Tamara Wernli (Archiv) / 07.04.2017 / 06:25 / 9 / Seite ausdrucken

Je klüger, desto einsamer?

Haben Sie viele Freunde? Falls ja, dann können Sie sich glücklich schätzen. Sie besitzen eine hohe Sozialkompetenz und liegen auf der Beliebtheitsskala ganz weit oben. Die schlechte Nachricht: Sie gehören vermutlich zu den weniger intelligenten Menschen. Denn Menschen mit hohem IQ haben kaum Freunde.

Der Evolutionspsychologe Satoshi Kanazawa von der London School of Economics hat vergangenes Jahr den Zufriedenheits-Level von 15 000 Menschen mit verschiedenen IQ's und im Alter von 18 bis 28 Jahren gemessen. Erstaunliches kam zutage: Während bei Menschen mit durchschnittlichem IQ-Level das empfundene Glück höher ist, je mehr soziale Beziehungen sie haben, traf genau das Gegenteil bei Hochintelligenten zu – sie empfanden beim Alleinsein eine grössere Zufriedenheit. In Gesellschaft fühlen sie sich sogar bedeutend weniger glücklich.

Der Wissenschaftler erklärt diesen Unterschied mit der "Savanna Evolutionstheorie": Schon unsere Vorfahren, die Sammler und Jäger, lebten in kleinen Gruppen, lebenslange Freundschaften waren zum Überleben und für die Reproduktion unerlässlich. Weil die Welt sich aber durch Digitalisierung und technischen Fortschritt verändert habe und ein harmonischer Kontakt zu seinem Umfeld nicht mehr lebenswichtig ist, sei das menschliche Hirn hin- und hergerissen zwischen der ursprünglichen Aufgabe und der heutigen Realität. Mit dieser Diskrepanz können hochintelligente Menschen besser umgehen.

Nun ist es ja so, dass wir alle gerne aussergewöhnlich klug wären. Das Problem ist, die meisten von uns zählen zur durchschnittlich intelligenten Gruppe. Diese zeichnet sich etwa dadurch aus, dass sie bei Starbucks "Tall" und "Grande" auch nach der 100. Bestellung verwechselt. Ihren Pass kramt sie am Flughafen nach halbstündigem Schlange stehen erst dann umständlich hervor, wenn sie an der Reihe ist. Ihre kreativste Leistung der Woche ist ein Selfie.

Rowenta mahnt, die Kleider nicht am Körper zu bügeln

Kein Wunder also, dass uns die Superklugen ständig unter die Arme greifen müssen. So erfinden sie Produkte für uns, die uns das Denken vollständig abnehmen. Etwa den LED-Schnuller, falls wir mal die Kinder im Dunkeln verlegen. Oder den Golfball "Polara", der selbst seine Flugbahn korrigiert. Die "Taschen-Kettensäge", eine 70 Zentimeter langes Gerät in einer Dose - zweckmässig, wenn wir spontan einen Baum fällen wollen, aber gerade keine Säge zur Hand haben.

Die Gescheiten warnen uns dankbarerweise auch vor unserer eigenen Unachtsamkeit: McDonald's teilt uns ständig mit, dass der Kaffee heiss ist. Rowenta mahnt, die Kleider nicht am Körper zu bügeln. Ein Kinderwagenhersteller empfiehlt, vor dem Zusammenklappen das Kind zu entfernen. Und weil wir nicht wissen, dass Brokkoli weniger Kalorien hat als Sachertorte, zwingt das schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit alle Restaurants, die Nährwerte für uns haargenau zu deklarieren.

Das Dilemma offenbart sich: Weil wir Unscharfsinnigen demografisch gesehen in der Überzahl sind, müssen sich die Superklugen ständig anpassen. Da das aber auf die Dauer anstrengend ist, vermischen sie sich gar nicht erst mit dem Rest der Gesellschaft. Das würde das Studienresultat am besten erklären. Pech nur für die menschliche Spezies, dass sich dadurch die Klugen weniger vermehren als die Dummen.

Wenn Sie also, liebe Leser, des Öfteren alleine sind, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder gehören Sie zur Gruppe der Genies, oder aber Sie sind eben ein totales… ach, lassen wir das.

Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.

Tamara Wernlis Kolumne gibt es jetzt hier auch als Videobotschaft, man kann ihn auf ihrem youtube Kanal auch abonnieren.

Tamara Wernli arbeitet als freischaffende News-Moderatorin und Kolumnistin bei der Basler Zeitung. Dort erschien dieser Beitrag auch zuerst. In ihrer Rubrik „Tamaras Welt“ schreibt sie wöchentlich über Gender- und Gesellschaftsthemen.

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Leserpost

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M. Haumann / 07.04.2017

Es gibt eine ältere schottische Langzeitstudie über die Korrelation zwischen der Intelligenz von Mädchen im Schulalter und ihrem späteren Bindungs- und Fortpflanzungsverhalten, gemessen in IQ und späterer Heirat und Familiengründung. Das begann in den 1970ern und lief über ca. 20 Jahre. Zusammenfassend waren die Mädchen mit einem leicht unterdurchschnittlichen IQ von etwas unter 100 am häufigsten verheiratet. Bereits ab IQ deutlich über 100 sanken die Heiratschancen, ab 120 wurde es recht kritisch und die Hochintelligenten mit 140 waren ausnahmslos unverheiratet und kinderlos. Mit der Interpretation haben die Forscher sich damals zurückgehalten, da kann man ja wild über Henne und Ei spekulieren. Und wenn man erst mit der Evolutionstheorie anfängt…

Hans J. Zerche / 07.04.2017

Es ist viel dran an diesem Gedanken der relativen Vereinsamung:  Wer weiss schon, dass gute Denker zumeist saumäßige Redner sind und umgekehrt.  Das hört man zum Beispiel von Regisseuren,  die die Autoren kaum jemals auf die Bühne stellen würden.  Auch kann ich mir nicht vorstellen, dass E. Kant (ich meine den Königsberger)  ein lustig-versoffener Mensch gewesen sein könnte. Mit seinen 150 Zentime- tern in der Höhe.  Ich weiss aber, dass einer meiner Freunde ein solcher Typ war.  Der Teufel Alk hat ihn im 60. Jahr umgebracht. Bis dahin hatte er eine Menge fester Freunde,  seine Witwer dafür gar keine.  Fröhlichkeit macht also auch einsam, wenn auch etwas später.

Marzellus Hampp / 07.04.2017

Danke für die Lockerungsübung - mit noch mehr Vergnügen als bisher werde ich das Unkraut in meinem bescheidenen Garten (15.000 qm) alleine ausrupfen und mich nicht von Geschwätz, Ratschlägen und Selbstfindungssehnsüchten Dritter ablenken lassen. “Einsamkeit ist das Los aller großen Geister” meinte schon Arthur Schopenhauer.  Es tut so gut, seine zerschundenen Hände mit dem Balsam der überdurchschnittlichen Intelligenz salben zu können.

Ferdinand Merten / 07.04.2017

Ich wuerde die Autorin gern fragen wieso sie Freundschaften mit Partnerschaften oder Kinderzahl gleichsetzt. Gegeben das Alter der Studienteilnehmer kann man ja noch nicht wissen wie wahrscheinlich eine Ehe oder Kinder sind. Denn es mag auch einfach nur so sein dass uns die Natur so geschaffen hat dass wir uns am liebsten in der Gesellschaft von Menschen bewegen die zumindest genausso schlau sind wie man selbst ist. Weil das fuer die sehr Schlauen schwieriger zu erreichen ist, hat ihnen die Natur in der Hinsicht eine groessere Geduld mitgegeben ( bzw hat sich die mit der Intelligenz mitentwickelt). Ausserdem mag es ja sein dass weniger intelligente Leute eine hoehere Wahrscheinlichkeit haben einen Partner zu finden. Aber was wenn die Schlauen die es schaffen Kinder zu haben mehr davon haben weil sie auch mehr Resourcen zur Verfuegung haben? Ich fuerchte dass die Autorin in die Resultate des Forschers aus London etwas hineininterpretiert was nicht notwendigerweise drinsteckt.

Frank Holdergrün / 07.04.2017

Es darf keine Unterschiede im IQ mehr geben, dies ist ja völlig diskriminierend. Und Produkte, Werbung - ein einziges rassistisches, den anderen herabsetzendes Konglomerat an verachtender Kommunikation. Aber das Allerschlimmste überhaupt: umarmendes Duzen allerorten, wieso nur glauben superintelligente Kommunikationsmacher, dass damit Nähe erzeugt werden kann? Ach, verstehe, diese Kommunikation lässt der Superintelligente von Minderbegabten IQ-Low-Levlern machen, die inzwischen ein einziges buntes, kumpeliges Wortgetöse einsetzen. Na ja, hier sollte er mal eingreifen.

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