Gerd Buurmann / 22.06.2023 / 16:00 / Foto: Pixabay / 16 / Seite ausdrucken

Jenseits des Genderns

Die Sprache lässt sich nicht per Dekret ändern. Sprache ändert sich durch Gebrauch und vor allem über Jahrhunderte. Unsere Sprache ist älter als wir alle. Sie wird uns überleben und sich dabei ständig ändern. Das ist unser Schicksal, aber auch unsere Chance.

Es gibt ein Rätsel, das erstaunlich viele Menschen nicht sofort lösen können. Es lautet wie folgt: Ein Vater und sein Sohn haben einen schrecklichen Unfall auf einer Autobahn. Der Vater ist sofort tot. Der Sohn jedoch wird lebensgefährlich verletzt in eine nahe gelegene Ambulanz gebracht, wo ein Team von Ärzten sich des schwer verletzten Jungen annimmt, als plötzlich jemand von den Ärzten ruft: „Ich kann ihn nicht operieren. Er ist mein Sohn!“ Wie ist das möglich?

Die Antwort ist simpel: Der Arzt ist die Mutter des Sohnes, denn mit der Beschreibung „Team von Ärzten“ wurde nichts über das Geschlecht der Ärzte ausgesagt. Dennoch stellt sich in den Köpfen der meisten Menschen, die diesen Begriff hören, nicht die Möglichkeit ein, die Ärzte könnten weiblich sein. Hätte ich von einem Team von Ärztinnen und Ärzten gesprochen, so hätte sich dieses Problem nicht ergeben.

Nun könnte man argumentieren, dass genau deshalb die Silbe „-in“ wichtig ist, aber ich möchte widersprechen. Die kleine Silbe setzt das Geschlecht einer Person in einem Umfeld fest, in dem das Geschlecht nicht von Bedeutung ist oder besser, nicht sein sollte. Ich muss nicht wissen, welches Geschlecht ein Bäcker hat, um herauszufinden, ob sie gute Brötchen backt. Wenn sie gute Brötchen backt, dann ist sie mein Bäcker. So einfach ist das.

Autoron bei der Achse des Guten

Ich stelle mir gerade vor, ich sei Bäcker und jemand würde sagen, ich sei ein Bäckeron. Ich würde natürlich fragen, was die Silbe „-on“ soll und dann würde dieser jemand sagen, damit ausdrücken zu wollen, dass ich männlich sei. Ich würde dann allerdings denken, was genau tut jetzt mein Geschlecht hier zur Sache? Ich backe Brot. Ist mein Penis da wirklich von Bedeutung?

Ich bin ein Mann. Als Mann kenne ich das Gefühl nicht, über mein Geschlecht als das andere vom Eigentlichen definiert zu werden. Es gibt keine extra Silbe für mich als Mann. Mannsein ist keine Abweichung von der Norm. Frausein jedoch ist eine Abweichung, die sogar sprachlich über eine Derivation manifestiert wird. Eine Ärztin ist ein Arzt mit der Abweichung, Frau zu sein. Nichts anderes erklärt die Silbe „-in“. Sie macht das Geschlecht der Frau zur Abweichung.

Es kommt mir persönlich überhaupt nicht erstrebenswert vor, in einer Welt zu leben, in der mein Geschlecht eine Abweichung vom eigentlich Stamm ist. Gerd Buurmann ist ein Autoron bei der Achse des Guten. Ich finde das befremdlich.

Ein Bäcker ist eine Person, die backt. Eine Bäckerin jedoch ist eine Person, die backt und weiblich ist. Während es für einen Bäcker irrelevant ist, was er oder sie zwischen den Beinen hat, wird die Weiblichkeit für die Bäckerin konstitutiv. Der Mann ist Mensch, die Frau ist ein weiblicher Mensch. Mit der Silbe „-in“ wird genau dieses Dilemma verstärkt. Ein gutes Beispiel dafür ist folgender Dialog:

A: „Hast Du gehört? Anne Will ist Journalistin des Jahres geworden!“

B: „Echt? Und wer ist Journalist des Jahres geworden?“

Hätte man gesagt, Anne Will ist „Journalist des Jahres“ geworden, hätte es dieses Problem nicht gegeben. Es ist ein Dilemma, für das es keine einfache Lösung gibt.

Auf der einen Seite kann die konsequente Weigerung der Nutzung der Silbe „-in“ dazu führen, dass Frauen ausgespart und verschwiegen werden, so dass sich jede Frau ständig fragen muss, ob sie auch gemeint ist, auf der anderen Seite kann die konsequente Nutzung der Silbe dazu führen, dass Frauen in einer Art über ihr Geschlecht definiert werden, wie es bei Männern nicht der Fall ist.

Es gibt noch eine andere Variante des Rätsels. Sie geht wie folgt:

„Drei Bauarbeiter sind in der Pause. Zwei trinken Bier. Die beiden Biertrinker fragen die dritte Person: „Was ist denn los?“ Da sagt sie: „Ich bin schwanger!“

Auch diese Version zeigt, dass bei dem Begriff Bauarbeiter nicht automatische die Möglichkeit des Frauseins mitgedacht wurde. Allerdings ist auch eine andere Variante möglich.

„Drei Bauarbeiter sind in der Pause. Zwei trinken Bier. Die beiden Biertrinker fragen die dritte Person: „Was ist denn los?“ Da sagt sie: „Ich bin Moslem!“

Diese Version zeigt, dass bei dem Begriff Bauarbeiter auch die religiöse Zugehörigkeit nicht mitgedacht wird. Ich fände es jedoch mehr als befremdlich, wenn wir jetzt anfangen würden, Silben, Sternchen, Gaps und andere grammatikalische Derivationen für religiöse Zugehörigkeiten oder Hautfarben einzuführen. Bei Geschlechtern finde ich solche Derivationen nicht weniger befremdlich.

 

Gerd Buurmann spielt als Theatermensch, schreibt und inszeniert in diversen freien Theatern von Köln bis Berlin. Er ist Schauspieler, Stand-Up Comedian und Kabarettist. Seit April 2022 moderiert er den Podcast „Indubio“ der Achse des Guten.

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Leserpost

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Dr Martin Treiber / 22.06.2023

Ein Klassiker zum generischen Maskulin ist “Frauen sind die besseren Handwerker”. Wie gendert man diese Aussage (egal ob wahr oder falsch), ohne die Semantik zu verändern? Kommt mir aber bitte nicht mit Handwerkspersonen, Handwerkende oder ähnlichen Wortvergewaltigungen!

Karl Mistelberger / 22.06.2023

Meine Hypothese lautet: Wer gendert ist ein Depp.

Arnold Balzer / 22.06.2023

Herr Buurmann, die Schwachsinnigkeit des Genderns im Bäckerhandwerk hat Jürgen von der Lippe genial bloßgestellt: “Ein Bäcker, der in der Backstube steht, ist ein Backender. Wenn er auf der Toilette sitzt, nicht mehr!” (Anm. d. Red.: Dann ist er ein Kackender.)

Herbert Weseler / 22.06.2023

Beim Lesen dieses Artikels ist mir aufgefallen, dass es eigentlich nur eine Lösung für dieses grammatikalische Problem gibt. Tatsächlich liegt diesem Problem ja ein echter, ernsthafter Misstand zugrunde. Sehr schön hat Herr Buurmann erläutert, dass er sich nur ungern als Bäckeron bezeichnen lassen möchte. Für eine Frau ist es naheliegenderweise auch nicht angenehm, mit dem Anhängsel -in als Ausnahme von der Norm erfasst zu werden, um dann im Plural gar nicht mehr erwähnt zu werden. Die einzig sinnvolle und ohne sprachliche Verrenkungen mögliche Lösung dieses Problems liegt meiner Ansicht nach in der konsequenten Anwendung des generischen Maskulinums. Und das eben nicht nur im Plural sondern auch im Singular. Dann heißt es eben DER Rechtsanwalt Frau Weber oder DER Lehrer Frau Müller. Konsequenterweise müsste man dann natürlich auch die wenigen generischen Feminina beibehalten und auf solche Verrenkungen wie “Geburtshelfer” und “Krankenpfleger” verzichten. Dann heißt es eben DIE Hebamme Herr Meier und DIE Krankenschwester Paul.

Franz Klar / 22.06.2023

“Es kommt mir persönlich überhaupt nicht erstrebenswert vor, in einer Welt zu leben, in der mein Geschlecht eine Abweichung vom eigentlich Stamm ist” . Soll sich aber geschichtlich genau so zugetragen haben : ” Und Gott der Herr bildete die Rippe, die er von dem Menschen genommen hatte, zu einer Frau und brachte sie zu dem Menschen” . Ein Derivat also , die Frau ,  und sprachlich gekennzeichnet . Machste nix !

Arthur Sonnenschein / 22.06.2023

Die Ausgangshypothese haut doch nicht hin. Die Regionalsprachen wurden im Alltag in Deutschland sehr wohl durch die per Gesetz verfügte Amts- und Kanzleisprache verdrängt.

Otto Nagel / 22.06.2023

Wie unterscheide ich im Gespräch an der Kasse oder im Bus, wer “Coronageimpft” und ” Impfverweigerer"ist ?  Ganz einfach, der Geimpfte: in gendert !

Arthur Sonnenschein / 22.06.2023

Die Ausgangshypothese haut doch nicht hin. Die Regionalsprachen wurden im Alltag in Deutschland sehr wohl durch die per Gesetz verfügte Amts- und Kanzleisprache verdrängt.

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