Ulli Kulke / 24.11.2016 / 18:07 / Foto: Tiffany Bailey / 0 / Seite ausdrucken

Jetzt soll ein deutsches Landgericht über den Klimawandel richten

Vor dem Landgericht Essen soll eine neue Weltordnung geschaffen werden. Ob sich die beiden Richter, die dies entscheiden sollen, darüber im Klaren sind?

Ein Peruanischer Bauer klagt gegen den Energieriesen RWE auf Schadenersatz. Die Begründung: Der Konzern sei wegen seiner CO2-Emissionen – vermittelt über die Erderwärmung – daran mitschuldig, dass ein Gletscher, unter dem der Landwirt wohnt und seinen Acker bewirtschaftet, schmilzt, und das Schmelzwasser seine berufliche Existenz gefährde. Dafür soll das deutsche Unternehmen jetzt zahlen, an die Gemeinde jenes Bauern.

Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Der Gedanke ist wohl nicht abwegig, dass dabei die deutsche Umwelt- und Drittweltorganisation Germanwatch eine gewisse Rolle spielte. Sie unterstützt den Bauer bei seiner Klage logistisch und finanziell. Hätte die Klage Erfolg, stünden die Klimaaktivisten dort, wo sie hin wollen: Es bahnte sich eine der größten Umverteilungen der Geschichte an, die Welt wäre sauber eingeteilt im Klimatäter und Klimaopfer, gerichtlich besiegelt.

Doch so weit ist es noch nicht. Zeugen und Sachverständige sind nicht geladen, wie man den Medien entnehmen kann. Sollte dies nicht das Indiz fürs Naheliegend sein, dass nämlich die Klage im Ansatz gleich als unbegründet abgewiesen wird, dann dürfte auf den Schultern der Juristen im Landgericht eine erdrückend hohe intellektuelle Last liegen. Sie müssten Fragen beantworten, an denen tausende Wissenschaftler des Weltklimarates und seines Umfeldes nach wie vor knapsen, denn so einfach ist es nicht mit der Zuordnung. Es ist nicht mal geklärt, wie groß die Rolle des Kohlendioxids bei der Erderwärmung ist, die Unsicherheit ist nach wie vor groß. Ganz abgesehen von den Auswirkungen des CO2 auf die Gletschermelze, bei der es ja nicht nur um globale Temperaturen geht, sondern auch um Niederschläge, um Luftströmungen und die Großwetterlage. Warum sonst wachsen heute manche Gletscher, nicht nur im Himalaja? Auch in Peru übrigens. Siehe hierzu auch diesen Link.

Die Erderwärmung, ein justiziables Verbrechen. So soll es sein. Ach ja?

Vielleicht haben ja Germanwatch und der Bauer die geforderte Geldsumme deshalb so gering angesetzt, auf 17.000 Euro. Quasi als Angebot an die Richter, es nicht so hoch zu hängen, nach der Devise, schaut mal, diese paar Kröten kann der Riesenkonzern ja wohl blechen – und schon wäre die Klimafolgendiskussion aktenkundig geklärt. Samt Schuld und Sühne. Die Erderwärmung, ein justiziables Verbrechen gegen die Menschheit. So soll es sein. Ach ja?

Würde das Gericht der Klage in Sachen abfließender Gletscher tatsächlich stattgeben, dann ergäbe sich ein ganzer Wasserfall von Folgefragen. Auch wenn es heute schwer fiele, dafür noch jemand zur Rechenschaft zu ziehen, spannend wäre es schon, kriminologisch zu ermitteln, wer im Mittelalter dafür verantwortlich war, dass gerade
die Andengletscher genauso vergänglich waren wie sie es heute sind – wie etwa der Atmosphären- und Klimaforscher Jasper Kirkby in dieser Studie darstellte. Und: Wer war, nicht weit davon entfernt und etwa zur selben Zeit, im heutigen südlichen Mexiko für den Klimawandel und die Dürrekatastrophe verantwortlich, die schlimmste seit 8000 Jahren, die dem alten Maya-Reich aller Wahrscheinlichkeit nach den Garaus machten und viele Tausende „Klimaflüchtlinge“ vertrieben. Vielleicht ja irgendwelche Medizinmänner oder Regenmacher unter den Indianern im benachbarten Nordamerika?

Weit katastrophaler als der Gletscherschwund war bekanntlich der umgekehrte Verlauf, die kleine Eiszeit nämlich, als in Europa fast kein Sommer mehr stattfand und im Winter alle stehenden und fließenden Gewässer zu Eis erstarrten. Wer war das? Eine Missernte folgte nach der anderen, viele Jahrzehnte lang, die Hungersnöte wollten nicht enden, alles in allem bester Nährboden schließlich für die französische Revolution. Auf die Idee, dafür irgendwelche Menschen verantwortlich zu machen, kamen zu der Zeit nur noch wenige. Damals war der Hexenwahn nämlich gerade auf dem Rückzug.

Mit dem selben Impetus, mit dem jetzt Germanwatch beim schwindenden Gletscher meint, RWE als Täter ausmachen zu können, hätte man vielleicht vor zehn oder zwanzig Jahren irgendeinen Energie- oder Autokonzern in Amerika für die Schäden von Hurrikanen haftbar machen können, damals Inbegriff der schlimmsten „Klimafolgen“. Heute würde dies sofort als Absurdität erkannt, weil seit vielen Jahren die tropischen Wirbelsturm-Saisons – mal wieder, ganz im Sinne langfristiger Zyklen – weniger schlimm verlaufen. So dass der Weltklimarat IPCC in seinem letzten Sachstandsbericht die Warnungen vor Hurrikans denn auch endlich wieder zurückschraubte. Nicht nur das Klima ändert sich, sondern auch die Erkenntnisse darüber.

Wetter und Klima bewegen sich nach wie vor weitgehend außerhalb von Frevel und Schuld

Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren zu spektakulären Berichten über Klimaflüchtlinge aus der Südsee, wo angeblich die Inseln untergehen. Ebenfalls vor Gerichten fochten sie in Neuseeland oder Australien um Anerkennung als Asylbewerber. Klimaaktivisten erhofften sich – wie jetzt im Falle des peruanischen Bauern – dabei den Hammerschlag eines Richters, mit dem der Begriff des Klimaflüchtlings gerichtsfest etabliert wird. Der kleine Schönheitsfehler: Studien haben schon vor Jahren ergeben, dass die Inseln gar nicht verschwinden, ganz im Gegenteil werden viele immer größer.

Die Klage des Bauern beziehungsweise von Germanwatch gegen RWE mutet daher etwas absurd an. Wetter und Klima bewegen sich nach wie vor weitgehend außerhalb von Frevel und Schuld. Eine andere Region, die heute große Beliebtheit genießt als Referenz für die große Klimaflucht, die Sahelzone nämlich, wurde – ganz im Gegenteil – gerade parallel zur Erderwärmung zum Ende des vorigen Jahrhunderts immer grüner, gering zwar, aber durchaus messbar. Soll man die dortigen Bauern, die im neusprachlichen Duktus also eher als Klimagewinner anzusehen sind, mit einer Klimasteuer belegen, aus deren Topf dann die Andenbauern unterhalb der Gletscher bezahlt werden? Wer sollte so etwas entscheiden? Die beiden armen Richter in Essen?

Am dortigen Landgericht geht es schließlich auch um mehr als heute, um mehr als nur ein paar Tonnen Kohlendioxid, die der Energiekonzern immer noch ausstößt. Die gesamte Branche ist im Umbau, mit ungeheuren Anstrengungen stehen die Unternehmen mitten im Prozess hin zur sogenannten „klimaneutralen“ Stromproduktion. Deutschland marschiert wieder mal voran. Doch kein noch so grüner Politiker könnte durch noch so scharfe Verordnungen dieses Ziel von heute auf morgen erreichen.

Es geht also letztlich nicht um heute sondern um eine Abrechnung für die letzten 200 Jahre. Industrieländer gegen Entwicklungsländer. Viele sehen darin den Gegensatz zwischen Tätern und Opfern. Doch wenn die Richter in Essen darüber befinden sollen – dann viel Spaß. Sie müssten dann nämlich unter anderem auch ermitteln, welchen Anteil die wirtschaftlichen und vor allem technischen Errungenschaften der industriellen Revolution mit all dem CO2-Ausstoß auch am Wohlergehen in den Drittweltländern haben. Mechanisierung der Landwirtschaft, Agrarforschung und die erzielten Ertragssteigerungen, medizinischer Fortschritt und so weiter und so fort. Und letztlich auch der Welthandel: Nicht nur, aber am deutlichsten in Afrika sind es seit vielen Jahrzehnten die Küstenstaaten und –regionen mit Weltmarktanbindung, in denen es der Bevölkerung besser ging und geht als in den abgeschotteten Binnenländern. Auch dies ist ein Ergebnis davon, dass in Europa die Schlote geraucht haben.

Die industrielle Revolution fand in den Industrieländern statt. Das stimmt. Wer aber behauptet, dass davon nur dort die Menschen davon profitiert haben, argumentiert sehr selektiv, ahistorisch.

Man wird sich im Landgericht Essen schon was dabei gedacht haben, erst gar keine Sachverständigen angefordert zu haben. Auch sie hätten all das wohl kaum richten können.

Zuerst erschienen auf Ulli Kulkes Blog Donner und Doria hier

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