Rainer Bonhorst / 10.12.2020 / 16:00 / 10 / Seite ausdrucken

Johnson und von der Leyen: Ein Abstand mit tieferer Bedeutung

Abstand und Nähe – das ist die Zauberformel, nach der Brexit-England und Europa seit langem suchen. Wieviel Abstand, wieviel Nähe? Boris Johnson und Ursula von der Leyen standen in Brüssel in einem anderen Zusammenhang, aber ganz praktisch vor dieser Frage und waren sich der Symbolkraft ihres kurzen Foto-Auftritts wohl kaum bewusst.

Der englische Premier, einst Zeitungskorrespondent in Brüssel, kannte eigentlich die dortige Lebensart und hätte sich in nostalgischen Heimatgefühlen ergehen können. Was er aber nicht kannte, war Brüssel unter einer deutschen Kommissionspräsidentin. Ursula von der Leyen trat gegenüber ihrem Gast deutlich sichtbar und hörbar als stramme Corona-Befehlshaberin auf.

Ihr erster Befehl: „Halten Sie Abstand!“ Boris Johnson gehorchte, indem der den Befehl wiederholte: „Abstand halten“, ohne gleich „Jawoll“ zu sagen. Man war mit Maske erschienen, nahm sie kurz für die Fotografen ab, dann kam der zweite Befehl: „Sobald wir durch sind, setzen wir sie wieder auf!“ Johnson: „Sofort wieder aufsetzen?“ Von der Leyen: „Ja, sofort.“ Johnson sagte auch diesmal nicht: „Jawoll!“ Aber ironisch schmunzelnd: „Sie führen ein strenges Regiment.“ Oder in der Sprache seiner maritimen Heimat: „You run a tight ship!“

Dann entsann er sich, dass er in diplomatischer Mission nach Brüssel gekommen war, und ergänzte: „Und dies völlig zu recht.“ Na ja. Eine Höflichkeitsfloskel. Beim anschließenden Arbeitsessen blieb es vorerst beim Abstand, eine neue Nähe wurde offenbar noch nicht gefunden. Zum Jahreswechsel wird der Abstand, der harte Brexit, ein hartes Faktum, wenn man sich nicht doch noch ein bisschen näher aufeinander zu robbt. Aber auch danach wäre nicht aller Tage Abend: Man wird so oder so einen Weg finden müssen, wie man als Nachbarn miteinander lebt.

Im Zweifel eher peinlich

Zu dieser real existierenden Nachbarschaft gehört, dass sie in London in erster Linie als eine britisch-deutsche Nachbarschaft wahrgenommen wird. Zwar meldet sich Emmanuel Macron von Paris aus immer wieder laut zu Wort. Aber in London sieht man vor allem Angela Merkel und Ursula von der Leyen als Europas führende Frauenriege. In Berlin eine stocknüchterne Seniorchefin, von der man sich vor allem eine dringend notwendige Prise Sachlichkeit in der allgemeinen Brexit-Emotionalität verspricht. Und nun in Brüssel diese betont preußisch auftretende Europa-Chefin, die so manche englische Vorstellung vom strammen Germanen wunderbar bestätigt. Auch wenn dieses Preußentum in schlanker Weiblichkeit auftritt, modisch und dabei makellos exakt. Durchaus ein Gegenstück zur textilen Lockerheit der Insulaner. 

„Abstand halten!“ Das ist ja genau das, was die Brexit-Hardliner sich wünschen. Abstand zum Kontinent. Auch in der Zeit, als man EU-Mitglied war und sich in Kuschelnähe zum Kontinent befand, fühlte man sich auf der anderen Seite des Kanals nie wirklich heimisch. Es wollte einfach nicht zusammenwachsen, was nicht zusammengehörte. Das französische Temperament ist den Briten seit Jahrhunderten ein Rätsel. Manchmal bewundert, manchmal beneidet, aber meistens ein seltsam unenglisches Phänomen. Die Deutschen sind weniger rätselhaft, eher eine Art pummelige Verwandtschaft, nicht so fremd wie die Gallier, dafür aber im Zweifel eher peinlich.

Die Bundesdeutschen treten – das mit dem Krieg lassen wir mal beiseite – in mehreren Varianten auf. Ein Klassiker der neueren Zeit war Helmut Schmidt. Angesehen, aber sehr deutsch von der zackigen Art. In den Augen respektloser britischer Journalisten ein Feldwebel. Ihn löste ein deutscher Kontrapunkt ab: Helmut Kohl, umfangreich und unelegant, eher schwafelnd als kommandierend, auch er ein passend deutsches Exemplar. Lassen wir mal das Optische beiseite, so fällt Angela Merkel eher in die Kategorie Kohl, während Ursula von der Leyen nun wohl eher als Reinkarnation von Helmut Schmidt wahrgenommen wird.

Kurz und gut, es ist eine Nachbarschaft, von der man rückblickend sagen kann: Gute Zäune machen gute Nachbarn. Die Insulaner haben schon immer ihren Zaun gehabt – das sie umgebende Wasser. Auf der europäischen Kontinentalmasse hat man Probleme mit dem Gedanken, dass so eine Insellage nicht nur ein Stück Geografie ist, sondern eben auch entscheidend die Mentalität prägt. London, so unpreußisch chaotisch es dort zugehen mag, ist kein Renegat, der bestraft werden muss, sondern ein eigenwilliger Nachbar, der zu respektieren ist.

Abstand ist so oder so die künftige Realität. Die akkurate und strenge Ursula von der Leyen und der schmunzelnde und strubbelige Boris Johnson personifizieren den Abstand. Ihr Job ist es, trotzdem eine vernünftige Nähe zu finden, egal, ob es jetzt schnell geht oder sich noch nervtötend hinzieht. 

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Leserpost

netiquette:

Claudius Kielmann / 11.12.2020

Johnson war doch schon positiv, vdL… in Quarantäne…. oder? Also Johnson hat bestimmt Antikörper… warum liest man nichts darüber?  Abstand vdL….  wie irgendwie ihre Freundin M die sie in den Sessel gehievt hat (ich habe immer noch nicht verstanden wie genau- technisch) ————————- egal wie. Es ist peinlich. Und das ohne Unterlass seit 2015.

Oliver Lang / 10.12.2020

„Halten Sie Abstand!“ Das ist doch genau das, was die Briten wollen. Vor allem auch von ihren Fischereigewässern.

E Ekat / 10.12.2020

London chaotisch ? Im Vergleich zu Berlin womöglich?  .... ein eigenwilliger Nachbar Aus welcher Perspektive müßte man denen Eigenwilligkeit zuerkennen. Weil sie aus der EU ausgetreten sind ? Sie scheinen noch nicht formulieren zu können, daß die Engländer womöglich mal wieder richtig liegen könnten.  Ich will garnicht erst mit Hitler und seiner zunächst freundlichen Sicht auf die Engländer anfangen, die bekanntlich in einer Enttäuschung endete, und auch nicht Churchill, über die Deutschen, bemühen zu müssen.

Rüdiger Jungbeck / 10.12.2020

Entweder ich hab die ganze Corona Diskussion nicht verstanden,oder es ist alles nur Show: Boris Johnson hatte Corona bereits, er ist also immun und kann von niemanden mehr angesteckt werden und kann daher auch selbst niemanden mehr anstecken. Abstand und Maske sind bei ihm nutzlos

Mathias Rudek / 10.12.2020

Lieber Herr Bonhorst, ich habe ihren Vergleich in Bezug auf das formale Auftreten von Oberfeldwebel*In Frau von der Leyen und Helmut Schmidt zwar verstanden, aber wir sind uns darin einig, inhaltlich weit voneinander entfernt. Helmut Schmidt hätte so einem Auswachsen eines bürokratischen Monstrums niemals gestaltend zustimmen können. Never ever!

Manni Meier / 10.12.2020

Also, Herr Bonhorst, dass “...Ursula von der Leyen nun wohl eher als Reinkarnation von Helmut Schmidt wahrgenommen wird.” glaube ich kaum. Nach meiner persönlichen Erfahrung sind die Briten zwar auf ihre Weise orginell eigenwillig, aber nicht doof.

RMPetersen / 10.12.2020

vdL ist der Typ “peinliche(r) Deutsche. Merkel ist mittlerweile gruselig.

Marcel Seiler / 10.12.2020

XXX “...ist kein Renegat, der bestraft werden muss, sondern ein eigenwilliger Nachbar, der zu respektieren ist.” Es gibt viele XXX’e auf die dies zutrifft. Wir haben eine Regierung, die das nicht weiß und die gern ermahnt, drangsaliert, schurigelt, bestraft, wenn’s nicht so geht, wie sie sich das vorstellt. Sie werden wieder lernen, uns zu hassen.

Wolfgang Schönfeldt / 10.12.2020

Aus der Konkursmasse der EU wird dereinst das Europäische Kalifat (EK) entstehen und dann sind die Briten, oder was auch immer dann auf der Insel leben wird, wieder dabei.

Dr. Roland Mock / 10.12.2020

Ist diese Begegnung unserer ehemaligen Windelbeauftragten der Bundeswehr mit dem britischen Premier tatsächlich so passiert?

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