Fundstück / 13.06.2013 / 16:49 / 0 / Seite ausdrucken

Jahrtausendfluten

Zitiert aus einem Artikel von Heinz Horeis in Bild der Wissenschaft Ausgabe: Nr. 2/2003, Seite 114


Als 1999 die Oder in Deutschland und Polen über die Ufer trat, redeten manche von einer „Jahrtausendflut“. Es blieben Einzelstimmen. Anders jedoch bei der Flutkatastrophe im August 2002 im Erzgebirge und an Elbe und Donau: Da war der Superlativ in aller Munde. Bundesumweltminister Jürgen Trittin sprach vor dem Bundestag Ende August vom „Jahrtausendhochwasser von Dresden“ – und wusste auch gleich, dass „es zwischen der globalen Erwärmung und dem Auftreten solcher Wetterphänomene einen Zusammenhang gibt“.

Ein Blick in die Geschichte hilft, die Flut von 2002 einzuordnen. In Frankfurt am Main zum Beispiel erinnern mehrere Hochwassermarkierungen am Eisernen Steg – einer Fußgängerbrücke über den Fluss – den Bürger an die Fluten der Vergangenheit. Das Main-Hochwasser von 1970 reichte einem Menschen gerade bis zu den Hüften. Die Fluten der Jahre 1920, 1896 und 1576 wären bereits über seinen Kopf geschwappt. 1882 und 1784 hätte ein Kind auf den Schultern selbst eines großen Mannes Wasser schlucken müssen. Wirklich dramatisch war es 1342: Da stand in Frankfurt das Wasser fast acht Meter höher als normal – der Jahrtausendrekord.

In Passau erreichte die so genannte Jahrtausendflut dieses Sommers einen Pegelstand von 10,80 Metern – etwa so hoch waren auch die Überschwemmungen von 1787, 1862 und 1899. Verheerender war die von 1954: 12,20 Meter. Doch noch höher stand das Wasser in Passaus Straßen in den Jahren 1595 und 1501. Die Flut von 1501 kam, wie das Hochwasser von 2002, im August und wütete ebenfalls im Erzgebirge und in der Elb-Region. Für derartige Sommerfluten ist häufig dieselbe Wetterlage verantwortlich: Ein Atlantiktief über dem Mittelmeer lädt sich mit Wasserdampf auf und driftet nach Norden, wo es die Wassermassen über Mitteleuropa ausklinkt.

Dieser Wetterprozess bewirkte nach Meinung des verstorbenen Meteorologen Rainer Roth von der Universität Hannover auch die „Sintflut“ von 1342. Sie wurde „Magdalenen-Hochwasser“ genannt, da die Katastrophe am Sankt-Magdalenen-Tag auftrat, dem 21. Juli. Das Zentrum der Niederschläge lag damals im Einzugsgebiet des Mains, also weiter westlich als beim Elbe-Hochwasser 2002. Würzburg, Frankfurt und Köln verzeichneten Rekordmarken, die seitdem nicht wieder erreicht wurden. In Würzburg riss das Wasser alle Brücken fort, und die Kölner konnten mit Booten über die Stadtmauer fahren. Für den Experten Jörg Negendank vom Geoforschungszentrum Potsdam war dies das „Superereignis“ unter allen Hochwasser-Katastrophen. Es gab viele Tote und immense wirtschaftliche Schäden, von denen sich das Land nur langsam erholte.

Die Klimahistoriker sind sich einig: Wenn man überhaupt von einer Jahrtausendflut sprechen will, dann war es die von 1342. Dieser Meinung ist auch der Hydrologe und Buchautor Martin Schmidt. In seiner Analyse der historischen Hochwässer im deutschen Rheingebiet kommt er zu dem überraschenden Schluss: „Die verfügbaren Informationen und Daten lassen das 20. Jahrhundert als eines erscheinen, das nicht einmal ein Jahrhunderthochwasser gehabt hat.“

Baden wir mit den jüngsten Fluten also wirklich die „Folgen von 100 Jahren Industrialisierung aus“, wie Minister Trittin meinte? Im Rheinischen Merkur vom 5. November 2002 widersprach Jörg Negendank der Auffassung, der sekundäre Treibhauseffekt sei unmittelbar für diese Ereignisse verantwortlich. Eine solche Aussage lasse sich den globalen Klimamodellen nicht entnehmen. Seine Bilanz: „Das wird sich immer wieder ereignen. Man muss sogar irgendwann mit einem Hochwasser des Ausmaßes von 1342 rechnen.“

http://www.bild-der-wissenschaft.de/bdw/bdwlive/heftarchiv/index2.php?object_id=10095651

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Fundstück / 21.02.2016 / 21:11 / 1

Zwei Völker und eine Stimme

Einstaatenlösung, Zweistaatenlösung oder gar keine Lösung - das sind derzeit die Alternativen im Nahen Osten. Der so genannte Friedenssprozess steckt in einer Sackgasse. One Voice ist…/ mehr

Fundstück / 19.01.2016 / 19:58 / 0

Die kulturellen Hintergründe der Kölner Attacken

Bis heute ist nicht geklärt, was in der Silvesternacht in Köln geschah. War ein Flashmob unterwegs? Haben sich Frauen zusammengerottet, um Flüchtlingen eine Falle zu…/ mehr

Fundstück / 17.01.2016 / 17:10 / 1

It’s the Islam, Stupid!

So ist das in Deutschland verordnet, so will es die elitäre linksliberale und grüne und linke Berliner Elite: Der Begriff «Muslime» soll – darf! –…/ mehr

Fundstück / 15.01.2016 / 07:01 / 1

Ehe, Krieg und Geschlechtsverkehr

Hamed Abdel-Samad: Über Islam und sexuelle Gewalt schreibe ich in meinem aktuellen Buch “Mohamed. Eine Abrechnung” folgendes: Gewalt beginnt mit dem Wort. Der Koran benutzt…/ mehr

Fundstück / 01.01.2016 / 12:38 / 0

Warum feiern Christen Neujahr?

An Weihnachten wurde Jesus geboren, Karfreitag starb er und an Ostern ist er auferstanden. Aber was geschah mit Jesus an Neujahr? Welches Ereignis neben seiner…/ mehr

Fundstück / 01.01.2016 / 10:43 / 0

The German Doppelganger

Wissen Sie, was Jeremy Corbyn, der Chef der britischen Labour, und Sarah Wagenknecht, die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, gemeinsam haben? Nein, nicht den eleganten…/ mehr

Fundstück / 27.12.2015 / 23:31 / 0

Finnland genehmigt weltweit erstes Endlager

Die bedächtigen Finnen haben etwas geschafft, wovon wir Deutsche, in unserer aufgeregten Art, noch meilenweit entfernt sind: sie besitzen ein genehmigtes Endlager für hochradioaktiven Atommüll.…/ mehr

Fundstück / 27.12.2015 / 13:00 / 0

Falls Sie morgen zur Mülltonne gehen

“Nach dem Fest kommen Servietten aus Papier eigentlich nicht in den Restmüll. Sie gehören in das Altpapier, erklärt das Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau. Genau wie normales…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com