Die Finanzwelt hat schon immer die Phantasie der Produzenten von Bildern und Geschichten beschäftigt. Tom Wolfes “Bonfire of the Vanities” ist der ultimative 80er-Jahre-Roman, der dazugehörige Film von Brian De Palma cineastischer Abschluss der glitzernden Epoche. Doch auch heute wimmelt es in vielen Filmen von Bankern und Brokern - gern gezeichnet als eiskalte Überleichengeher, als emotional verarmte Autisten - oder als beides zusammen. Das Kino sieht den Hyperkapitalisten als Prototyp des postmodernen Menschen: bindungslos, ohne Tiefe, Opfer der popkulturellen Verdummung. Kapitalismus und Postmoderne gehören seit jeher zusammen.
Nun wird vielerorts dem Kapitalismus eine Lebensbedrohung anspekuliert; wird gemutmaßt, durch die Probleme der Finanzwelt und die globale Beinah-Rezession würde sich das System als solches erledigen. Andreas Zielcke argumentiert in der heutigen Süddeutschen (leider nicht online) durchaus kundig in diese Richtung. Folgerichtig gilt ihm wie vielen anderen Betrachtern auch die Postmoderne als endgültig beendet. Erst wenn man nicht mehr vom ungebremsten Streben nach kurzlebigen Konsumorgasmen dominiert sei, so die Überlegung, erst dann sei auch das postmoderne Spiel mit Teilidentitäten obsolet. Kapitalismus und Postmoderne liegen also in einem Zwillingsgrab. So die Annahme.
Allein: So wird es natürlich nicht laufen. Der Kapitalismus liegt nämlich gar nicht im Sterben. Seine Tücke, die auch seine Stärke ist, besteht in der ungeheuren Wandlungsfähigkeit des Systems. Diese manifestiert sich nicht zuletzt in der Kreation immer neuer, zunehmend abstrakter “Güter”. Die vielen komplexen Finanzprodukte, die die globalen Kapitalmärkte in den vergangenen Monaten runtergezogen haben, gehören dazu. Doch anders als Zielcke und viele Ökonomieromantiker mit ihm hoffen, wird dieser Abstraktionstendenz durch die momentane Krise keineswegs ein Ende gesetzt werden. Es wird nur neue abstrakte Produkte geben. Wir kommen nicht zurück zu einer gemütlichen Nutzwertökonomie, deren spiritueller Kern irgendwo zwischen frisch geernteter Kartoffel und selbstgebautem Holzhaus liegt.
Und damit ist auch die Frage zumindest wieder offen, ob wir wirklich a) schon längst jenseits der Postmoderne leben oder b) durch die Wirtschaftskrise aus dieser herauskatapultiert werden. Ich bin da skeptisch. Vielleicht gelangt die Postmoderne durch die Krise auch zu neuen Blüten. Der Blick auf die momentane rhetorische Selbstpositionierung vieler Politiker jedenfalls lässt dies vermuten. In bester Postmoderne-Manier scheinen sie in Gestus und Reden ihre großen Vorbilder zu zitieren (Adenauer, Churchill, Schmidt; Leute also, von denen man plötzlich vermutet, sie hätten “noch richtig angepackt”). Dass heutige Politentscheider anders als jene aber bestenfalls Getriebene der Umstände sind und eben diese Umstände schlechtestenfalls noch nicht einmal im Ansatz verstehen, verleiht ihrem Anpacktheater etwas Tragisches, macht es aber als Theater nicht notwendigerweise schlechter.
Und die Menschen wären grundsätzlich durchaus auch für dieses Theater empfänglich. Fies nur, dass mit Helmut Schmidt heute noch ein Original der Riege der Anpacker zu bewundern ist. Die momentane Schmidtomanie zeigt, wie sehr sich die Deutschen in das Bild des unerbittlichen Entscheiders verliebt haben - und in ihm dem Original huldigen anstatt den Epigonen Steinbrück oder Glos. Mit dem Zusatzvorzug freilich, dass Schmidt heute nichts mehr entscheiden kann und muss. (Als das noch anders war, fiel die Schmidtliebe der Deutschen bekanntlich weniger innig aus). Aus meiner Sicht ist das kollektive Feiern des Macher-Bildes in Helmut Schmidt ein Zeichen davon, wie postmodern unsere Gesellschaft noch immer tickt.