Von Christian Dietrich
Im Spätsommer 1987 hatte ich vergeblich vor seiner Wohnungstür gestanden. Doch eines Tages hatte ich Glück. Ich bin ihm begegnet und habe wenig später einiges aus seiner Feder gelesen. Er war ein großen Antipolitiker, der mit vielen Opfern, ganz eigenem Charme und feiner Ironie europäische Geschichte geschrieben hat, im wörtlichen Sinne aber auch als unbestechlicher Demokrat, Mitbegründer der Charta 77 und dann Außenminister.
Mitte der 1980er Jahre versuchte ich von Naumburg aus eine Zeitschrift der osteuropäischen Dissidenten ins Leben zu rufen. Zu diesem Zeitpunkt durfte keiner der Mitglieder der „Initiative Frieden und Menschenrechte“ die DDR verlassen. Ich hatte gerade mein Abitur gemacht und bekam bis auf wenige Ausnahmen, meine Visaanträge nach Ungarn, Rumänien, Bulgarien und damit in die CSSR genehmigt. So fuhr ich – nicht ganz sicher, wie viel die stalinistischen Geheimdienste mitbekamen – zu den mitteleuropäischen Dissidenten. Besonders herzlich aufgenommen wurde ich bei Miklos Haraszti und Petr Uhl.
So erzählte mir Petr Uhl 1987 von Begegnungen zwischen Vertretern der Charta 77 und Solidarnosc im Riesengebirge und schenkte mir ein Abzeichen der Polnisch-Tschechoslowakischen Solidarno??. Eine Solidaritätsgesellschaft, die auch ostdeutsche Dissidenten mit einschloss, konnten wir nicht schaffen. Wir waren eingemauert, doch im Herbst 1988 bei den ersten öffentlichen Protesten auf dem Nikolaikirchhof in Leipzig trug ich dieses Abzeichen. In diesem Jahr jährte sich zum zwanzigsten Mal die Niederschlagung des Prager Frühlings. Osteuropäische Dissidenten gaben ein gemeinsames Wort des Protestes heraus. Ich wollte jedoch darüber hinaus eine Reflexion über die Erfahrungen der Neiderschlagung und „Normalisierung“ und der Perestroika. Anna Šabatová und Petr Uhl rieten mir Jiri Dienstbier anzufragen. Nach vielen vergeblichen Versuchen, war ich Anfang 1988 dann bei ihm. Auf holprigem Englisch trug ich ihm meine Bitte vor. Er sagte mir, dass er gerade einen Aufsatz schreibe, welche Aufgaben und Chancen er für Europa sehe. Wie verblieben so, dass er ein Exemplar dieses Aufsatzes mir zusendet. Im September war dann im Briefkasten „Gerda Müller“ am Domplatz in Naumburg ein großer Brief mit seinem Essay. Absender wie Empfänger des Briefes gab es nicht wirklich. Es hat dann noch einige Zeit gebraucht, bis der Artikel übersetzt und veröffentlicht werden konnte. Wie ich erst später von Reinhard Weißhuhn und Gerd Poppe erfuhr, kontrollierte die Stasi damals nicht nur das Papierkontingent, sondern auch zum Teil den Druck des Samisdat. Der Aufmacher der ersten Nummer der Ostberliner Untergrundzeitschrift OSTKREUZ (Januar 1989) war dann „Was bleibt übrig?“ von Ji?i Dienstbier. Es war eine radikale Abrechnung mit dem Sowjetimperium in einer Sprache, die einfühlsam auch die Machthaber im Blick hatte – sehr ähnlich der Sprache von Liu Xiaobo.
Prophetisch beschrieb er, wie die Erosion des Sowjetblocks unumkehrbar ist. Und benannte dabei vor allem die Gefahr der Agonie, die beim zu schnellen Austreten einzelner Nationen aus dem „letzten Kolonialreich der heutigen Zeit“ lauerte. Und stellte mit großer Weitsicht fest: „Gorbatschow ist wahrscheinlich der letzte sowjetische Herrscher, der eine solche Entwicklung verhindern kann, wenn ihm eine erfolgreiche Verwandlung des sowjetischen Systems in ein demokratisches gelingt“.
Sein eigenes Land sah er jedoch in einer deutlich anderen Situation. Hier konnte Sozialismus und Demokratie nicht mehr zusammen gedacht werden. Das hatten die Jahre der „Normalisierung“ nach dem Prager Frühling deutlich gemacht. Mit leiser Ironie stellte er fest: „Wir sind wieder um eine Erfahrung weiter als die sowjetische Gesellschaft.“ Egal was kommen wird, so sah er eineinhalb Jahre vor der Samtenen Revolution, die kommunistischen Machthaber in der CSSR konnten über keine „Toleranz der Unterdrückten verfügen“. In diesem Zusammenhang nahm er das geflügelte Wort Gorbatschows „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ vorweg. Weil Gorbatschow es nicht fertig gebracht hatte, anlässlich des 20. Jahrestags der Niederschlagung des Prager Frühlings zu erklären, dass damals die Perestroika unterdrückt wurde, schrieb Ji?i Dienstbier: „Sicher ist es möglich, die inneren Schwierigkeiten der sowjetischen Protagonisten zu tolerieren. Die Zeit wartet jedoch nicht.“ Wie hatte er recht.
Zu Silvester 1988 wollte ich ihm die Übersetzung seines Textes vorbei bringen, doch mir wurde sie an der Grenze abgenommen. Die Kommunisten konnten jedoch nicht verhindern, dass die Charta 77 sich wenige Tage später mit den Leipzigern solidarisierten, die die erste große Demonstration des Jahres 1989 organisiert hatten, und dafür inhaftiert wurden. Es war insbesondere der Prager Appell, der auf der Helsinki-Folgekonferenz in Wien im Januar 1989 für die internationale Solidarität sorgte, die in Leipzig Raum für Demonstrationen schuf.
Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft hatte ich gehofft, eine internationale Tagung gerade auch mit den Prager Freunden zur Entmilitarisierung Zentraleuropas durchführen zu können (April 1990). Doch dieser Prozess ging dann schneller als ich erwartete. 1991 konnte Ji?i Dienstbier den Warschauer Pakt beerdigen.
Nun wird Ji?i Dienstbier beerdigt.
In die Trauer hüllt sich ehrfürchtiger Dank für das Wunder der Samtenen Revolution und Hoffnung auf Gottes Güte, die von niemandem begrenzt werden kann.
Christian Dietrich ist Pfarrer in Nohra