Henryk M. Broder / 28.08.2013 / 09:34 / 11 / Seite ausdrucken

Jakob, der Lügner

Die Welt wäre in einem viel besseren Zustand, wenn Jakob Augstein nicht schreiben, sondern regieren würde. Es gäbe keine Armut, keine Kriege, keine sozialen Ungerechtigkeiten, keine Migrations- und Integrationsprobleme, im Musikantenstadt von Andy Borg würden kubanische Arbeiterinnen Lieder nach Texten von Rosa Luxemburg singen und im Dschungelcamp deutsche Banker und Unternehmer sitzen, die von einem revolutionären Volksgericht unter dem Vorsitz von Schwester Franziska zu Zwangsarbeit ohne Bewährung verurteilt wurden.

Leider ist dem nicht so. Denn Jakob Augstein gehört zu den Wegweisern, die sich selber nicht von der Stelle rühren. Er kommandiert sozusagen aus der letzten Reihe, ein blasierter, wohlstandsverwahrloster Coupon-Schneider, der kein Thema auslässt, an dem er seine bräsige Inkompetenz beweisen könnte. Diese Mischung aus missionarischem Größenwahn und faktischer Ahnungslosigkeit ist wirklich beeindruckend. Dagegen waren Wilhelm Voigt, Felix Krull und Konrad Kujau ausgesprochen bescheidene, kommode und unprätentiöse Zeitgenossen.

Nun hat Jakob wieder zugelangt. Er schreibt:

Der amerikanische Verteidigungsminister hat soeben mitgeteilt, man sei auf alle Eventualitäten vorbereitet. Schiffe werden in die Levante verlegt. Israel gibt bekannt, man habe schon den “Finger am Abzugshahn”. Aber niemand glaubt im Ernst, der Westen sei willens oder in der Lage mit Panzern und Bomben in das riesige Syrien einzufallen. Der Schlüssel für Damaskus liegt in Teheran.

Woher weiß er das? Welcher Ayatollah hat es ihm zugeflüstert? Oder hat es ihm Michael Lüders zugesteckt? Dass Israel den “Finger am Abzugshahn” hat, ist die Augsteinsche Variante des Satzes von Grass, dass Israel den Weltfrieden bedroht. So kommt das kleine antisemitische Füsschen immer wieder zum Vorschwein. Nicht Syrien und der Iran bedrohen Israel, Israel bedroht Syrien und den Iran und vermutlich auch die innere Balance von Jakob Augstein, der natürlich sofort deeskalieren würde, wenn einer seiner Nachbarn sich einen größeren Vorrat an Nitroglyzerin, E 605 und Zyklon B zulegen würde.

Und woher hat es Augstein her, dass Israel den “Finger am Abzugshahn” hat? Einer seiner Domestiken hat vermutlich eine Meldung der JTA gefunden, in der Netanjahu mit diesen Worten zitiert wird: “Our finger must always be on the pulse. Ours is a responsible finger and if necessary, it will also be on the trigger,” Netanyahu said Sunday at the start of the weekly Cabinet meeting. “We will always know to defend our people and our state against whoever attacks us, tries to attack us or has attacked us.”

Der Antisemit zitiert den Juden immer so, wie es ihm, dem Antisemiten, passt. Netanjahu sagt: “If necessary…” und er sagt auch: “We will always know to defend our people and our state against whoever attacks us…” Für Augstein ist das schon eine Kriegserklärung. So wie Ströbele 1991 keine Defensivwaffen nach Israel liefern wollte (“Wenn ich eine Eskalation des Krieges damit verhindern könnte, daß eine Million Juden sterben müßten, würde ich das in Kauf nehmen”), sieht auch Augstein im Verteidigungswillen der Juden bereits eine aggressive Haltung. Das ist ein Klassiker der antisemitischen Propaganda. Die Juden hatten auch dem Dritten Reich den Krieg erklärt, und das hat sich nur verteidigt. Heute treiben sie dasselbe Spiel mit Syrien und dem Iran. Sie mögen die ganze Welt täuschen, aber nicht Jakob Augstein. Der weiß, was gespielt wird.

Ich wünsche ihm nichts Schlimmes. Nur dass er einen seiner klugscheißerischen, präpotenten, versauten Kommentare mit einer Gasmaske im Gesicht schreiben müsste.


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Leserpost

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Thomas Schweighäuser / 29.08.2013

“Bräsige Inkompetenz” zeichnet auch Broder aus, zumindest wenn es darum geht, Augsteins politische Position zu definieren. Der Mann ist ein biederer Sozialdemokrat, der sich von einer rotgrünen Regierung eine gemäßigte Reformpolitik erhofft und dazu auch die Linken in die Verantwortung nehmen würde. Diese Position zeichnet sich dadurch aus, dass sie auf “revolutionäre Volksgerichte” verzichtet und keine Texte von Rosa Luxemburg, sondern von Eduard Bernstein vertonen würde. Was Broders Dauerauseinandersetzung mit Augsteins Antisemitismus anbelangt, so erinnert sie an einen Mann, der entdeckt, dass seine Wohnung eine Tür hat, und der nun jedesmal “Heureka” jubelt, wenn sie aufgeht.

Hans Gruner / 29.08.2013

Das Problem ist nicht, dass Linke wie H. Augstein jr. publizieren, das gehört zu einer pluralistischen Demokratie. Schlimm ist, dass vor über 40 Jahren die Einen Handwerker, Facharbeiter, Ingenieure u.ä. wurden (und die Grundlage für die relativ gute wirtschaftliche Lage unseres Landes weiter pflegten), während es unter “den Anderen” Mode wurde, Soziologie, Politologie, Geschichte, Psychologie und Publizistik zu studieren und so gerüstete (mit ideologischer Wegbereitung durch unsere geisteswissenschaftlichen Hochschulfakultäten und deren ideologieorientierten “Forschung”) den “Marsch durch die Institutionen” starteten und seitdem jahrzehntelang “die Medien” und “öffentliche Meinung” beherrschten, “die Anderen” hatten ihnen das Feld überlassen. Das hatte dann Züge einer Gehirnwäsche der Bürger. Hoffnung macht da ein Internet Blog wie Die Achse.

Thomas Schlosser / 28.08.2013

Nur dass der ‘Vater’ im vorliegenden Fall eben Martin Walser und nicht Rudolf Augstein… Passt aber natürlich trotzdem…

Thomas Bonin / 28.08.2013

Die Qualität seiner Thesen inklusive Wahl der Ansprache, die A. auf allen sich anbietenden Kanälen zum “Besten” gibt, lässt Erinnerungen an Volksdekrete wachrufen. Komplexe Analysen fallen offenbar in Ermangelung von Willen resp. Geisteskraft aus. Was OK wäre, solange sich A. seine Brötchen jenseits der Meinungsmacher-Branche verdienen müsste. Die Serienproduktion von Besserwisserei auf Wut-Wellen-Amplitude verlangt freilich herzlich wenig im Vergleich zu einer prosaisch-praktischen Tat, etwa einer Parteigründung. Letzteres wäre das Mindeste, wozu A. sich berufen fühlen sollte, sofern dieser tatsächlich an das glaubt, was er allen Anderen weis machen will. Seine Forum-Fans hätten es (bzw. ihn) verdient.

Henryk R. Chrusciel / 28.08.2013

“So kommt das kleine antisemitische Füsschen immer wieder zum Vorschwein.” Freud’scher Verschreiber oder subtile Charakterstudie?

Klaus Metzger / 28.08.2013

Mein Onkel Willi hatte auch so komische Ansichten über die Welt. Aber keiner kam auf die Idee ihn ernst zu nehmen. Alle sagten, das ist halt Onkel Willi! Auch wäre der öffentlich rechtliche Rundfunk nicht auf die Idee gekommen, ihn in Talkshows einzuladen und die Medien haben ihn völlig zu recht ignoriert. Warum aber tauchen die kruden Ansichten dieses millionenschweren Salonsozialisten Augstein in allen Talkshows auf, warum führen alle möglichen Medien Interviews mit ihm und warum liegt seine Sektiererzeitung Der Freitag in allen öffentlichen Bibliotheken. Das sagt mehr über die Medien und den öffentlich rechtlichen Bereich aus, als über Augstein. Scholl-Latour hat in der letzten Sendung von Illner schon von Deutschland als eingeschränkter Demokratie gesprochen, wegen der allgegenwärtigen Medienmanipulation. Wo er recht hat, hat er recht.

Mira Eriksen / 28.08.2013

Der unreife Junge zündelt eben gern und es ist bei ihm nicht überraschend, dass er bei einem innerarabischen Konflikt die Israelis/Juden als heimliche Drahtzieher ins Spiel bringt. Wenn J.A. bramarbasiert ist man hin-und hergerissen zwischen Lachen wegen seiner gockelhaften Attitüde und einer sich den Tatsachen verweigernden Persönlichkeit, die von Mutmaßungen und persönlichen Aversionen geprägt ist. Zum anderen ist es furchterregend mit welcher Inbrunst er geradezu hasserfüllt über sein Lieblingsthema bzw. seinen Lieblingsfeind fabuliert. Noch schlimmer ist, dass viele Menschen in diesem Land an seinen Lippen hängen und mit seinen kruden Ideen konform gehen. Dass die wirren Gedanken dieses Brandstifters in Deutschland auf so fruchtbaren Boden fallen, ist ein Armutszeugnis für dieses Land.

Michael Geier / 28.08.2013

Kleine Ergänzung (Kein Witz), soeben aus den Top-News auf N-tv: “SPD Chef S. Gabriel fordert Bundeskanzlerin A. M. zur sofortigen Abreise nach Moskau auf, da sich DORT der “Schlüssel” zur Beendigung der Syrien Krise befindet”.  PS. In Wahrheit liegt der Schlüssel in München-Schwabing, wo ich mit Lisa Fitz u. Konstantin Wecker gerade eine WG gegründet hab.

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