Henryk M. Broder / 08.04.2012 / 16:50 / 0 / Seite ausdrucken

Jakob und seine Brüder

Jakob Augstein, der Verleger des Freitag, hat auf SPON einen “Debattenbeitrag zu Günter Grass” geschrieben. Er fängt mit diesen Sätzen an:

“Ein großes Gedicht ist das nicht. Und eine brillante politische Analyse ist es auch nicht. Aber die knappen Zeilen, die Günter Grass unter der Überschrift “Was gesagt werden muss” veröffentlicht hat, werden einmal zu seinen wirkmächtigsten Worten zählen. Sie bezeichnen eine Zäsur. Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: “Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.” Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen. Ein überfälliges Gespräch hat begonnen.” http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826163,00.html

Während Grass pünktlich zu Ostern mit einer Ritualmordlegende um die Ecke kommt, die diesmal globale Konsequenzen haben könnte, nähert sich Augstein der Via Dolorosa von der anderen Seite. Grass ist der Gekreuzigte, der die Sünden aller Menschen auf sich nimmt, um sie von der Schuld zu erlösen. Dafür müssen wir ihm danken. Nun sind vermutlich sowohl Augstein wie Grass aufgeklärte Menschen, Kulturchristen bestenfalls, die man sich weder bei der Beichte noch bei der Wandung vorstellen kann. Aber mehr als 1000 Jahre christlichen Antisemitismus haben tiefe Spuren in ihrem Gemüt hinterlassen. Obwohl der eine nur halb so alt wie der andere, wollen sich doch beide von ihrem Judenknacks befreien.

Das will auch Georg von Grote, Journalist und Kosmopolit, Jurist und Hobbykoch, der als Blogger beim Freitag seine “Nachgedanken” mit anderen Lesern teilt. Schon mit 16 fühlte er sich schuldig, weil Vater und Mutter Funktionsträger im Dritten Reich waren, natürlich “mehr unfreiwllig als freiwllig”, also reiste er nach Israel, das damals als “unschuldig” und “unantastbar” galt. Ergebnis: “Je öfter ich in Israel war, desto unschuldiger fühlte ich mich.”

Und nun ist es GG, der ihn von seiner Restschuld befreit hat: “Und aus Schuldgefühlen heraus, machen wir in Deutschland diesen Wahnsinn mit, statt einfach mal ganz klar zu analysieren und Eigeninitive zu ergreifen und auch klipp und klar einem Netanjahu oder auch einem Herrn Broder und allen anderen, die ihnen nachlaufen zu erklären: Nein! Da spielen wir nicht mehr mit!”

Und „wenn’s Judenblut vom Messer spritzt“, dann gehts Jakob und seinen Brüdern gleich “nochmal so gut”, dann haben sie ihren Judenknacks endlich überwunden.

 

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Henryk M. Broder / 26.12.2019 / 06:25 / 53

Das Europa Parlament lässt es krachen

Das Europäische Parlament, Endstation und Abkühlbecken großer politischer Talente – Bütikofer, Weber, Barley – verabschiedet am Fließband Resolutionen zur Lage in Europa und der Welt. Zum Beispiel "die wegweisende…/ mehr

Henryk M. Broder / 25.12.2019 / 08:34 / 38

All I Want for Christmas Is… Jews!

Hier, wie jedes Jahr, unser Klassiker zu Weihnachten. Aber bitte, lass es weder Micha Brumlik noch Sergey Lagodinsky sein, und auch nicht Maxim Biller. / mehr

Henryk M. Broder / 04.12.2019 / 06:20 / 107

Der Zentralrat der Juden verweigert die Zusammenarbeit

Der Zentralrat der Juden hat am Montag ein Statement zu der Asche-Aktion des Zentrums für politische Schönheit abgegeben und darin erklärt, es wäre "zu begrüßen" gewesen,…/ mehr

Henryk M. Broder / 24.11.2019 / 06:29 / 91

Ein Preis für Heiko

Wenn es regnet und zugleich die Sonne scheint, wenn also Sonnenstrahlen auf Regentropfen treffen, wird das farblose Sonnenlicht gebrochen und in seine farbigen Bestandteile zerlegt. So…/ mehr

Henryk M. Broder / 16.11.2019 / 06:15 / 169

Bischof Bedford-Strohm stellt falsche Ideen zur Rede

Die Evangelische Kirche in Deutschland, EKD, ein Zusammenschluss von 20 formal eigenständigen „Gliedkirchen“, feiert einmal im Jahr ihre „Synode“, eine Art Parlament mit 126 Abgeordneten,…/ mehr

Henryk M. Broder / 11.11.2019 / 13:00 / 61

JBK als Richter Gnadenlos

Nachdem ich gestern den Beitrag über JBK eingestellt hatte, kam es mir vor, als wäre da schon mal etwas gewesen. Ich googelte kurz und wurde schnell…/ mehr

Henryk M. Broder / 29.10.2019 / 15:34 / 71

Tante Charly und Mama Merkel

Gestern bekam Angela Merkel den Theodor-Herzl-Preis des Jüdischen Weltkongresses. "Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Ehem. Präsidentin des Zentralrats der Juden…/ mehr

Henryk M. Broder / 29.10.2019 / 12:00 / 74

Theater-Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Der Wahnsinn, der in diesen Tagen das Land, in dem wir alle gut und gerne leben, überrollt, hat viele Namen. Einer von ihnen ist: Maxim-Gorki-Theater,…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com