Rainer Bonhorst / 06.01.2011 / 22:49 / 0 / Seite ausdrucken

Joggen am Abgrund

Hier eine düstere Prognose für die FDP: Könnte es sein, dass die Deutschen einfach nicht liberal genug sind für die Liberalen? Könnte es sein, dass sie das sogenannte Liberale einfach nicht so wichtig finden?

Freiheitlich sind ja auf irgendeine Weise alle demokratischen Parteien. Aber sie bieten das Freiheitliche wohldosiert im Nebenfach an. Im Hauptfach sind sie christlich oder konservativ oder sozial oder ökologisch, meist von allem ein bisschen. Volksparteien eben, wozu inzwischen auch die Grünen gehören, seit sie erstarkt sind und die Messlatte für den Begriff Volkspartei gesenkt wurde.

Nur die FDP pocht auf Freiheit als Hauptprogramm. Und das ist ihr Problem, viel mehr als Guido Westerwelle.

Die Freiheit ist in Deutschland kein Hauptthema sondern ein Zusatz. Die Sozialen sagen: Was nützt mir die Freiheit, wenn ich keinen Arbeitsplatz oder kein Hartz IV habe. Die Konservativen und die Christlichen sagen: Die Freiheit muss ihre Grenzen haben. Die Grünen sagen: Freiheit ja, aber wichtiger ist, dass wir den Untergang der Welt verhindern. Ihnen allen stimmen viel mehr Deutsche zu als den Liberalen, die sagen, ohne Freiheit ist alles nichts. Sogar die Linke, die das Wort Freiheit nur unter Ekelbekundungen in den Mund nimmt, findet inzwischen wieder mehr Zustimmung als die FDP.

Man kann sich viele Gedanken darüber machen, was denn nun wirklich liberal ist. Eher sozialliberal oder wirtschaftsliberal oder bürgerrechtsliberal?  Oder muss man heutzutage vielleicht etwas Neuliberales suchen oder erfinden? Da muss man dann nur aufpassen, dass das Neuliberale nicht zu neoliberal klingt. Neoliberal ist heute nun mal ein Schimpfwort, auch wenn der Begriff, als er geprägt wurde, eher sozialliberal gemeint war. Im Übrigen spricht einiges dafür, dass alles zusammengehört. Dass man die eine Freiheit nicht von der anderen Freiheit trennen kann. Dass die eine sogar die andere bedingt.

Aber wie immer man die Akzente setzt: Die Partei der Freiheit ist, so fürchte ich, in Sichtweite der Fünf-Prozent-Klausel fest beheimatet. Kommen mal deutlich mehr heraus, wie bei der letzten Bundestagswahl, ist das ein Ausrutscher, ein schöner für die Betroffenen, aber eben doch ein Ausrutscher. Jedem Befreiungsschlag folgt der Rückschlag. Jedem Triumph der Freiheit folgt die Angst des Wählers vor der Zahnarztpartei, deren Mutter die Angst vor dem Zahnarzt ist. 

Gegen den einstelligen Alltag kämpft nicht nur Westerwelle vergebens. Anderen, im Rückblick Glamouröseren, Linkeren und Rechteren vor ihm ging es nicht besser.  Auch der zweifellos geniale Nachwuchs, der vor den Startlöchern dribbelt, wird dem liberalen Alltag bestenfalls zeitweise entrinnen.

Nein, Deutschland ist kein herausragend liberales Pflaster. Aber wo gibt’s das schon? Wenn man sich in der Welt umschaut, gehören wir noch zu den Liberalsten. Und doch sind wir lieber ordentlich, sozial, fleißig und stellenweise fromm. Und es ist uns wichtiger, den Müll zu trennen und samstags zum Wertstoffhof zu gehen und damit die Welt zu retten, als unsere Hauptaufmerksamkeit der Freiheit zu widmen und sie womöglich gar zu genießen. Und das ist ja eigentlich ganz sympathisch.

Für die Liberalen aber ist es die Verurteilung zu lebenslangem Joggen in der Nähe des Abgrunds.

Wollten die Liberalen dauerhaft in die lichten Höhen zweistelliger Prozente aufsteigen, müssten sie sich wohl, Bert Brecht folgend, ein neues Volk wählen. Aber wo fänden sie das? Auf dieser Erde kaum. Sie müssten, wie das Raumschiff Enterprise, in ferne Galaxien vorstoßen, also dorthin, wo mancher unzufriedene Liberale seinen Vorsitzenden gerne sähe.

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