Letzte Woche wurde der Ausnahmezustand in Japan für die meisten Präfekturen wieder aufgehoben. Er gilt nur noch in Tokyo und Osaka, samt umliegenden Präfekturen, sowie in Hokkaido. Aber auch dort gibt es keine Ausgangssperren, man appelliert an die Bürger, zu Hause zu bleiben. Nur bestimmte Lokalitäten, vor allem solche, die abends öffnen, wie Bars, Clubs mit Livemusik, Nachtlokale und so weiter bleiben gesperrt.
Ende April, Anfang Mai gab es in Japan die sogenannte „Goldene Woche“, weil da mehrere Feiertage hintereinander fallen. Diese Tage werden von den Japanern gern zu Reisen im Inland, aber auch ins Ausland genutzt. Dieses Jahr fiel die Saison jedoch aus. Es war nicht verboten zu reisen, aber die Leute blieben daheim. Bahnhöfe, Flughäfen und Autobahnen waren weitgehend leer. Während in Nicht-Corona-Zeiten Züge und Flugzeuge Anfang Mai überfüllt sind, gab es dieses Jahr im Durchschnitt nur eine Auslastung von zehn Prozent. Mancher Shinkansen fuhr sogar komplett leer aus Tokyo ab.
Die Maßnahmen, die mit dem Ausnahmezustand verbunden waren, wurden sehr moderat umgesetzt. Während die europäischen Demokratien, mit Ausnahme von Schweden, sich ausgerechnet das Vorgehen eines diktatorischen Regimes wie China zum Vorbild nahmen und zu drakonischen Mitteln griffen, gelang die Senkung der Infektionszahlen in Japan auch ohne Shutdown. Keine Polizisten wurden losgeschickt, um Strafmandate an Leute, die es wagten, auf einer Parkbank zu sitzen, zu verteilen, und man musste – noch – keine Apps aufs Handy herunterladen, damit alle Wege kontrolliert werden können. Allerdings verfolgte man die Infektionsketten auch mit konventionellen Mitteln akribisch zurück, und die Regierung testet schon vorsichtig aus, wie weit die Bevölkerung die Verwendung von Big Data im Kampf gegen Corona akzeptieren würde.
Abe wehrte sich gegen einen Shutdown
Paradoxerweise konnten sich Politiker im Westen, die radikale Verbote erließen und damit nicht nur die Freiheit der Bürger einschränkten, sondern auch die Wirtschaft schädigten, hoher Zustimmungsraten erfreuen, dagegen sanken die Beliebtheitswerte des japanischen Ministerpräsidenten Abe deutlich. Eine Ursache dafür war, dass er anfangs nur die Auswirkungen auf die Wirtschaft im Blick hatte und sich lange Zeit gegen die Ausrufung des Ausnahmezustands sträubte.
Als die wirtschaftlichen Einbußen immer größer wurden, versprach er, jedem von der Corona-Krise betroffenen Haushalt 300.000 Yen zu überwiesen. Später änderte er den Plan dahingehend um, dass jederman in Japan 100.000 Yen (ca. 830 Euro) erhalten sollte. Da ihn dazu jedoch der Koaltionspartner gedrängt hatte, konnte er sich mit der finanziellen Wohltätigkeit nicht allzu sehr brüsten. Es war ihm wohl auch bewusst, dass Helikoptergeld keine nachhaltige Wirkung entfaltet und nur die bereits heute gigantische japanische Staatsverschuldung weiter in die Höhe treiben wird.
Hotels, Restaurants, aber auch andere Betriebe, die auf starken Kundenverkehr angewiesen sind, litten schon seit Januar an den Folgen der Corona-Krise. Bis Ende Februar war es gelungen, Covid-19 weitgehend einzudämmen, denn während zu dieser Zeit in Europa schon das große Zähneklappern losging, sah es damals noch so aus, als käme Japan gut durch die Krise. Doch dann stieg ab Mitte März die Zahl der Neuinfektionen vor allem in Tokyo durch japanische Rückkehrer von Auslandsreisen relativ stark an. Und obwohl sich die Situation zu keiner Zeit so zuspitzte wie in Europa und den USA, war abzusehen, dass Japan doch nicht so glimpflich wie erhofft davon kommen würde.
Im April wurden in Tokyo an manchen Tagen bis zu 200 Covid-19-Neuinfektionen registriert, und die Bürgermeisterin der Stadt, die sich bald Neuwahlen stellen muss, drängte auf einen Shutdown, um sich als „Lebensretterin“ profilieren zu können. Dazu wollte und konnte sich Abe jedoch nicht durchringen, stattdessen rief er den Ausnahmezustand für die am stärksten betroffenen Regionen aus, was die Schließung einiger Lokalitäten erlaubte, wo man eine Clusterbildung befürchtete.
Ich fühlte mich kaum eingeschränkt
Der Ausnahmezustand wurde später auf ganz Japan ausgedehnt und bis Ende Mai verlängert, dann aber kam plötzlich und unerwartet die Aufhebung. Der Grund dafür war, dass es, mit Ausnahme von Tokyo, Osaka und Hokkaido, kaum noch zu Neuinfektionen kam. Stand Mitte Mai gab es insgesamt in Japan 16.500 Covid-19-Fälle bei 750 Toten. Allein in Tokyo hatten sich rund 5.000 Personen infiziert, doch selbst in Spitzenzeiten wurde die Zahl von 35 Neuinfizierten auf 100.000 Einwohner nie übertroffen.
Ich wohne nicht in Tokyo, sondern in einer Stadt am Japanischen Meer und fühlte mich dort von den Notstandsmaßnahmen kaum eingeschränkt. Hamsterkäufe gab es wenige, nur die Papiermundschutzmasken waren in den Drogerien meist ausverkauft. Dafür boten plötzlich Kleidergeschäfte oder andere Läden Masken aus Stoff an. Und da ich abends selten ausgehe, störten mich auch die geschlossenen Lokale nicht.
In der Präfektur, wo ich lebe, war noch bis Ende März kein einziger Fall einer Ansteckung bekannt. Die Universität, bei der ich angestellt bin, ging daher davon aus, das neue Semester ab April wie gewohnt beginnen zu können. Dann tauchte aber der erste Fall einer Covid-19-Infektion auf, und bezeichnenderweise ging er auf eine Studentin zurück, die sich auf einer Party angesteckt hatte. Es war keine Studentin unserer Uni, aber die Universitätsleitung war nun alarmiert, sofort wurden alle Vorlesungen, Seminare und Kurse abgesagt und die Ferien zuerst um eine, dann um zwei Wochen verlängert.
Nach verschiedenen Vorschlägen, wie der Unterricht gestaltet werden könnte, kristallisierte sich ein Online-Projekt mit der Kombination zweier verschiedener Programme heraus. Das eine ist ein Textprogramm, in das man aber auch Powerpoint-, Word- und PDF-Dateien eingeben kann, und die Studenten können ihre Hausarbeiten abgeben. Das zweite ist ein Videoprogramm, wie es auch für Videokonferenzen benutzt wird. Damit kann man mit den Teilnehmern mündlich kommunizieren, aber es lassen sich auch dort Texte eingeben, Videos zeigen, CDs abspielen und anderes Material zur Ansicht verteilen.
Vor- und Nachteile des Online-Unterrichtens
Letzteres Programm hat aber seine Tücken, denn man muss den Teilnehmern für jede Sitzung URL-Adressen übermitteln. Ist die Adresse falsch, wartet man vergeblich, denn die Teilnehmer haben dann keine Möglichkeit, ins Programm zu kommen. Und selbst wenn ein Teilnehmer schon im Programm eingeklinkt ist, aber eine schlechte Internetverbindung hat, kann er auch wieder aus der Leitung fliegen.
Vorteil dieser Methode für den Vortragenden ist, dass man sowohl von zu Hause als auch vom Büro aus unterrichten kann. Und es ist einfach, unterschiedliches Material vorzubereiten. Man kann am eigenen Computer leicht von DVD auf CD oder auf Powerpoint umschalten, braucht keine verschiedenen Geräte und muss nicht vor versammelter Zuhörerschaft mit der Bedienung des Beamers herumspielen, weil der Vorgänger im Seminarraum wieder mal was verstellt hat.
Der Nachteil ist, dass man Zeit braucht, um sich einzuarbeiten. Die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts ist ebenfalls aufwändiger geworden. Und für viele Studenten, die sich als Versuchskaninchen fühlen, ist die neue Situation auch unbefriedigend. Manche beklagen eine Verschlechterung der Unterrichtsqualität, aber das liegt wohl daran, dass die Umstellung für alle Beteiligten schwierig ist. Was sich im analogen Unterricht bewährt hat, funktioniert im digitalen nun schlechter – und umgekehrt.
Dazu kommt, dass vielen japanischen Studenten ihre Clubaktivitäten wichtig sind. Egal, ob es dabei um Musik, Theater spielen, Literaturzirkel, Grafik oder Computer programmieren geht, jeder kann an der Uni seinem Hobby frönen. Zu dem Zweck verbringen Studenten auch oft ihre Freizeit auf dem Campus. Doch das alles wurde abgesagt, sie haben keine Gelegenheit mehr, ihre Freunde und Kollegen zu treffen. Dazu haben die meisten ihre Studentenjobs verloren, müssen aber nach wie vor die in Japan üblichen hohen Studiengebühren bezahlen. Die können bis zu 5.000 Euro pro Jahr betragen, wenn auch manche Universitäten den Studenten wegen der Corona-Krise einen Teil davon rückerstattet haben.
Anstieg der Selbstmordrate
Während des Notstands hatten viele Firmen ihre Angestellten ins Homeoffice geschickt. Viele Geschäfte blieben trotzdem offen, darunter nicht nur Lebensmittelläden, sondern auch Friseursalons. Einige große Kaufhäuser und Hotels hatten dagegen bereits vorher freiwillig zugesperrt. Einerseits, weil ihnen die Kundschaft wegbrach, andererseits weil sie schlechte Presse fürchteten, falls sich bei ihnen Leute ansteckten. Kneipen und Restaurants, die abends zusperren mussten, litten auch tagsüber unter Gästemangel und verlegten sich vielfach auf Außerhaus-Service.
Große Sport- und Kulturveranstaltungen, Theater und Konzerte waren schon lange abgesagt, ebenso wie regionale Märkte und lokale Feste. Tierparks und die beliebten Vergnügungsparks waren geschlossen, aber auch die – Onsen genannten – öffentlichen Thermalquellen. Einige Schulen hatten ihre Ferien schon seit Anfang April auf unbestimmte Zeit verlängert, andere versuchten es – wie unsere Uni – mit E-Learning, und in einigen wenigen gibt es inzwischen auch wieder Präsenzunterricht. Dabei müssen Schüler wie Lehrer Mundschutz tragen und in den Klassen weiten Abstand halten. Und die Lehrer müssen außerdem trotz Mundschutz hinter einer Plastikfolie agieren.
Es ist noch nicht absehbar, wie vielen Betrieben in naher Zukunft die Insolvenz droht. Die offiziellen Arbeitslosenzahlen zeigen noch kein signifikantes Ansteigen. Bisher haben in erster Linie Leute, die nur tage- oder stundenweise beschäftigt waren, darunter viele niedrig qualifizierte Ausländer, ihre Jobs verloren. Die tauchen in der Arbeitslosenstatistik gar nicht auf. Aber auch Stellen, die Firmen den Schulabsolventen des Jahres 2020 zugesagt hatten, wurden gestrichen. Und ein Indikator, der in Japan stark mit der Arbeitslosenrate korreliert, ist die Selbstmordrate – sie stieg in den letzten Monaten deutlich an. Nach Ansicht der Experten werden daher auch in Japan trotz Vermeidung eines Shutdowns die Folgen des Corona-Schocks größer sein als der Lehman-Schock.
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Japan hat keine Außengrenzen zu Nachbarstaaten, es gibt keine Ausländer, keine Immigranten, keine Auslandstouristen und so gut wie keine Fluktuation zwischen den Provinzen (~Bundesländern). Das Land gehört zu den isoliertesten der Welt, vielleicht mal von Nordkorea und North Sentinel Island abgesehen. Japan IST im Grunde permanenter Shutdown. Das kann man mit Europa wohl kaum vergleichen.