigen Artikel. Historisches Wissen ist heute leider Mangelware, insbesondere bei politischen Verantwortungsträgern, die z.B. das Wort Bismarck eher mit dem Hering assoziieren als mit der deutschen Geschichte.
Um es kurz zu machen: die einzige langfristige Lösung wird sein, alle Araber in der Westbank und in Gaza noch Jordanien umzusiedeln, und diese Gebiete einschließlich der Golanhöhen völkerrechtsverbindlich Israel zuzuschlagen.
Sobald das Öl als Quelle des Wohlstands versiegt, wird die islamisch-arabische Welt wieder in Schmutz und Elend versinken und sich der Weg hierfür eröffnen.
Es stimmt natürlich, werter Herr Noll, daß die heutige Staatenwelt im Nahen Osten ein Konstrukt der Siegermächte des Ersten Weltkriegs nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches ist. Aber die eingesessene Bevölkerung war es nicht. Und so geht der heutige Streit nur vordergründig darum, welchem Staat das Land gehört, sondern in Wahrheit welcher Nation. Und während sich die einen, nämlich das jüdische Volk, auf Versprechungen der damaligen britischen Regierung wie etwa der Balfour-Deklaration berufen, als wären das in Stein gemeißelte heilige Gesetze, obwohl es nur von Nützlichkeitserwägungen einer Kriegspartei geleitete Absichtserklärungen waren, die man auch wieder einholen kann, wenn es opportun erscheint, tun die andern, das arabische Volk, so, als seien sie schon immer die Herren und Besitzer des Landes gewesen. Und wenn nötig, führen die Palästinenser ihre Abkunft auf die biblischen Philister zurück, was, wenn man Historikern glauben darf, ziemlicher Blödsinn ist.
Bei dem Absatz, in dem Sie die Konflikte zwischen den Wüstenarabern und dem osmanischen Reich schildern, mußte ich unwillkürlich an den Karl May meiner Jugend mit seinen Haddedihn unter ihrem Scheik Mohammed Emin denken… Von dem Hochstapler aus Radebeul kann man wirklich viel lernen.
Es ist stets zu begrüßen, wenn auf diesem durch Ideologie und Propaganda schwer vernebelten Terrain gelegentlich an reale historische Gegebenheiten erinnert wird, vor allem wenn das so kenntnisreich und umsichtig geschieht wie hier durch Herrn Noll. Jetzt müsste nur noch wer unseren postwestelnden Postkolonisten erklären, daß am Islam und Arabertum in der Levante nichts „indigen“, autonom, selbstbestimmt usw. ist, sondern im Gegenteil die gerne mit dem Narrativ von der „islamischen Expansion“ verharmloste Islamisierung und Arabisierung der Levante ein extremer kolonialer Prozeß war dessen Brutalität und häufig genozidaler Charakter im Vergleich selbst die übelsten Kolonialexzesse des British Empire wie einen Kindergeburtstag aussehen lassen könnten. Was in gleicher Weise für alle von „islamischen Expansionen“ heimgesuchten Gebiete gilt, egal ob in Indien, Indonesien, auf den Philippinen oder nun im verfaulenden Euro-Reich.
Nachtrag:
Das erwähnte Buch von Doron Spielman gibt es inzwischen auch auf deutsch, wie ich soeben festgestellt habe: „Wenn die Steine sprechen“, €24,90.
Zu erwerben bei CMV Hagedorn Düsseldorf oder beim Daniel-Verlag, nicht jedoch am Amazonas.